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Max Beckmann

Leipzig 1884 – 1950 New York

„Weiblicher Kopf in Blau und Grau (Die Ägypterin)“. 1942
Öl auf Leinwand. 60 × 30 cm (23 ⅝ × 11 ¾ in.) Oben rechts mit Feder in Schwarz signiert, bezeichnet und datiert: Beckmann A 42. Göpel 606. Das Gemälde wird aufgenommen in die Neubearbeitung des Werkverzeichnisses von Dr. Anja Tiedemann, Jork-Königreich, im Auftrag der Kaldewei Kulturstiftung: Max Beckmann – Catalogue Raisonné der Gemälde.  [3036] Gerahmt 

ProvenienzErhard Göpel, Leipzig/München (1942 direkt beim Künstler erworben) / Nachlass Barbara Göpel

EUR 1.500.000 – 2.000.000
USD 1,850,000 – 2,460,000

Verkauft für:
5.530.000 EUR (inkl. Aufgeld)

„Weiblicher Kopf in Blau und Grau (Die Ägypterin)“

Auktion 290Donnerstag, den 31. Mai 2018, 18.00 Uhr

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Zu der „Ägypterin“ ist eine Sonderpublikation mit Beiträgen von Eugen Blume, Durs Grünbein, Florian Ilies und Doris Runge erschienen.

AusstellungMax Beckmann. Boston, Museum of Fine Arts; New York, The Museum of Modern Art, und Chicago, The Art Institute, 1964/65, Kat.-Nr. 54 / Max Beckmann. Gemälde, Aquarelle, Zeichnungen. Hamburg, Kunstverein, und Frankfurt a. M., Kunstverein, 1965, Kat.-Nr. 51a / Max Beckmann 1884–1950. Paintings, Drawings and Graphic Work. London, Tate Gallery, 1965, Kat.-Nr. 54 / Max Beckmann. Paris, Musée National d´Art Moderne; München, Haus der Kunst, und Brüssel, Palais des Beaux-Arts, 1968/69), Kat.-Nr. 82 / Max Beckmann, Retrospektive. München, Haus der Kunst; Berlin, Nationalgalerie; Saint Louis, Art Museum, und Los Angeles, County Museum of Art, 1984/85, Kat.- Nr. 96, m. Farbabb. / Max Beckmann. London, Tate Modern, und New York, The Museum of Modern Art, 2003, S. 247, Kat.-Nr. 158, m. Farbabb., u. S. 287

Literatur und AbbildungBenno Reifenberg und Wilhelm Hausenstein: Max Beckmann. München, R. Piper & Co. Verlag, 1949, S. 78, Nr. 501 / Günter Busch: Max Beckmann. Eine Einführung. München, R. Piper & Co Verlag, 1960, S. 40, 43, Farbtafel S. 45 u. Abb. 30 / Erhard Göpel, Hans Martin Frhr. von Erffa und Erhard Göpel (Hg.): Blick auf Beckmann. Dokumente und Vorträge (= Schriften der Max Beckmann Gesellschaft, II). München, R . Piper & Co Verlag, 1962, S. 256–257 u. S. 139, Farb-tafel III / Erhard Göpel (Hg.): Max Beckmann, Tage-bücher 1940–1950. München und Zürich, Piper, 1984, S. 50 (Eintrag vom 27.7.1942) / Stephan Reimertz: Max Beckmann. Biographie. München, Luchterhand, 2003, S. 133 u. S. 194 / Ausst.-Kat.: Paula Modersohn-Becker und die ägyptischen Mumienportraits. Eine Hommage zum 100. Todestag der Künstlerin. Bremen, Kunstsamm-lungen Böttcherstraße, Paula Modersohn-Becker Museum, und Köln, Museum Ludwig, 2007/08, S. 26, Farbabb. 17 (nicht ausgestellt) / Eugen Blume: Barbara und Erhard Göpel – Ein Leben für und mit Max Beckmann; Durs Grünbein: Die Ägypterin; Florian Ilies: Die Schöne kommt – Zum Geheimnis von Beckmanns ,Ägypterin`; Doris Runge: Die Ägypterin. Die Schöne ist gekommen; alle Texte in: Max Beckmann. Die ,Ägypterin`. Berlin, Grisebach, 2018

„Weiblicher Kopf von unten beleuchtet": Max Beckmann schuf mit der „Ägypterin" 1942 ein Urbild der weiblichen Schönheit

„Nach meiner Ansicht sind alle wesentlichen Dinge der Kunst, seit Ur und Chaldaea, seit Tel Halaf und Kreta, immer aus dem tiefsten Gefühl für das Mysterium des Seins entstanden“, erklärte Max Beckmann in dem berühmten Vortrag „Über meine Malerei“, gehalten vor achtzig Jahren anlässlich der Ausstellung „Twentieth Century German Art“ in London, New Burlington Galleries. Damals war der Künstler bereits aus seinem Heimatland geflohen und in die Niederlande übergesiedelt. Im April 1933 hatten ihm die Frankfurter Behörden seinen Lehrauftrag an der Städelschule gekündigt. Daraufhin verließ er zunächst die Stadt, in der er über ein Jahrzehnt gelebt, gelehrt und gewirkt hatte, um nach Berlin zurückzukehren. Von dort aber vertrieben ihn die wachsenden Anfeindungen der politischen Machthaber, sodass er im Sommer 1937 in Amsterdam Zuflucht suchte. In der Stadt lebte damals bereits Hedda Schonderbeek, die Schwester von Beckmanns zweiter Frau Mathilde, genannt „Quappi“. Bestanden in den ersten Jahren des Exils noch Kontakte zu Galeristen wie auch zu Freunden und Unterstützern, konnte der Sohn Peter mehrfach Werke nach Deutschland transportieren und waren Reisen noch möglich, so verschärften sich, nachdem Holland 1940 besetzt worden war, die Lebensumstände nochmals massiv. Die schwerste persönliche Krise in körperlicher wie auch seelischer Hinsicht löste die Musterung des immerhin schon 58-jährigen Beckmann im Juni 1942 aus. Allein die Kunst, die Fortführung des Prinzips schöpferischer Gestaltung, war für ihn Rettung aus der lebensgefährlichen Bedrohung.

