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121N

Johan Christian Clausen Dahl

Bergen 1788 – 1857 Dresden

Mondscheinlandschaft („Wanderer on a Mountain Top“). 1823
Öl auf Papier auf Pappe. 18,1 × 24,6 cm (7 ⅛ × 9 ⅝ in.) Unten links monogrammiert und datiert: JD d. 19 Novbr. 1823. Auf dem Schmuckrahmen oben mit Feder in Schwarz beschriftet: Professor C. Dahl 1823 [...] Maaneskinslandskab [...]. Bang 433.  [3060] Gerahmt 

ProvenienzL. W. Dahl, Christiania (?) / Dr. Joh. Schweigaard, Oslo (1937) / Privatsammlung, Nürnberg (1987) / Privatsammlung, Schweiz

EUR 40.000 – 60.000
USD 42,700 – 64,000

Mondscheinlandschaft („Wanderer on a Mountain Top“)

Auktion 270Mittwoch, den 31. Mai 2017, 15.00 Uhr

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AusstellungChristiania [Oslo], Kunstforening, 1888, Kat.-Nr. 30 (?)

Literatur und AbbildungVersteigerungskatalog 121. München, Neumeister, 1969, Kat.-Nr. 859, Abb. Tf. 66

„In der Composition ihrer Landschaften wetteifern auf verschiedenem Wege Friedrich und Dahl. Ist jener genial als Idealist, so ist es dieser als Naturalist. Dahl verbindet mit schöpferischem Geist; Friedrich erfindet. Zeichnet diesen Größe der Idee und Tiefe der Empfindung aus, so erkennt man jenen an dem Reichthum seiner Phantasie und an der Klarheit seiner Darstellung.“ Die bündige Formulierung eines anonymen Kunstkritikers, die am 20. Oktober 1823 im Literarischen Conversations-Blatt erschien, zeigt exemplarisch, dass Johan Christian Dahl und Caspar David Friedrich bereits von ihren Zeitgenossen als einander verwandte, aber doch klar unterscheidbare künstlerische Temperamente beschrieben wurden. Ihre Nähe und Freundschaft zeigte sich nicht nur darin, dass beide Maler seit dem Frühjahr 1823 im selben Haus in Dresden (An der Elbe 33) wohnten und arbeiteten. Vielmehr wiesen auch die Werke, mit denen sie bei den Dresdner Ausstellungen an die Öffentlichkeit traten, unverkennbare Ähnlichkeiten auf. In der Wahl der Motive und in der Vorliebe für nordische Landschaften mussten Dahls Gemälde die Dresdner Kunstliebhaber unweigerlich an Werke des gut 13 Jahre älteren Friedrich erinnern. Und dennoch wurde Dahl nie auf die Rolle eines bloßen Nachfolgers von Caspar David Friedrich reduziert. Er konnte die Nähe zu dem ebenso bekannten wie eigenwilligen Maler riskieren, weil er bereits 1818 bei seiner Ankunft in Dresden als eigenständige künstlerische Persönlichkeit in Erscheinung getreten war.
Die eingangs zitierte Bemerkung zeugt davon, wie die Zeitgenossen Friedrichs und Dahls die Nähe und zugleich Eigenständigkeit beider Maler auf Begriffe zu bringen versuchten, um sie sich begreiflich zu machen. Mit den Stichworten Idealismus und Naturalismus bot die Ästhetik der Goethezeit Begriffe, mit denen sich nachvollziehen ließ, dass Dahls Landschaften den Eindruck einer sehr weitgehenden Naturtreue vermittelten, während Friedrichs Bilder oftmals durch sperrige Kompositionen nach tieferer Ausdeutung verlangten. Die Charakterisierung der beiden Künstler mit diesen Begriffen ist zwar nicht gänzlich irreführend, wird aber zur groben Verzeichnung, wenn in ihr noch die traditionelle Unterscheidung von Ideallandschaft und Vedute nachzuhallen scheint.
