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Conrad Felixmüller

Dresden 1897 – 1977 Berlin

„Frau im Wald (Wiesbaden)“. 1918
Öl auf Leinwand. 72,3 × 51,5 cm (28 ½ × 20 ¼ in.) Unten links signiert: Felixmüller. Rückseitig mit schwarzer Kreide signiert, nummeriert und betitelt: Felixmüller NR. 151 Frau im Wald. Auf dem Keilrahmen ein Etikett der Kunstschau der Hansawerkstätten Hamburg und der Ausstellung Hannover 1921 (s.u.). Felixmüller 151 (mit abweichenden Maßen).  [3502] Gerahmt 

ProvenienzEhemals Sammlung Gottschalk, Düsseldorf / Privatsammlung, USA

EUR 200.000 – 300.000
USD 213,000 – 320,000

„Frau im Wald (Wiesbaden)“

Auktion 273Donnerstag, den 1. Juni 2017, 18.00 Uhr

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AusstellungConrad Felixmüller. Düsseldorf, Das graphische Kabinett von Bergh, 1918 (ohne Kat.) / Felixmüller. Wiesbaden, Nassauischer Kunstverein, Wiesbadener Gesellschaft für bildende Kunst, Neues Museum, 1918, Kat.-Nr. 323 / Felixmüller. Frankfurt a. M., Kunstsalon Ludwig Schames, 1918, Kat.-Nr. 20 / 44. Ausstellung: Conrad Felixmüller. Aquarelle und Gemälde. Hannover, Kestner-Gesellschaft, 1921, Kat.-Nr. 207 (anschließend in Düsseldorf und Hamburg) / Felixmüller-Ausstellung. Berlin, Graphisches Kabinett I.B. Neumann, 1921, Kat-Nr. 4 (hier datiert: 1919) / Conrad Felixmüller - Das frühe Werk. Berlin, Galerie Nierendorf, 1965, Kat.-Nr. 17 / Conrad Felixmüller - Gemälde und Graphik. München, Galerie Wolfgang Ketterer, 1966, Kat.-Nr. 6, Abb. S. 6 / Conrad Felixmüller - Bilder der 20er Jahre. Braunschweig, Haus Salve Hospes, 1966, Kat-Nr. 17 / Conrad Felixmüller. Hamburg, Galerie Brockstedt, 1967, Kat.-Nr. 17

Martin Schmidt: Wie Conrad Felixmüllers „Frau im Wald“ den Wendepunkt zwischen Vergangenheit und Zukunft markiert

