Auktionen Herbst 2018

Kunst des 19. Jahrhunderts

458

Wilhelm Leibl

Köln 1844 – 1900 Würzburg

„Bauernmädchen am Fenster“. 1899

Kohle auf Papier. 31,4 × 25,6 cm. (12 ⅜ × 10 ⅛ in.) Werkverzeichnis: von Manstein 188. Kleine Randmängel.  [3297] Gerahmt 

ProvenienzFürst Liechtenstein / C. G. Boerner, Düsseldorf (1952) / Gustav Stein, Köln (1973) / Galerie Arnoldi-Livie, München (1986) / Privatsammlung, Hessen

EUR 25.000 – 35.000
USD 28,400 – 39,800

Verkauft für:
77.500 EUR (inkl. Aufgeld)

„Bauernmädchen am Fenster“

Auktion 297Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 18.00 Uhr

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Literatur und AbbildungNeue Lagerliste Nr. 4: Deutsche Zeichnungen aus zwei Jahrhunderten. Düsseldorf, C. G. Boerner, 1952, Kat.-Nr. 71 / Ruth-Maria Muthmann: Die graphische Sammlung Gustav Stein. Zu einigen deutschen Blättern. In: Festschrift für Gustav Stein. Zum 70. Geburtstag am 19. April 1973 herausgegeben von Fritz Berg und Berthold von Bohlen und Halbach (= Veröffentlichung des Kulturkreises im Bundesverband der Deutschen Industrie e.V., Bergisch-Gladbach 1973), S. 128-135, hier S. 132 u. S. 135, Abb. 6 (zu Muthmann) im Anhang / 70 Zeichnungen und Bilder 1590–1913. München, Galerie Arnoldi-Livie, 1986, Kat.-Nr. 64, Abb. S. 77

Diese prachtvolle Zeichnung von Wilhelm Leibl zeigt ein Mädchen in einem dunklen Raum mit Fenster und ist 1899 in Kutterling, einem kleinen Dorf südlich von Aibling, am Fuße des Wendelsteingebirges entstanden. Weit ab vom Münchner Kunstbetrieb lebte und arbeitete Leibl hier ab 1892 in Arbeitsgemeinschaft mit seinem Malerkollegen Johann Sperl. Hier fand er in der einfachen Landbevölkerung die Authentizität der Menschen, die fortan zum Hauptthema seiner Kunst werden sollte. Auch das dargestellte Bauernmädchen, die aufgrund ihres Aussehens wohl mit der sogenannten „Malresl“ identisch ist, stammte aus der unmittelbaren Nachbarschaft und arbeitete bei Leibl als Haushaltsgehilfin und Modell.
Unser Blatt belegt eindrucksvoll, wie tief Leibl in den Seelenzustand seiner Modelle eingedrungen ist. In dem verschatteten Raum, wahrscheinlich die häufig von Leibl dargestellte Küche, fällt das Licht von links herein sowie von dem Fenster im Hintergrund und entfaltet seine größte Wirkung hell aufleuchtend auf der Stirn und dem Kragen des iungen Mädchens.
Ihr kontrastreich herausgearbeitetes Gesicht bildet zweifellos das Zentrum der Zeichnung. Aus dem Bildfeld hinausblickend wirkt sie ruhig und in sich versunken, während der Hintergrund in dynamisch gesetzten Parallelschraffuren Bewegung suggeriert. In den dunklen Bildpartien scheint die Mädchenfigur mit dem Hintergrund fast zu verschmeltzen.
Leibl bietet in diesem Blatt alle technischen Möglichkeiten auf, die eine Zeichnung im Spektrum zwischen Schwarz und Weiß hergibt. Mit Kohle und tiefschwarzer Kreide wird hier gezeichnet, schraffiert, gewischt, radiert und dann alles miteinander kombiniert, was eine Vielzahl von Oberflächenstrukturen erzeugt.
Am Ende des Arbeitsprozesses radierte Leibl noch die helle horizontale Fläche im Vordergrund hinein, die man als Tischkante deuten könnte, und erreicht dadurch eine größere räumliche Tiefe und die Konzentration auf die Mädchengestalt. Mit solchen, sehr experimentell wirkenden Zeichnungen steht Leibl auf der Höhe seiner Zeit und braucht den Vergleich mit anderen deutschen Künstlern wie Adolph Menzel und auch den französischen wie etwa Georges Seurat nicht zu scheuen. Auch 130 Jahre nach seiner Entstehung hat das Blatt jedenfalls nichts von seiner Modernität und Eindringlichkeit eingebüßt.



Michael Mohr

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