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Anton Räderscheidt

1892 – Köln – 1970

„Stillleben mit roter Tulpe“. 1923
Öl auf Pappe. 41 × 31,8 cm (16 ⅛ × 12 ½ in.) Unten rechts signiert und datiert: Anton Räderscheidt 23. Das Gemälde wird vom Anton-Räderscheidt-Archiv, Köln, unter der Nr. 1923 / 014 in das digitale Werkverzeichnis aufgenommen (in Vorbereitung).  [3210] Gerahmt 

ProvenienzGeorg Lüttke, Köln / Berlin (in den 1920er-Jahren vom Künstler erworben, seitdem in Familienbesitz)

EUR 40.000 – 60.000
USD 42,700 – 64,000

„Stillleben mit roter Tulpe“

Auktion 273Donnerstag, den 1. Juni 2017, 18.00 Uhr

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Es ist eine Komposition von großer Klarheit, die Anton Räderscheidt in diesem Stillleben vor dem Betrachter ausbreitet. Aus rechten Winkeln hat der Maler den Raum aufgebaut: Auf einem blauen Tisch steht mittig eine weiße Vase, rechts befindet sich ein schwarzes Wandstück, im Hintergrund ein weißer Vorhang. In der Vase steckt eine einzelne rote Tulpe mit zwei Blättern am Stiel. Räderscheidt verarbeitet in dieser Arbeit zweifellos den tiefen Eindruck, den die Pittura Metafisica auf ihn ausgeübt hatte. Durch Max Ernst, der 1919 die ersten Ausgaben der italienischen Avantgardezeitschrift „valori plastici“ nach Köln mitbringt, lernt Räderscheidt die aktuelle italienische Malerei kennen und bemerkt: „Stärkster Eindruck überhaupt von Chirico und Carrà.“ Dieser Einfluss ist auch in seinen Figurenbildern aus der Zeit zu sehen, wie beispielsweise beim „Mann mit steifem Hut“ (Sammlung Kasimir Hagen, Stadt Köln).
In den 1920er-Jahren entstehen etwa zwei Dutzend Stillleben, die alle Phasen der malerischen Entwicklung Räderscheidts spiegeln, denn der Maler hat an ihnen neue künstlerische Ausdrucksmöglichkeiten ausgelotet. In keinem verarbeitet er die Pittura Metafisica so konsequent wie bei unserem Bild. Die Tulpe wirkt wie eine Analogie auf den einzelnen, in einer Stadtkulisse verloren wirkenden Mann mit steifem Hut, der bei Räderscheidt immer auch ein Selbstporträt ist. Hier wie dort zeigt sich trotz aller Verlorenheit ein starker Wille zur Selbstbehauptung. Die Tulpe ist scharf konturiert, die eigentlich zarte Pflanze wirkt fest und verdichtet. Diese Blume, will Räderscheidt dem Betrachter sagen, wird nie verblühen.
Die Vanitas-Symbolik, die den Natures mortes seit ihren holländischen Ursprüngen eigen ist, fehlt in diesem Stillleben. Die Zeit wird nicht als etwas dargestellt, das vergeht, vielmehr scheint sie angehalten. Nicht nur dass die Blume in perfekter Symmetrie erblüht und dadurch fast wie ein maschinelles Produkt wirkt. Auch der Malerei als solcher fehlen Schatten und Makel. In puristischem Weiß erstrahlt die Vase, den Farbverlauf der polierten Tischplatte gibt Räderscheidt mit großer Raffinesse wieder. Durch die Stilisierung aller Elemente wirkt die Komposition dennoch nicht statisch: Die grünen Blätter greifen mit feinem Schwung in den Raum; die vordere Kante des Tisches steigt zur linken Seite minimal an; auch den Vorhang hat der Künstler durch subtile Farbnuancen belebt.
Georg Lüttke, der erste Besitzer des Bildes, erwarb das Gemälde direkt vom Künstler. Das Ehepaar Lüttke hatte Anton Räderscheidt und seine Frau Marta Hegemann 1923 in Köln kennengelernt, in dem Jahr, in dem die „Rote Tulpe“ entstand. Die Lüttkes wurden nicht nur Freunde Räderscheidts, sie förderten den damals noch nahezu unbekannten Maler durch den Kauf mehrerer Arbeiten. Dazu gehören neben diesem Stillleben unter anderem ein Porträt Lüttkes aus demselben Jahr, zwei Bildnisse von Gertrud Lüttke von 1928 und 1933 sowie das großformatige Gemälde „Drahtseilakt“ von 1929, das seit dem Krieg als verschollen gilt.
Zwei Jahre nachdem Räderscheidt mit Gertrud und Georg Lüttke Freundschaft geschlossen hatte, fand in der Mannheimer Kunsthalle die inzwischen berühmte Ausstellung „Die Neue Sachlichkeit“ statt. Räderscheidt war mit zwei Werken vertreten. Für den Maler, der seine Arbeiten lange Zeit kaum außerhalb der eigenen Wohnung präsentieren konnte, war es die erste öffentliche Anerkennung seiner unverwechselbaren, ganz eigenen künstlerischen Position.
OH

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