Vor diesem Hintergrund entstand in den Sommermonaten des Jahres 1942 im Umkreis weiterer gewichtiger Werke wie des „Schauspieler“–Triptychons (Göpel 604; Fogg Art Museum Cambridge Mass.), der Ansicht des Frankfurter Hauptbahnhofs (Göpel 609; Städel Frankfurt) und nicht zuletzt des „Selbstbildnisses in der Bar“ (Göpel 620; Berlin, Nationalgalerie) unser „Weiblicher Kopf in Blau und Grau“, ein Wunder in kleinem Format, das den Blick bannt. Besucher und Freunde Beckmanns, die als Erste das Gemälde sahen, tauften es ob seiner geheimnisvollen Magie und der schlanken Dimensionen „Die Ägypterin“. Am 27. Juli 1942 steht in seinem Tagebuch: „Viel Regen, aber sehr gut noch einmal am Selbstportrait und weiblicher Kopf von unten beleuchtet, fertig. Guter Laune, abend Huhn – und Regen – Regen– Regen“.

Wie jene sagenumwobene Königin im Neuen Museum zu Berlin, deren Name Nofretete „die Schöne ist gekommen“ zu übersetzen wäre, so unwiderstehlich, bezwingend und verführerisch erscheint die unbekannte Dargestellte mit verschatteten, schwarz umrahmten Augen und glutvoll rotem Mund. Kleine gelbe Akzente im Augapfel und eine dunkelgrüne Schattenlinie an den Lippen bezeugen Beckmanns Malkunst ebenso wie das helle Haarband, der filigrane Ohrschmuck und der von unten beleuchtete schlanke Hals. Im Hellblau des Gewandes erscheinen im Schulterbereich tief dunkelblaue Untermalungen. Der Hintergrund ist schlicht in Grau und Weiß, in seinen Schichtungen anmutend wie die uralte Wand eines Tempels.

Die Identität der Dargestellten bleibt, wie so oft bei diesem Künstler, ein Mysterium. Sie könnte ihm im Nachtleben Frankfurts oder Amsterdams begegnet sein. Wie er seinem Vertrauten und Werkverzeichnisbearbeiter, dem Kunsthistoriker Erhard Göpel offenbarte, erschien sie ihm aber 1942 im Traum und veranlasste ihn zu dem Gemälde. Wohin wird das Traumbild den Künstler locken? Kann er sich in ihrer Gesellschaft über die gegenwärtigen Lebensumstände erheben und im „unendlichen Raum“ an ihrer Seite neue Sphären entdecken? Möglicherweise ist die unnahbar entrückt anmutende Schönheit die Figuration einer intensiven Sehnsucht nach einem mystischen Wesen, das in der Fantasie Beckmanns anzutreffen ist. Ihm verleiht er in dem Bild Gestalt, damit er es immer vor Augen sieht. „Der Traum ist eine Wunschvorstellung“, hat Sigmund Freud befunden, und der Mensch vermag zuweilen sogar, ihn bewusst zu gestalten. Einiges spricht dafür, die „Ägypterin“ so zu verstehen. Die mädchenhafte Schönheit entstammt der inneren Welt eines schöpferischen Geistes, der Wahrnehmungen unbewusst zu sammeln verstand, zahlreiche Erkenntnisse aus vielfältigsten Quellen zu speichern vermochte und den Gestalten ihren eigenen Willen ließ, wann zu erscheinen sie beliebten. „Meine Figuren kommen und gehen, wie sie mir Glück und Unglück bieten. Ich aber suche sie festzuhalten in der Entkleidung ihrer scheinbaren Zufälligkeit“, heißt es in oben erwähntem Vortrag.

Die „Ägypterin“ war immer schon da, seit sie die Nilebenen verlassen hat und in das Traumreich der Malerei aufgebrochen ist, kurz innehaltend an den heiligen Hainen der Hochkulturen oder den Porträtateliers der Renaissance, eine vorübergehende Besucherin. Sie ist als flüchtige Erscheinung in das Bild gelangt und wird im nächsten Augenblick wieder daraus entschwinden. Noch mehr Worte über sie zu verlieren, wäre töricht, „denn ob man will oder nicht, spricht jeder doch nur pro domo seiner eigenen Seele, und eine absolute Objektivität oder Gerechtigkeit ist nicht möglich. Außerdem sind gewisse letzte Dinge nur durch Kunst an sich auszudrücken, sonst brauchten sie nicht gemalt, geschrieben oder musiziert zu werden“ (Max Beckmann, Erster Brief an eine Malerin, 1948).
Elke Ostländer

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