Philosophie und Geschichte

Kennerschaft, Kompetenz, Vertrauen

Diesen Kernbegriffen unserer Arbeit fühlen sich alle verpflichtet, die bei Grisebach tätig sind – beflügelt durch eine Liebe zur Kunst, die nie in Routine abgleitet. Wenn es ein Grundbedürfnis gibt, das während der drei Jahrzehnte des Bestehens unseres Auktionshauses alle Beteiligten verbunden hat, dann ist es diese Begeisterung für das einzelne Kunstwerk, sei es ein Spitzenwerk oder ein Geheimtipp. Das Vergnügen, den Augenblick der Erkenntnis großer Kunst mit Gleichgesinnten zu teilen, dabei eingebunden zu sein in ein Netzwerk von Menschen, die sich dieser Leidenschaft als Sammler oder Forscher verschrieben haben, ist die eigentliche Belohnung für unsere Arbeit, über das Merkantile hinaus. In der Zeit zwischen dem Erscheinen der neuen Kataloge und den dann folgenden Auktionen wird die Villa zu einem Museum auf Zeit: ein Ort überraschender Entdeckungen, die manchmal sogar Neudefinitionen der Kunstgeschichte nach sich ziehen.

Lifting spirit

Natürlich ist Grisebach auch ein Marktplatz, zum Nutzen unserer Kunden ein sehr erfolgreicher. Dieser Erfolg verdankt sich nicht zuletzt der Tatsache, dass unser Haus sich als eine ambitionierte Forschungsstätte versteht. Moderne Kunstgeschichte und verantwortungsbewusster Kunsthandel sind den gleichen Prinzipien verpflichtet. Ihr Ideal ist die transparente, intelligent erforschte „Biographie“ jedes Kunstwerkes - zum Nutzen der Einlieferer wie der Erwerber. Berlin ist für solches Forschungsinteresse an der Entstehungs-, Wirkungs- und Besitzgeschichte ein sehr guter Ort. Wir arbeiten auf Rufweite der großen Museen und sind eingebettet in eine der dichtesten kunst- und kulturhistorischen Forschungslandschaften der Welt. Ideale Voraussetzungen also für die schnelle Gewinnung hochkarätiger Expertisen. Grisebach ist im Vergleich zu den großen Tankern des globalen Kunsthandels ein „wendiges Schnellboot“ (Bernd Schultz). Dass es in der Fasanenstraße immer und zuerst um die Kunst geht, spüren alle, die hier einmal zu Besuch gekommen sind. “Everytime I come here it lifts my spirit“, schrieb der Nobelpreisträger Eric Kandel in unser Gästebuch. So wie er haben seit dreißig Jahren viele Menschen empfunden, die sich der internationalen Grisebach Community zugehörig fühlen. Die Tür der Villa steht immer weit offen für die weltweite Gemeinde ernsthafter Kunstfreunde. Das Familiäre ist ein Kennzeichen des Unternehmens. Wer zu uns kommt, um Beratung in Sachen der Kunst zu suchen, gerät nicht in einen anonymen Apparat, sondern findet sofort persönliche Ansprache: Menschen, die sich mit professioneller Fachkundigkeit sogleich auf die individuellen Fragen und Bedürfnisse einstellen, die ihnen anvertraut werden. Beratung geht dabei oft über das Feld der Auktionen hinaus.

Genius Loci

Familiarität ist in der Villa kein Gegensatz zur Internationalität. Die hanseatische Herkunft unseres Gründers hat Grisebach eine Mitgift an prinzipiell weltzugewandtem Denken eingebracht. Als in der jüngeren Zeit die Globalisierung des Kunsthandels für alle sichtbar wurde, war das für Grisebach eine längst vertraute Dimension des Denkens. Berlin ist wieder geworden, was die Gründer von Grisebach vor fast drei Jahrzehnten herbeigesehnt hatten: eine Weltstadt der Kultur. Freundschaften stiften durch Kunst und Kultur, geschichtsbewusst bleiben und das Beste an Berlin weitertragen, in dem aufgeklärten Geist der Neugier und Toleranz - das ist die Botschaft des Hauses.

Weltweite Wirkung

Kulturgeschichtlich wichtig ist die nachhaltige internationale Wirkung, wie sie durch Grisebach auf die Wahrnehmung deutscher Kunst der Klassischen Moderne ausgegangen ist. Grisebach darf für sich in Anspruch nehmen, die unumstrittene Weltgeltung des deutschen Impressionismus und Expressionismus, aber auch der Kunst des Realismus und der Neuen Sachlichkeit erheblich befördert zu haben. Auf diesem Feld und in der Sammlungsgeschichte ist das Auktionshaus unbestrittene Autorität. Museen und Privatsammler sowie wissenschaftliche Institute machen von der Kompetenz der vielen Mitstreiter bei Grisebach regen Gebrauch.

