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Heinrich Anton Dähling

Hannover 1773 – 1850 Potsdam

Maria mit dem Kinde. 1820
Öl auf Metall. 40,3 × 32 cm (15 ⅞ × 12 ⅝ in.) Unten links, auf der Sitzbank, signiert und datiert: H. Dähling 1820. Kleine Retuschen.  [3290] Gerahmt 

EUR 6.000 – 8.000
USD 7,070 – 9,420

Verkauft für:
8.750 EUR (inkl. Aufgeld)

Maria mit dem Kinde

Auktion 278Mittwoch, den 29. November 2017, 15.00 Uhr

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AusstellungVerzeichnis der (...) Kunstwerke (...). Berlin, Königliche Akademie der Künste, 1820, Kat.-Nr. 29

Literatur und AbbildungFriedrich von Boetticher: Malerwerke des neunzehnten Jahrhunderts. 4 Bände. Dritter, unveränderter Nachdruck, Hofheim am Taunus, H. Schmidt & C. Günther, 1979 (zuerst Fr. v. Boetticher's Verlag, Dresden 1891–1901), hier Erster Band (Erste Hälfte), S. 213, Nr. 15 („Madonna“)

Heinrich Anton Dählings „Madonna mit dem Kinde“ ist ein Kunstwerk von großer technischer Vollendung. Es ist auf Metall gemalt und damit von einer farblichen Brillanz wie die um 1600 auf Kupfer gemalten Kabinettbilder von Elsheimer, Rottenhammer und Reni. Die unbeschädigte Oberfläche wirkt porzellanhaft, undurchdringlich. Die Madonna hat auf einer Steinbank Platz genommen und hält das schlafende Jesuskind als Vorzeichen seiner Passion im Arm. Ins strenge griechische Profil gewendet blickt die Mutter reflektierend zu dem Kind herunter. Eine weite italienische Landschaft eröffnet sich hinter der Balustrade, eine Palme erinnert zeichenhaft an die ägyptische Episode der Heiligen Familie. Ein plätschernder Brunnen, aus dem eine Taube trinkt, eine Vase mit weißen Lilien und zwei Hirsche im Wald sind verhaltene Chiffren des Idyllischen, das diesem Gemälde innewohnt. Stichwort Hirsche: „Wie der Hirsch schreit nach frischem Wasser, so schreit meine Seele, Gott, zu dir“, heißt es im 42. Psalm. Doch bei Dähling schreit niemand, hier ist alles wohlgesetzt und mit künstlerischer Raison entworfen.
Heinrich Anton Dähling war ein Grenzgänger zwischen Klassizismus und Romantik. Seine farbenfrohen Ölgemälde zeugen von seiner Schulung in der Miniaturmalerei. Erst während seines Aufenthalts in Paris begann er um 1802, auch in Öl zu malen. Nach seiner Rückkehr wurde er Professor an der Berliner Akademie und führte zahlreiche Gemälde, vor allem aber Vorlagen für Stichreproduktionen aus, unter diesen eines der bekanntesten Bildnisse Napoleons. Dähling arbeitete konsequent an einer Verbindung von klassischer und romantischer Ikonografie. 1822 malte er den „Einzug eines Fürsten“ (Berlin, Nationalgalerie), ein Bild des romantischen Klassizismus im Sinne Karl Friedrich Schinkels, das die patriotische Mittelaltersehnsucht zum Ausdruck bringt.
Unsere Madonna gehört fraglos in diesen geistigen Kontext: Auch Dähling, noch ganz Kind des 18. Jahrhunderts, blieb nicht unberührt von dem Feuersturm der „neudeutsch-religiös patrotischen Kunst“, der die heitere Griechenwelt der Klassizisten durchwehte. Auch er, der griechische Profile liebte und 1828 mit seinen „Kranzwinderinnen“ noch eine veritable Idylle im reinsten antikisierenden Stil schuf, malte nun die Madonna, weil es das Gebot der Zeit war, romantisch zu sein. Für Dähling war das Madonnenthema aber auch eine Herausforderung in altmeisterlicher Perfektion. Sein Blau ist fraglos eines Fra Angelico würdig und erinnert zugleich an eine Inkunabel des Lukasbundes, die 1811 in Rom entstandene „Madonna auf der Steinbank“ von Friedrich Overbeck (Lübeck, Behnhaus). Dieses Gemälde, obgleich es sich seinerzeit schon in Lübeck im Besitz des Senators Overbeck befand, kannte Dähling sicher nicht. Seine Madonna aber zeigt, dass es ihm möglich war, romantisch zu sein, ohne Romantiker zu sein.
Michael Thimann

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