Auktionen Frühjahr 2019

Zeitgenössische Kunst

810

Gerhard Richter

Dresden 1932 – lebt in Köln

„Fuji“. 1996

Öl auf Alucobond. 29 × 37 cm. (11 ⅜ × 14 ⅝ in.) Rück­seitig mit Filzstift in Schwarz signiert: Richter. Werkverzeichnis: Richter 839-45 / Butin 89. Eines von 110 nummerierten Unikaten. Städtische Galerie im Lenbachhaus, München.  [3301] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Österreich

EUR 300.000 – 400.000
USD 337,000 – 449,000

„Fuji“

Auktion 308Freitag, den 31. Mai 2019, 18.00 Uhr

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Innerhalb des umfangreichen Œuvres der Auflagenwerke von Gerhard Richter finden sich neben Druckgrafiken, Multiples, Zeichnungs- und Fotoeditionen, Künstlerplakaten und -büchern auch zwanzig Malereieditionen. Dass Auflagenwerke im Medium der Malerei produziert werden, ist zwar eher ungewöhnlich, findet sich zum Beispiel aber ebenso bei Blinky Palermo, Daniel Buren und Imi Knoebel. Bei den meisten seiner Gemäldeeditionen hat Gerhard Richter jeweils innerhalb einer Auflage die einzelnen Bildexemplare in ihrer Erscheinung variiert. Die gesamte Auflage besteht somit aus unikatären Varianten, deren Unterschiedlichkeit im Vergleich deutlich sichtbar wird. Obwohl jene seriellen Werke produktionstechnisch, materiell, ökonomisch und ästhetisch als untereinander gleichwertig aufgefasst werden können, sind sie also keineswegs völlig gleichförmig, sondern weisen meist den Charakter von individuell ausge­arbeiteten Unikaten auf. Von den auf diese Weise konzipierten Gemäldeeditionen ist die mit Fuji betitelte Werkserie von 1996 bei Sammlern besonders begehrt, zumal sie eine außergewöhnlich komplexe und subtile Bildstruktur aufweist. Richter verwendete hier keine Leinwand mehr, sondern eine kleinformatige Verbundplatte – das sogenannte Alucobond – aus Aluminium und Kunststoff. Dieses Material besitzt wie auch das verwandte Alu-Dibond eine sehr glatte Oberfläche, sodass mit der Rakel eine extrem feine, sehr differenzierte Verteilung der Ölfarbe erreicht werden kann. Als strenge Grundstruktur dienten auf dem Bildträger drei waagerechte, monochrome Streifen in Karminrot, Kadmiumgelb und Chromoxydgrün. Auf die noch feuchten Farben setzte der Künstler eine Rakel aus Kunststoff, an der weiße Ölfarbe haftete, und zog das Malinstrument sehr langsam über den mittleren und unteren Farbstreifen. Dann setzte er die Rakel erneut an, aber diesmal an der Oberkante des Bildes, und zog sie über die gesamte Fläche von oben nach unten. Dieses Prozedere wiederholte er bei allen 110 Exemplaren der Edition. Die weiße Farbe vermischte sich bei diesem Vorgehen mit den Farben des Untergrunds, wobei die Rakel gleichzeitig das Rot, Gelb und Grün von dem glatten Alucobond teilweise wieder abschabte und mit dem zweiten Aufsetzen über die gesamte Fläche verteilte. So entstand mit einfachsten Mitteln eine Struktur, die bei manchen Exemplaren eine große malerische Finesse aufweist. Die Rakel ermöglicht vielfältige und vielschichtige Überlagerungen der Farben, weshalb Robert Storr solche Bildstrukturen treffend als „geologisch“ bezeichnet hat. Da die Rakel ein höchst eigensinniges Produktionsmittel ist, erhält jedes Bild zwangsläufig eine unikatäre Struktur. Die schlierenhafte und fleckige Struktur der Ölfarbe lässt sich durch den Auftrag mit diesem Malinstrument nicht genau vorhersehen, impliziert für den Künstler also einen gewissen Kontrollverlust. Denn wo und wie die Farbe an der Ober­fläche der Leinwand und den anderen Farbschichten hängen bleibt, sich überlagert, sich vermischt oder wieder aufreißt, ist nur bedingt steuerbar und somit teilweise zufällig. Mit diesem bewussten Einsatz des Zufallsprinzips wird Gerhard Richter von der Notwendigkeit einer bewussten Gestaltung oder Komposition befreit und kann etwas in großen Teilen Unvorhersehbares entstehen lassen, das seinen eigenen Erwartungshorizont übersteigt. In einem Interview von 1990 äußerte sich der Künstler zur Bedeutung des Zufalls bei seinen abstrakten Bildern: „Ich habe eben nicht ein ganz bestimmtes Bild vor Augen, sondern möchte am Ende ein Bild erhalten, das ich gar nicht geplant hatte. Also, diese Arbeitsmethode mit Willkür, Zufall, Einfall und Zer­störung lässt zwar einen bestimmten Bildtypus entstehen, aber nie ein vorherbestimmtes Bild. [...] Ich möchte ja gern etwas Interessanteres erhalten als das, was ich mir aus­denken kann.“ Zusätzlich hat Richter innerhalb der Fuji-Auflage noch eine weitere Strategie der Differenzierung angewandt: Von den 110 Exemplaren sind 70 Bilder als Querformate und 40 als Hochformate angelegt. Der Titel Fuji lässt an den Vulkan und höchsten Berg Japans denken, der auch ein häufiges Motiv in der japanischen Kunst ist. Doch bei Gerhard Richters Gemäldeedition handelt es sich um eine abstrakte Bilderserie. Der hier verwendete Begriff „abstrakt“ verweist nicht auf den Vorgang einer Abstraktion oder Reduktion eines gegenständlichen beziehungsweise landschaftlichen Motivs, sondern allgemein auf die Ungegenständlichkeit des Bildsujets im Sinne eines nicht abbildenden, autonomen, in erster Linie auf sich selbst verweisenden Verfahrens. Letztendlich ermöglicht aber – wie es Umberto Eco formuliert hat – die grundsätz­liche „Offenheit“ des Kunstwerks „für eine virtuell unend­liche Reihe möglicher Lesarten“ doch auch die Freiheit der Betrachterinnen und Betrachter für einen weiten Assozia­tionsspielraum.
Hubertus Butin

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