Auktionen Herbst 2018

Kunst des 19. Jahrhunderts

426

Adolf Senff

Halle a.d. Saale 1785 – 1863 Ostrau

Zwei Mädchenbildnisse (Kopf von vorn und Kopf nach rechts). 1833

Jeweils Öl auf Leinwand. 17,7 × 18,8 cm bzw. 17,4 × 18,7 cm. (7 × 7 ⅜ in. bzw. 6 ⅞ × 7 ⅜ in.) [3239] Gerahmt 

EUR 35.000 – 45.000
USD 39,800 – 51,100

Verkauft für:
92.500 EUR (inkl. Aufgeld)

Zwei Mädchenbildnisse (Kopf von vorn und Kopf nach rechts)

Auktion 297Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 18.00 Uhr

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Wir danken Dr. Bärbel Kovalevsky, Berlin, und Prof. Dr. Helmut Börsch-Supan, Berlin, für die Bestätigung der Authentizität der Gemälde und Ralf Glitsch, Dresden, Ralf Wilsch, Halle, für freundliche Hinweise.

Warum berühren uns diese beiden Mädchenbildnisse? Weil sie zu uns sprechen und weil sie zauberhaft gemalt sind. Das aber ist es nicht allein. Wir spüren, auch wenn wir es nicht wissen, dass hinter ihrer Anmut und ihrem Blick eine größere Geschichte verborgen ist. Es ist, kurz gesagt, die Geschichte der deutschen Romantik. Jene stille Kraft der Innerlichkeit, die sich nach Italien, dem Land der Sehnsucht, fortträumt, um dann, gestillt, nach Deutschland zurückzukehren.
Zwei Mädchen aus Halle-Ostrau werden so von dem in Rom lebenden Adolf Senff zu geistigen Schwestern von Vittoria Caldoni, der legendären Verkörperung von „Italia“, wie wir sie aus Overbecks Gemälde kennen. Diese Bilder erzählen also auch die Geschichte von Adolf Senff, eines für die Kunst- und Mentalitätsgeschichte des 19. Jahrhunderts wichtigen Künstlers.
Schon 1816 zog er nach Italien. Stand den Nazarener und Berthel Thorwaldsen nahe und war mit Franz Catel und Christian Daniel Rauch befreundet. Senff war ein stiller Mensch, es zog ihn weniger in die Landschaft als zu den Menschen und zu den Dingen. Neben seinen Porträts, durch die noch der Geist des Klassizismus weht, sind es immer wieder die mediterrane Früchte und Pflanzen, die er für seine Stillleben arrangiert und naturgetreu und hoch empfindsam malt. Das Land, in dem die Zitronen blühen und wachsen und reifen, war seine zweite Heimat geworden. Er wollte das Sehnsuchtsland begreifen, in einem haptischen und elementaren Sinne. Mit großer Andacht und Zuwendung schaute er auf das, was der fruchtbare Boden des gelobten Landes hervorbrachte. Bald wurde er von seinen Malerkollegen und Sammlern „Raffael der Blumen“ genannt.
Senff hatte einen Sonderstatus und stand ein wenig abseits, war ein bescheidener, nicht karriereversessener Künstler. Vielleicht hatte er genau deshalb die Muse, den Geist seiner Zeit zwischen Klassizismus und Romantik mit vollen Zügen zu inhalieren.
Natürlich lernte Senff in Rom auch Vittoria Caldoni kennen, das berühmteste Modell seiner Zeit. Seit ihrer Entdeckung um 1820 verkörperte sie, in ihrer Raffaels Madonnen gleichenden Schönheit, in besonderem Maße das deutsche Ideal mediterraner weiblicher Schönheit.
Die Vertrautheit mit Vittoria Caldoni und deren Rezeption kann man bei Senff also voraussetzen, als er in seiner Heimat, im Jahre 1833 unsere beiden Mädchen erstmals sah. Vergleicht man das den Betrachter anblickende Mädchen mit Overbecks Caldoni in der Neuen Pinakothek (unsere Abbildung), sieht man eine frappierende Ähnlichkeit. Allein Teint und das gedämpfte Kolorit machen sein junges Mädchen zu einem des Nordens. Wie überrascht muß Senff gewesen sein, in seiner Heimat ein deutsches Äquivalent zu Vittoria Caldoni entdeckt zu haben. Man spürt dem Bild dieses freudige, ergriffene Staunen an.
1833 und 1845 verließ Senff für ein Jahr Rom, um Verwandte in seiner Heimat bei Halle zu besuchen. Sowohl stilistisch als auch von der Kleidermode der Dargestellten sind unsere Bilder eindeutig der Reise von 1833 zuzuordnen. Während seines Heimataufenthaltes entstanden hauptsächlich Familienbildnisse – worum es sich auch in unserem Falle handeln dürfte. Die Landschaft im Hintergrund konnte eindeutig identifiziert werden: Es ist die „Goldene Aue“, gesehen von Halle-Ostrau. Im Hintergrund erhebt sich der Kyffhäuser. Romantischer also geht es kaum. Dort in Ostrau wohnte Senff im Jahre 1833 bei seinem Bruder, dem Pastor Carl Wilhelm Senff. Auch die Malweise der Bilder verweist eindeutig auf unseren Künstler: „Die strenge nazarenische Zeichnung, die klassizistisch gesehene Figur vor einer weiten Landschaft entspricht seiner Schulung bei Gerhard von Kügelgen und der weiteren Ausformung seines Stils unter den Nazarenern in Rom“, betont Bärbel Kovalevski.
Was diese beiden beseelten Bildnisse aber zu neuen Hauptwerken von Senff erhebt, ist auch ihre Modernität. Zum einen natürlich der Bildausschnitt, die Frontalität, die der Close-Up-Ästhetik unserer Gegenwart entspricht. Dahinter der Blick zum Kyffhäuser, eine Landschaft, die von Italien kaum mehr zu unterscheiden ist. Besonders deutlich wird die mediterrane Umdeutung des landschaftlichen Hintergrundes im vereinzelten Nadelbaum auf dem zweiten Bildnis: er will eigentlich eine Pinie sein, die sich in die italienische Sonne reckt.
Frappierend ist auch die Kombination beider Bilder, die zunächst zwei Ansichten eines Mädchens sein könnten. Alters- und Gesichtsunterschiede machen jedoch deutlich, dass es sich wohl eher um Schwestern handeln dürfte. Gleichwohl entsteht aus diesem Nebeneinander des zugewandten und des abgewandten Blicks ein intensiver Austausch zwischen Betrachter und den Dargestellten: wir schauen in die Augen eines der Mädchen, erwidern ihren so klugen wie bescheidenen Blick, dann sehen wir das zweite Mädchen, das sich abwendet und sich nur im Abwenden malen lassen will. Und genau in diesem Dualismus von Zuwendung und Abwendung, von Offenheit und Innerlichkeit können wir die Sehnsüchte des deutschen Biedermeier so präzise erahnen wie selten zuvor.



Florian Illies

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