Das Grisebach-Netzwerk

Der dauerhafte Erfolg gründet sich vor allem auf das unermüdliche Engagement, die Neugier und langjährige Erfahrung der Grisebacher. Die Pflege enger, vertrauensvoller Kontakte zu Sammlern, Experten, Institutionen, Künstlern, Restauratoren und Provenienzforschern in Deutschland und der Welt begründet den vertrauenswürdigen Ruf. 30.000 Personen umfasst dieses Netzwerk mittlerweile. Es erstreckt sich von Europa bis in die Vereinigten Staaten von Amerika, über Lateinamerika, den Nahen und Fernen Osten bis nach Australien. Neben unseren Teams in den Repräsentanzen Düsseldorf, München, Zürich und New York stehen Ihnen auch Repräsentanten in Hamburg, Dortmund, Frankfurt und Stuttgart, Rom, Paris und Los Angeles jederzeit für vertrauensvolle, diskrete Beratung und für unverbindliche Begutachtung und Schätzung von Kunstwerken zur Verfügung.

Erweiterung des Spektrums

Weil die Geschichte der Kunst im 19. und 20. Jahrhundert nicht verstanden werden kann ohne die Wirkung des Mediums Photographie, hat Grisebach 1998 mit der regelmäßigen Versteigerung bedeutender Photographien begonnen. Die FAZ schrieb am 22.11.2003: „So einfach darf man es formulieren: Die beste Auswahl an Fotografien bei den diesjährigen Herbstauktionen hat Grisebach. Und am liebsten möchte man hinzufügen: wieder einmal. Den Katalog durchzublättern ist pures Vergnügen.“ Das Team um Franziska Schmidt konnte im Frühjahr 2015 mit dem seltenen Vintage-Abzug „Dunkle Figur“ von Werner Rohde aus dem Jahr 1928 den höchsten Preis jemals für einen Vintage-Abzug in Deutschland erzielen.

In den letzten Jahren hatte Daniel von Schacky die Arbeit speziell auf dem Gebiet der Zeitgenössischen Kunst intensiviert. Entscheidend hierfür ist die Erkenntnis, dass mit dem weltweiten Aufstieg der aktuellen deutschen Malerei wieder das Phänomen einer „Klassischen Moderne“ aus Deutschland greifbar wird.

Grisebach hat das Angebot auch im Bereich der Kunst des 19. Jahrhunderts erweitert und führt dazu unter der Leitung von Florian Illies seit 2011 ebenfalls eigene Auktionsveranstaltungen durch.

In der Herbstsaison 2012 wurde unter der Leitung von Dr. Stefan Körner die Abteilung „ORANGERIE Ausgewählte Objekte“ gegründet. Sammelwürdige Kunsthandelsobjekte von der Antike bis in die Moderne werden seither in eigenen Auktionsveranstaltungen angeboten.

Wirtschaftlicher Erfolg

Das Konzept und der neue Stil, wie auch die Konzentration auf ein begrenztes, mit Souveränität beherrschtes kunsthistorisches Revier, wurden seinerzeit, bei der Gründung von Grisebach, unter den Sammlern sofort positiv aufgenommen. Zur ersten Vorbesichtigung im November 1986 kamen über 2500 Kunstinteressierte. Der Umsatz dieser Auktion betrug über 4 Mio. DM. Bereits im ersten Jahr schrieb Grisebach schwarze Zahlen. Was besonders wichtig war: Zwischen den Mitarbeitern der Villa, den Einlieferern, den Experten und Sammlern entstand ein Netz gegenseitigen Vertrauens. „Grisebach“ wurde schnell ein Synonym für spektakuläre Zuschläge und interessante Entdeckungen. 1988 erzielte Lyonel Feiningers „Raddampfer II“ (1928) den ersten Weltrekord mit brutto 2,4 Mio. DM. 1989 brachte Franz Marcs Gouache „Fabeltier“, auf 450.000 DM geschätzt, brutto 3,0 Mio. DM ein. Adolph von Menzels Berlin-Bild „Der Schafgraben“ von 1846 erreichte 2003 mit brutto 1,3 Mio. Euro einen ersten Weltrekordpreis für den deutschen Künstler. Das bisher teuerste Kunstwerk, das jemals auf einer deutschen Auktion versteigert wurde, war im Jahr 2005 Max Beckmanns geheimnisvolles Frauenbildnis „Anni“ mit brutto 3,9 Mio. Euro. Im Jahr 2006 konnte Grisebach sechs der zehn teuersten Kunstwerke deutscher Auktionen bei einem Jahresumsatz von 45 Mio. Euro zuschlagen. Das Jahr des 25jährigen Bestehens feierte Grisebach 2011 mit einem Jahresumsatz von 59 Mio. Euro. Im Herbst 2014 konnte erneut ein Weltrekord für ein Menzel-Werk vermeldet werden. Seine „Stehenden Rüstungen“ erzielten in der Auktion Kunst des 19. Jahrhunderts 3,3 Mio. Euro.

