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Joseph Beuys

Krefeld 1921 – 1986 Düsseldorf

„Erdtelephon“. 1968
Telefon, Lehmklumpen, getrocknetes Gras, Kabel, Holz. 19 × 38,5 × 104,5 cm (7 ½ × 15 ⅛ × 41 ⅛ in.) Auf dem Holzbrett mit Bleistift signiert und datiert: Joseph Beuys 1968.  [3256]

ProvenienzGalerie René Block, Berlin/Privatsammlung, Bayern

EUR 100.000 – 150.000
USD 118,000 – 177,000

„Erdtelephon“

Auktion 285Freitag, den 1. Dezember 2017, 18.00 Uhr

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Literatur und AbbildungLothar Schirmer: Bei Anruf Beuys. In: Grisebach. Das Journal. Heft 7. Berlin 2017, S. 70/71 m. Farbabb

Joseph Beuys ist es immer wieder gelungen, mit hintersinnigen Konstellationen von Gegenständen elementare Bewegungen, existenzielle Kräfte und Spannungsverhältnisse zu thematisieren. Für sein „Erdtelephon“ (1968) lässt er den Tischfernsprecher W48 – das einstige Standardtelefon der Bundesrepublik – auf einen umgedrehten Lehmklumpen treffen. Die beiden „Körper“ liegen wie Schädel auf einem gemeinsamen Boden, einem Brett, das einer Schulbank entstammen könnte. Unter dem Erdhaufen, in den das Kabel des Telefons verschwindet, sprießen noch vertrocknete Gräser hervor. Anders als bei bei John Giornos „Dial-a-Poem“-Projekt aus den frühen 1960er-Jahren oder bei Walter De Marias „Art by Telephone“ in Szeemanns epochaler Ausstellung „Live in Your Head: When Attitudes Become Form“ (1969) hat Beuys jedoch kein Interesse, das Telefon als neuartige, sich zu jener Zeit demokratisierende Kommunikationsmöglichkeit in seiner Kunst einzusetzen. „Ich habe wohl aber ein Interesse, über den elektrischen Strom und seine Verhältnisse zu reden ... Mich interessieren mehr die Kräfte, die an dieser Sache beteiligt sind.“ Für Beuys war die Materie Erde das Medium „des Ursprungs und der Inkarnation“, auf das er in seinem Schaffen immer wieder zurückgreift. Das Wählscheibentelefon des „Erdtelephons“ dient als ein symbolisches Instrument, um die Urmaterie wiederzubeleben, sie zu inspirieren, sie „akustisch zu erleuchten“ und – im Umkehrschluss – Signale von ihr empfangen zu können. Beuys hat hier ein „geschlossenes System“ entworfen, dass eine direkte Kommunikation zwischen Telefon und Erde ermöglichen soll. Er will uns die „geistig plastischen Energien, die im Ahnen, Empfinden und Denken im Umgang mit Gegenständen und Stoffen“ wirken, spürbar machen, denn der Vorstellung des Künstlers nach, ist die Erde „[...] doch quasi ein Organ des Menschen [...]. Ich kann der Erde doch nicht einfach Bewusstlosigkeit zusprechen. Das Bewusstsein der Erde ist uns vielleicht verschlossen, aber sicher ist es größer als jenes der Menschen.“ Somit wird die Anordnung von „modernem Fetisch und Totem“ zu einem Sinnbild für zwei Zeitalter – einerseits der Evolution, hier in Form technologischer Erfindungen der 1960er-Jahre, und andererseits der archaischen Genesis.
Christian Ganzenberg

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