Denn Friedrichs und Dahls Werke des Jahres 1823 lassen keinen Zweifel daran, dass das Verhältnis der beiden Maler komplexerer Natur war und keineswegs nur Dahl von Friedrich profitierte. Während sich Dahl vom älteren Malerfreund zu Mondscheinlandschaften und Rückenfiguren anregen ließ, konnte Friedrich im Austausch mit dem gebürtigen Norweger die Vorzüge rascher Ölstudien kennen und schätzen lernen. Friedrich hatte für seine Gemälde bis in die frühen 1820-er Jahre fast ausschließlich auf Naturstudien zurückgegriffen, die er in Bleistiftzeichnungen festgehalten hatte. Dahl war hingegen vermutlich schon während seiner Kopenhagener Studienzeit (1811–1817) mit den Möglichkeiten der Ölstudie vertraut gemacht worden. Insbesondere während seines Italienaufenthalts in den Jahren 1820 und 1821 übte er sich darin, rasch wechselnde atmosphärische Situationen und Wolkenformationen zügig mit dem Pinsel und Ölfarben auf Papier oder Pappe zu fixieren. Dahl machte sich damit eine Praxis zu eigen, die kurz zuvor bereits Maler wie Thomas Jones oder Pierre-Henri de Valenciennes erprobt hatten und die um 1820 insbesondere in Rom und Neapel (zu denken ist u. a. an Anton Sminck van Pitloo) eine regelrechte Konjunktur erlebte. Es verdankt sich sicherlich einer Anregung Dahls, wenn auch Friedrich im Herbst 1824 einige Ölstudien schuf, die dramatisch beleuchtete Abendhimmel zeigen.
Dahls kleine Mondscheinlandschaft vom November 1823 gibt sich ebenfalls als eine solche Ölstudie zu erkennen. Bereits der Bildträger, das auf Pappe aufgezogene Papier, signalisiert, dass das kleinformatige Bild sich in diese Tradition stellt. Es zeigt einen höchst transitorischen Moment, in dem Wolkenschleier den hell leuchtenden Vollmond entweder verdecken oder aber gerade von ihm wegziehen. Die Scheibe des Mondes ist daher auf effektvolle Weise partiell verhüllt, und das Licht kann sich am Wolkensaum brechen, sodass am nächtlichen Himmel Nuancen von Rot und Gelb widerscheinen.
Während sich die Himmelspartie von Dahls kleinem Bild gut in die Konventionen der Ölstudie einordnen lässt – in Dahls Œuvre finden sich weitere, etwa zeitgleich entstandene vergleichbare Beispiele (vgl. Bang Nr. 389 u. Nr. 415) –, weicht der untere Teil des Gemäldes von diesem Bildtyp ab. Dahl deutet hier nicht nur eine Berglandschaft an, sondern fügt in die Szenerie auch eine Figur ein, die lotrecht unter dem Vollmond etwas rechts der Mittelachse des Bildes erscheint. So skizzenhaft der sitzende Wanderer auch ausgeführt ist, weist er sich als Rückenfigur mit Barett doch sogleich als eine Reminiszenz an Landschaftsbilder Caspar David Friedrichs aus. Mit diesem Motiv beansprucht die kleine Ölstudie den Rang eines autonomen Bildes, dessen Funktion sich nicht darin erschöpft, dem Naturstudium und der Vorbereitung anderer Bilder zu dienen. Es ist daher auch nur konsequent, dass Dahl seinem kleinen Gemälde eine klar hervortretende Komposition zugrunde legt, die den kurvigen Verlauf der Wolken auf die von Mond und Figur markierte Achse hin ausrichtet. Fast schon programmatisch führt Dahl vor Augen, dass sich die evokative, nachdenklich stimmende Wirkung der Landschaften Friedrichs auch mit den modernen Mitteln der pastosen Ölstudie erzielen lässt. Damit bündelt und verdichtet seine Mondscheinlandschaft in wohl einzigartiger Weise das produktive, von Nähe ebenso wie von Eigenständigkeit gekennzeichnete Verhältnis zwischen Dahl und Friedrich.
Johannes Grave

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