Vorläufiger Höhepunkt der jüngsten Sparte ORANGERIE Ausgewählte Objekte war die wissenschaftliche Aufarbeitung der spektakulären Berliner Sammlung Rohde-Hinze aus den goldenen Jahren des Berliner Kunsthandels. Der Publikation zweier Kataloge mit fast 400 Werken folgte die Auktion im Sommer 2015 mit einem Erlös von 6,8 Mio. Euro.

Gründung und Gründer

Anfang 1986 fanden sich in Berlin fünf Kunsthändler zusammen, die ein Auktionshaus neuen Stils gründeten. Inspirierende und treibende Kraft war der Bremer Kaufmannssohn Bernd Schultz. Noch als Banklehrling im Bankhaus Lampe hatte er sich bei Hans Pels-Leusden von dessen kunstmissionarischem Feuer anstecken lassen. Zwei Jahre später trat er als Werkstudent in dessen Kunsthandlung ein und wurde 1975 Partner. Trotz aller damaligen Beschränkungen durch die schwierige geopolitische Lage glaubte Schultz unerschütterlich an eine neue glanzvolle Zukunft Berlins als Kunststadt. „Die Idee der Freiheit ist immer stärker als die Idee der Unterdrückung“ (Schultz). Berlin schien den Gründern der richtige Platz zu sein, um der deutschen Kunst eine internationale Bühne zu schaffen.

Hans Pels-Leusden (1908 - 1993), Händler und Maler, Sammler und Stifter des Berliner Kollwitz Museums, war vielfältig persönlich verbunden mit den Künstlern der deutschen Moderne. Sein Credo: „Ein Kunstliebhaber muß für die Kunst brennen.“ Joachim Fest schrieb über ihn: „Die Berliner Kunstszene ist stets von einflußreichen Händlerfiguren geprägt worden. Für die zwanziger Jahre stehen dafür Namen wie Cassirer, Flechtheim, Nierendorf oder Ferdinand Moeller. Für die erste Nachkriegszeit steht Hans Pels-Leusden."

Wilfried Utermann leitet in vierter Generation die 1853 gegründete Galerie Utermann in Dortmund, die älteste noch in Familienbesitz befindliche Kunsthandlung Deutschlands. Sie hat sich seit 1970 der Kunst des Expressionismus und der Klassischen Moderne verpflichtet, besonders Lyonel Feininger, Christian Rohlfs und den Künstlern der BRÜCKE. 

Raimund Thomas hat seine Galerie seit 1964 zu einem Fokus der Klassischen Moderne gemacht. Im traditionell konservativen München war es Thomas gelungen, an die Tradition der großen Münchner Moderne-Händler Goltz, Thannhauser, Franke und Stangl anzuknüpfen.

Michael Neumann in Düsseldorf, der leidenschaftliche Freund der Klassischen Moderne, war auf vielfältige Weise mit dem Kunstleben vertraut. Schon früh interessierte er sich für die Photographie; seine Begeisterung für die Zeitgenössische Kunst war ansteckend.

Bernd Schultz und Wilfried Utermann sind noch heute Gesellschafter. Prof. h.c. Hans Pels-Leusden starb 1993 (s. Nachruf in der FAZ vom 28.4.1993), Raimund Thomas und Michael Neumann schieden aus. Im Jahr 2000 wurde die Kunsthistorikerin Micaela Kapitzky aufgenommen. 2011 folgten die Kunsthistoriker Dr. Markus Krause und Florian Illies.

Ein neuer Stil

Die Gründung im Jahr 1986 war ein Wagnis. Berlin war seit August 1961 durch den Mauerbau in zwei Hälften geteilt. Das wirtschaftlich starke Bürgertum im Westteil der Stadt blieb über lange Jahre eine kleine Schar; mit Kunst wurde vornehmlich in Köln, München und auf internationalem Parkett gehandelt. Dennoch hatte Bernd Schultz die Vision von einem international beachteten Auktionshaus mit hohen Ansprüchen – gerade weil er die verlorene Vergangenheit Berlins als großes Kunsthandelszentrum der Welt vor Augen hatte. Die zwanziger Jahre, die Blütezeit der jüdischen Kunsthändler und Sammler, die 1933 abrupt abbrach, waren sein Leitbild. Diese Vision umzusetzen bedeutete: Kompetenz, Konzentration und Wagemut mit Leidenschaft zu verbinden. Als Aktionsfeld wurde Kunst vom Anfang des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart bestimmt und dafür mit großen Anstrengungen ein Team von höchster Fachkundigkeit gewonnen.

Einen eigenen Weg beschritt Grisebach bei den Versteigerungsbedingungen. Die Garantien des Hauses gingen über die damals übliche Haftung des allgemeinen Kunsthandels weit hinaus. Grisebach verbürgt sich für Urheberschaft, Technik und Signatur der versteigerten Kunstobjekte, soweit es nach dem gegenwärtigen Stand der Wissenschaft möglich ist. Das Handelsblatt vom 26.8.86 sprach von einem „revolutionären“ Ansatz und begrüßte die Grundsätze des Neulings als „transparent, kulant und marktrealistisch“.