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Chinesisch, Ming-Dynastie, Anfang Qing-Dynastie

Paar monumentale Wächterlöwen. 17. Jahrhundert
Grauer Kalkstein. Je ca. 87 × 32 × 52 cm (34 ¼ × 12 ⅝ × 20 ½ in.) Bezeichnet in einem Schreiben von Carl Blümel, Generaldirektion der Staatlichen Museen zu Berlin, als „Fou-Hunde aus der Ming-Zeit", vom 25. November 1953 (Staatliche Museen zu Berlin – Zentralarchiv, Restitution Mosse).  [3233]

ProvenienzSammlung des Verlegers Rudolf Mosse (1843–1920), Berlin und Schloss Schenkendorf, Brandenburg (dort wohl ab ca. 1897) / Dessen Erbin Emilie Mosse (1920–1924) / Hans und Felicitas Lachmann-Mosse (1924–1934) / 1952–2015 Staatliche Museen zu Berlin – Stiftung Preußischer Kulturbesitz, Inv.-Nr. CH V 12 a/b (1952 von der Grenzpolizei-Bereitschaft in Schenkendorf an die Staatlichen Museen zu Berlin (Ost) übergeben) / 2015 an die Erben von Rudolf Mosse restituiert

EUR 60.000 – 80.000
USD 73,800 – 98,400

Paar monumentale Wächterlöwen

Auktion 289Donnerstag, den 31. Mai 2018, 11.00 Uhr

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Wir danken Petra Winter, Zentralarchiv der Staatlichen Museen zu Berlin, für freundliche Hinweise zur Provenienz.

AusstellungCa. 1955–2000 Schausammlung der Ostasiatischen Sammlung im Pergamonmuseum, Museumsinsel Berlin / 2000–2009 Studiensammlung der Ostasiatischen Kunstsammlung des Museums für Asiatische Kunst, Berlin-Dahlem