Unter den Mitgliedern der Dresdner Sezession Gruppe 1919, die aus der Gruppe 1917 hervorgegangen ist, war der frühreife Conrad Felixmüller nicht nur der Jüngste, sondern auch einer der unerschrockensten Protagonisten der zweiten Welle des Expressionismus. Bereits mit 14 Jahren hatte er Zeichenunterricht an der Dresdner Kunstgewerbeschule erhalten. Es folgten der Besuch der privaten Malschule des Akademieprofessors Ferdinand Dorsch und 1912 aufgrund der großen Begabung des jugendlichen Künstlers die Aufnahme in die Malkasse Carl Bantzers an der damals noch Königlichen Kunstakademie in Dresden. In einem Alter, in dem andere normalerweise erste tastende Versuche im künstlerischen Fach unternehmen können, hatte sich Felixmüller schon die grafischen Techniken beigebracht und in der Ölmalerei entscheidende Erfahrungen sammeln können. Es spricht für sein gutes Selbstbewusstsein, dass er bereits 1913 begann, ein Verzeichnis seiner Werke zu führen, das er bis zu seinem Tod 1977 fortsetzte.
Um 1918 hatten selbst die Dresdner Maler paradoxerweise einen Nachholbedarf in Sachen Expressionismus, obwohl sie am Gründungsort der Künstlergemeinschaft Brücke wirkten. Die Pioniergeneration war nämlich vor dem Ersten Weltkrieg nach Berlin entschwunden, und der Krieg unterbrach für die meisten die kontinuierliche bildnerische Arbeit, sodass das entstehende Vakuum nach der Rückkehr aus den Schützengräben mit der Erinnerung an die Vorkriegszeit gefüllt wurde. Dies kann als einer der Gründe für die zweite Welle des Expressionismus gelten. Dabei war Felixmüller einer der wenigen, der aufgrund eines nur kurzen Militärdienstes relativ kontinuierlich hatte weiterarbeiten können und so die expressionistischen Errungenschaften über die Kriegsjahre weitertrug.
Im Bild „Frau im Wald“ hat er sie in typischer Weise angewendet. Die überspannte Körperlichkeit, die Betonung leicht diagonal gegeneinandergestellter Formelemente und Tonwerte, die die Lokalfarbe ignorieren und die Szene stattdessen in eine Sphäre der Naturmystik heben – all das hat etwas Exemplarisches. Aber diese Gestalt verkörpert eben nicht mehr die Unbeschwertheit, wie sie die von den Brücke-Künstlern gemalten Sommerfrischler an den Moritzburger Teichen 1909 bis 1911 ausstrahlen. Die Natur in unserem Bild ist Rückzugsort und gleichzeitig einer diffusen Bedrohung ausgesetzt. Die Frau könnte auch auf dem Sprung sein, sie verharrt in gespannter Aufmerksamkeit. Ihre Beine scheinen jedoch gleichzeitig mit dem Boden zu verwachsen, als wolle sie sich unkenntlich machen vor den Nachstellungen einer feindlichen Umwelt, die droht, in ihre Sphäre einzudringen. Wird sie sich wie Daphne in einen Baum verwandeln, der sie unkenntlich macht?
Dies ist natürlich eine Lesart, die den Zeitumständen Rechnung trägt, unter denen dieses Bild entstanden ist. Während die Maler der Brücke ein Idyll vor der Katastrophe schilderten, ist Felixmüllers „Frau im Wald“ bereits im postapokalyptischen Zeitalter angekommen, der Maler und seine Protagonistin sind um einige Erfahrungen reicher und um viele Illusionen ärmer. Wir können das Bild als ein Bindeglied zwischen der umstürzlerischen Stoßrichtung im Künstlerischen, die der frühe Expressionismus vorgenommen hatte, und der nicht minder radikalen Neuorientierung im Politischen, die nun folgen sollte, betrachten.
Nach den menschlichen und materiellen Verwüstungen, die der Erste Weltkrieg hinterlassen hatte, war die zweite Generation der Expressionisten deutlich politischer orientiert. Felixmüller und Otto Dix, die prägenden Vertreter der Dresdner Sezession Gruppe 1919, machten da keine Ausnahme. Ein Gemälde wie etwa das 1920 entstandene Porträt des Politikers Otto Rühle (Spielmann 209, nur als Fragment erhalten), den Felixmüller als flammenden Redner vorstellt, ist exemplarisch für die kurze Phase zwischen 1918 und etwa 1921, als der Neubeginn noch mit wirklich großen Hoffnungen verbunden war. Bereits wenige Jahre später wäre das Bild in dieser Form wohl kaum entstanden.
Und auch die „Frau im Wald“ steht an der Schwelle zu etwas Neuem, künstlerisch und inhaltlich. Denn das, was sie vielleicht von außen erwartet, wird bald mit den Mitteln des Expressionismus nicht mehr darzustellen sein. Sie wendet ihren Blick nach rechts in eine Zukunft, die ernüchterter wahrgenommen und damit auch nüchterner dargestellt werden wird. Conrad Felixmüller wird wie viele seiner Künstlerkollegen den Weg einer sachlicheren Gestaltung beschreiten, auch wenn er die expressionistischen Mittel noch einige Jahre weiterführt. Das Dräuende, die gespannte Ruhe seiner „Frau im Wald“ aber markiert einen Höhepunkt expressiver künstlerischer Konzentration zu einem Zeitpunkt, als vieles offen war und Hoffnungen und Ängste nah beieinanderlagen.

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