Auktionen Herbst 2018

Kunst des 19. Jahrhunderts

421

Albert Emil Kirchner

Leipzig 1813 – 1885 München

Blick über einen Hinterhof auf San Marco in Venedig.
Öl auf Leinwand. 66,5 × 50 cm. (26 ⅛ × 19 ⅝ in.) Unten links monogrammiert: AK. Auf dem Keilrahmen unten der Rest eines roten Wachssiegels: … Venezia. Kleine Retuschen.  [3234] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Süddeutschland

Addendum/ErratumDas Monogramm lautet: ƎAK. Das Bild wurde während der Vorbesichtigungen in einem Leihrahmen präsentiert. Der Verkauf erfolgt im Originalrahmen.

EUR 10.000 – 15.000
USD 11,400 – 17,000

Verkauft für:
12.500 EUR (inkl. Aufgeld)

Blick über einen Hinterhof auf San Marco in Venedig

Auktion 297Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 18.00 Uhr

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Wir danken Dr. Golo Maurer, Rom, und Prof. Dr. Helmut Börsch-Supan, Berlin, für freundliche Hinweise.

Dass Albert Emil Kirchners Name heute kaum mehr Erwähnung findet, ist im Grunde kaum zu glauben. Zu seinen Lebzeiten war er einer der angesehensten Künstler der Münchner Szene und noch 1906 ließ sich Hyacinth Holland durch Kirchners Kompositionen zu der Formulierung hinreißen: „Hier waltet der ganze Zauber der Romantik! Das ist Poesie! Eine Fülle von Licht, Gluth und Sonnenglanz zittert und wogt und spielt darüber, die ganze Vergangenheit steigt herauf und packt den Beschauer mit magischer Gewalt.“
Tatsächlich trat Kirchners besonderes Talent schon früh zutage. Mit gerade einmal 15 Jahren begann er 1828 ein Zeichenstudium an der Leipziger Akademie und ging kurz darauf nach Dresden, wo er Schüler von Dahl und Caspar David Friedrich wurde. Ab 1834 lebte er in München und verkehrte im engsten Kreis von Genelli, Preller und Moritz von Schwind. Bei allem Einfluss, den diese großen Künstler auf ihn ausübten, behauptete Kirchner dennoch einen völlig eigenständigen und unverwechselbaren Stil (und hatte auch „feinere Bildung als viele seiner Collegen“, wie Holland betont). Seine Bilder – Landschaften und Architekturszenen – sind topografisch präzise und von einer technischen Meisterschaft, die ihresgleichen sucht, dabei aber voll tiefempfundenem Gefühl, seltsam melancholisch entrückt und häufig in ein geradezu surreal anmutendes, gelbes Licht gehüllt. Die traumverlorene Atmosphäre erinnert Hyacinth Holland an Rottmann, und tatsächlich ist Kirchner mit diesem mindestens in einer Hinsicht verbunden: in der Liebe zu Italien. Seit 1840 zog er regelmäßig über die Alpen, „um sich und seine Kunst zu frischen“ (Holland, 1906). Venedig gehörte zu seinen liebsten Zielen. Er zeichnete und malte unter anderem die Seufzerbrücke, Santa Maria della Salute, den Palazzo dei Turchi am Canale Grande und unser perfekt erhaltenes Bild, das wahrscheinlich auf eine der frühesten Reisen datiert. Das Motiv ist nur auf den ersten Blick unspektakulär. Denn Kirchner zeigt de facto eine Architektur-Ikone, den Dom von San Marco, allerdings nicht in der weltberühmten, tausendfach porträtierten Frontansicht, sondern von seiner wenig repräsentativen Rückseite. Die Stelle sieht heute fast noch genauso aus wie vor rund 175 Jahren: eine Treppe mit Eisengeländer, ruinöse Wände, Baumaterialien lehnen an der Wand, Tauben sitzen auf den Simsen.
Es gehört schon etwas Chuzpe dazu, diesem Motiv der Motive, dieser Kirche, „die einzig dasteht unter den Kirchen der Welt“ (Karl Stieler, 1876), buchstäblich auf die Hinterseite zu schauen. Dass Kirchner auch anders konnte beweist seine 1863 gemalte, große „Ansicht der Piazzetta und Piazza di San Marco“ aus der Sammlung des Grafen von Schack (Bayerische Staatsgemäldesammlungen München). Hier werden Platz und Dom in ein prächtiges, Canaletto-artiges Panorama gegossen, das mit Staffagefiguren in Kostümen der Barockzeit auf die historische Bedeutung des Ortes verweist. Ganz anders unser Bild. Eine junge Venezianerin tritt als zauberhaft hingetupfter Farbakzent aus dem Hintereingang heraus, aber sie erzählt uns keine große Geschichte. Der Alltag blinzelt unaufgeregt in die Szene hinein, und auf einmal sind wir mittendrin im wirklichen Venedig: im Venedig der Hinterhöfe und Gassenlabyrinthe, in denen die Fassaden bröckeln und der Boden matscht, wo Tauben gurren und Schritte und Stimmen hallen, während in der Ferne die Möwen kreischen und die Wellen klatschen.



Frida-Marie Grigull

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