Das Löwenpaar aus grauem Kalkstein stand wohl einst vor dem Eingang einer vornehmen Residenz: Rechts saß das männliche Tier mit seiner rechten Tatze auf einer „Brokatkugel“, links das weibliche Tier mit einem spielenden Jungen unter der linken Tatze. Die Kugel galt allgemein als Glückssymbol und Zeichen der Vollkommenheit, das junge Tier stand für Fruchtbarkeit. Beide Löwen sollten nicht nur das Böse abwehren, sie standen auch für die Harmonie des Hauses. Der Löwe nahm die östliche Seite, die Löwin die westliche Seite ein, symbolisch für Yin und Yang.
Um Brust und Schulter ist bei beiden Löwen ein mit Floraldekor geschmücktes Band gelegt, das auf dem Rücken mit einem elegant gefältelten Tuch befestigt ist. An dem Band sind vor der Brust eine Schelle und an den beiden Seiten je eine Textilquaste angebracht. Die Mähnen sind zu symmetrisch angeordneten Löckchen „frisiert“. Beide Tiere sitzen auf vierfach gegliederten Lotosblütensockeln, über die ein besticktes Tuch gelegt ist, dessen vier Ecken mittig über die Seiten bis auf den unteren Lotosblütenrand hängen. Auf den Vorder- und den Innenseiten ist ein paarhufiges, einem Djeiran ähnelndes Fabelwesen zwischen Wolken dargestellt. Das Erscheinen eines solchen Fabelwesens galt als Glück verheißend. Die anderen beiden Seiten des Tuches sind mit stilisierten Lingzhi-Pilzen versehen, Symbolen der Langlebigkeit. Die Körper der beiden Tiere sind gedrungen und muskulös. Die kantigen, fast platten Schnauzen sind typisch für die Löwendarstellungen der Ming- (1368–1644) und Qing-Dynastie (1644–1912).
Der Löwe ist neben dem Drachen und dem Phönix die dominante Tierdarstellung in China. Seit der Östlichen Han-Dynastie (25–220 n.Chr.) standen Löwen vor den kaiserlichen Palästen und Grabanlagen, Regierungsgebäuden, Tempeln und vor Anwesen und Grabanlagen des Adels, von Regierungsbeamten und der Reichen. Seit der Tang-Dynastie (618–906 n. Chr.) säumten Löwen paarweise stehend und sitzend gemeinsam mit anderen Tieren und Fabelwesen neben Zivil- und Militärbeamten die „Geisterstraßen“ zu den kaiserlichen Grabanlagen. Heute sind sie zahlreich vor allem vor öffentlichen Gebäuden, Geschäften und Restaurants anzutreffen. Das wohl bekannteste und am häufigsten fotografierte Beispiel ist das imposante Löwenpaar vor den Stufen des „Tores der großen Harmonie“ im Kaiserpalast in Peking. Dass der Löwe kein indigenes Tier Chinas ist, zeigen alle bis zum Ende der Kaiserzeit dargestellten Löwenpaare, denn stets haben die weiblichen wie die männlichen Tiere Mähnen. Nur aus der Tang-Dynastie, als China rege diplomatische Verbindungen unter anderem mit Persien unterhielt, kennt man fast naturgetreue kleinformatige Stein- und Keramiklöwen.
Bereits im ersten nachchristlichen Jahrhundert lassen sich einzelne lebende Löwen in China nachweisen. In der „Geschichte der Östlichen Han-Dynastie“ (Fan Ye 範曄 (398-445): Hou Hanshu 後漢書. Shanghai, 1967, Bd. 1, S. 168) heißt es, dass dem Kaiser He im Jahr 87 n. Chr. eine Gesandtschaft aus dem Partherreich einen Löwen und einen Strauß überbrachten. Die früheste Löwendarstellung, ein die Grabanlage eines gewissen Wu Liang im Landkreis Jiaxiang in der Provinz Shandong beschützendes Löwenpaar, lässt sich auf 147 n. Chr. datieren. Diese frühen Darstellungen zeigen schreitende Tiere, deren übernatürliche Fähigkeiten durch einen übersteigert muskulösen Körperbau zum Ausdruck gebracht wurden. Fast gleichzeitig tauchten geflügelte Löwenskulpturen in der eineinhalbtausend Kilometer südwestlich gelegenen Provinz Sichuan auf. Sie waren die Vorfahren der Wächterchimären vor Gräbern der Südlichen Dynastien (221–589 n. Chr.). Sitzende Wächterlöwen finden sich erstmals auf Bronzeskulpturen, die buddhistische Mönche im 3. und 4. nachchristlichen Jahrhundert aus Gandhara, dem heutigen Pakistan und Afghanistan, nach China brachten. Vor dem Thron Buddhas sitzen dabei links und rechts je ein Löwe. Sie symbolisieren die Kraft und Furchtlosigkeit des Buddha und gelten als Beschützer der Lehre.
Als Beschützer und Wächter von Grabanlagen, Tempeln und Palästen haben die Steinlöwen bereits in der Tang-Zeit ihre heute noch typische stilistische Ausprägung erreicht. Die Wächterlöwen der beiden letzten Dynastien weisen nur geringe stilistische Unterschiede auf, sieht man von provinziellen Arbeiten ab.
Das hier vorgestellte Löwenpaar war Teil der Sammlung des Berliner Verlegers und Kunstsammlers Rudolf Mosse. Es befand sich auf Mosses Landsitz, dem 1896 fertiggestellten Schloss Schenkendorf, wenige Kilometer südwestlich von Königs Wusterhausen. Wann und von wem Mosse das Löwenpaar erworben hat, ist nicht nachweisbar. Nach Mosses Tod ging das Vermögen an seine Tochter Felicia Lachmann-Mosse über, die nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 mit ihrem Mann über Frankreich in die USA emigrierte. Das gesamte Vermögen der Familie wurde daraufhin unter staatliche Verwaltung gestellt. Die Sammlung wurde 1934 zum großen Teil – mit 337 Nummern – im Berliner Kunstauktionshaus Lepke versteigert (Katalog 2075, 29./30. Mai 1934), ohne dass der Erlös den Besitzern ausgehändigt wurde. Die beiden Löwen befanden sich damals nicht unter den 19 chinesischen Objekten dieser Auktion.
Das Löwenpaar verblieb bis 1952 in Schloss Schenkendorf. Als die Grenzpolizei-Bereitschaft der DDR mit der Grenzhundestaffel im Schloss einzog, wurden die Löwen gemeinsam mit einem Paar monumentaler Windhunde aus weißem Marmor (China, 2. Hälfte des 18. Jahrhunderts) den Staatlichen Museen zu Berlin übergeben, wo sie bis 1992 in der Ausstellung der Ostasiatischen Sammlung im Nordflügel des Pergamonmuseums zu sehen waren. Von 2000 an flankierten sie den Eingang zur Studiensammlung der Ostasiatischen Kunstsammlung des Museums für Asiatische Kunst in Dahlem. 2015 waren sie an die Erben von Felicia Lachmann-Mosse restituiert worden.

Willibald Veit, ehemaliger Direktor des Museums für Asiatische Kunst der Staatlichen Museen zu Berlin

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