Auktionen Herbst 2018

Kunst des 19. Jahrhunderts

453

Franz Skarbina

1849 – Berlin – 1910

Pariserin (Studie). 1885

Öl auf Pappe. 23,8 × 21,2 cm. (9 ⅜ × 8 ⅜ in.) Oben rechts mit Bleistift signiert, bezeichnet und datiert: F. Skarbina Paris 1885.  [3139] Gerahmt 

EUR 4.000 – 6.000
USD 4,550 – 6,820

Verkauft für:
8.125 EUR (inkl. Aufgeld)

Pariserin (Studie)

Auktion 297Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 18.00 Uhr

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Literatur und AbbildungKatalog 101: Gemälde, Zeichnungen, Plastik, Möbel, Teppiche aus verschiedenem Besitz. Frankfurt a.M., Kunsthaus Wilhelm Ettle, 20. 5.1941, Kat.-Nr. 122 („Studien nach einer Pariserin. Bezeichnet und datiert: 1885. Malpappe. 24 x 20 cm“; Einlieferer „G. St.“ nichtjüdisch lt. Katalog)

Unwillkürlich fühlt sich der Betrachter von Franz Skarbinas Doppelstudie einer jungen Dame im eleganten Straßenkostüm an Charles Baudelaires Gedicht „A une passante“ erinnert. Wie im Vorübergehen hat der Künstler sein Modell erfasst. Der virtuose Pinselschwung des Malers und die unprätentiöse Gestik und Mimik der jungen Frau legen nahe, dass sich die zweifache Studie einer mondänen Pariserin einer zufälligen Begegnung in den Straßen oder Parks der französischen Hauptstadt verdankt, in der der Künstler Mitte der 1880er-Jahre ein Studienjahr verbrachte und sich zu diesem Zweck von seiner Lehrtätigkeit an der Berliner Hochschule für die Bildenden Künste beurlauben ließ. Zu dieser Zeit hatte sich Skarbina bereits als „Maler der Frauen“ einen Namen in Berlin gemacht und sich schon früh als von französischen Einflüssen inspiriert gezeigt. So steht er mit vorliegender Studie in der Tradition der „Parisienne“-Darstellungen französischer Impressionisten und gibt sich zudem als jener versierte Modezeichner zu erkennen, als der er zur Entstehungszeit der Doppelstudie auch als Illustrator für die französische „Revue Illustrée“ in Erscheinung trat. Hier jedoch kam es Franz Skarbina weniger auf die minutiös detailgenaue Ausgestaltung des Kostüms als vielmehr auf das Festhalten eines kurzen Augenblicks an, dessen Flüchtigkeit zu betonen sein Hauptaugenmerk gilt.
„Bin ich’s wert, gemalt zu werden?“, scheint der Blick der jungen Pariserin zu fragen, deren Aufputz verrät, dass sie sich ihres attraktiven Äußeren durchaus bewusst ist.
Der Maler ist sich der Bildwürdigkeit seines Modells jedenfalls absolut sicher, wenn er die Opulenz ihrer mondänen Robe mit virtuosem Gestus in Szene setzt und dabei dem ausladenden Cul de Paris ihres karmesinroten Rockes und dem aufwendigen Kopfputz besondere Aufmerksamkeit schenkt. So scheint dessen prachtvolle Dekoration mit gelben und roten Federn im festgehaltenen Bewegungsmoment noch zu vibrieren. Ebenso wie der weiß-silbern schimmernde Ohrring der jungen Dame, auf den der Maler seinen Fokus richtet, wenn er sie auf einer Parkbank sitzend im fliehenden Profil ein zweites Mal mit großer malerischer Verve porträtiert und es dem Betrachter dabei noch heute ermöglicht, ihm beim Arbeiten buchstäblich über die Schulter zu schauen. So deutet Skarbina weite Teile der Robe mit furiosem Strich nur an und macht damit deutlich, worauf es ihm ankommt: die Schönheit des Moments festzuhalten. Diese konzentriert sich für den Maler in dem sanft schaukelnden Ohrring der jungen Pariserin.
In ihrer lebendig-sprühenden Auffassung ist vorliegende Doppelstudie ein einzigartiges Beispiel für die Befreiung von Skarbinas malerischen Mitteln in Paris, wo der Künstler zwischen Oktober 1885 und September 1886 in unmittelbarer Nähe zu renommierten französischen Impressionisten ein Atelier am Boulevard Clichy unterhielt und mit seinen französischen Künstlerkollegen in engem Austausch stand. Die sprühende Lebhaftigkeit der Auffassung und das Interesse an den malerischen Schönheiten des Alltäglichen geben Skarbina dabei als jenen „Maler des modernen Lebens“ im Sinne des Dichters und Kunsttheoretikers Charles Baudelaire zu erkennen, der dem am großstädtischen Alltag orientierten, neuen Künstlertypus 1863 in seinem Figaro-Essay „Le peintre de la vie moderne“ ein literarisches Denkmal gesetzt hat. Nicht das Ideale, sondern das Alltägliche als Triebfeder des künstlerischen Schaffensprozesses zu begreifen galt zur Entstehungszeit unserer Ölstudie im Wilhelminischen Kaiserreich als eminent modern. Trefflich führt vorliegende Doppelstudie somit die originäre Rolle Franz Skarbinas unter den deutschen Künstlern seiner Zeit vor Augen: Skarbina ist der „Flaneur der Malerei“.



Miriam-Esther Owesle

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