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Anselm Kiefer

Donaueschingen 1945 – lebt in Paris

„für Velimir Chlebnikow“. 2004/2005
Acryl, Öl, Lack, Harz, Kreide, Blei und Mischtechnik auf Leinwand. 190 × 330 cm (74 ¾ × 129 ⅞ in.) Oben links betitelt: für Velimir Chlebnikow.  [3380]

ProvenienzPrivatsammlung, Rheinland

EUR 700.000 – 1.000.000
USD 861,000 – 1,230,000

Verkauft für:
865.000 EUR (inkl. Aufgeld)

„für Velimir Chlebnikow“

Auktion 292Freitag, den 1. Juni 2018, 18.00 Uhr

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Mit zwei schmalen Drähten befestigt, scheint das rostige, bleierne U-Boot in Anselm Kiefers „Für Velimir Chlebnikow“ über dem Meer zu schweben, welches sich, in Braun-, Grau-, Schwarz- und Weißtönen gemalt, bis zum Horizont erstreckt. Als skulpturaler Blickfang zieht das Boot den Betrachter hinein in ein Seegemälde der besonderen Art, dessen bewegte und grob strukturierte Oberfläche die Ruhe, die sich durch die parallel verlaufenden Wellen, den hohen Horizont und die gedeckten Farben ergibt, immer wieder durchbricht und uns davon abhält, träumend in die gemalte Ferne zu blicken. Mehrfach übereinander aufgetragene Schichten aus Öl- und Acrylfarbe, Harz und Lack lenken den Blick auf die Oberfläche und zeugen von Kiefers virtuosem Umgang mit der Macht des Materials, während grobes Craquelé die pastosen Farbschichten immer wieder durchbricht, mit organisch anmutenden Mustern durchwebt, und damit ein Stück weit auch der Dimension des Unkontrollierten Einzug gewährt.
Gewidmet ist dieses atemberaubende Seestück dem russischen Dichter und Futuristen Velimir Chlebnikow (1885–1922), der Kiefer, seit er 1973 zufällig auf die von Peter Urban herausgegebene deutsche Erstauflage seiner Texte stieß, über viele Jahre hinweg fasziniert. Chlebnikow war ein Meister der Worte und Zahlen: Er schuf eine Vielzahl lautmalerischer Gedichte aus Wortneuschöpfungen sowie die futuristische Kunstsprache „Zaum“ als eine am Klang und Rhythmus der Worte orientierte Universalsprache. Gleichzeitig interessierten ihn Mathematik und Numerologie, die er sich auf ästhetische Weise zu eigen machte. In seinen „Gesetzen der Zeit“ stellte er ein kryptisches System aus Zahlen und Daten zusammen, von dem er mysteriöse mathematische Gesetzte ableitete, die nicht zuletzt auch Einfluss auf die Kontinuität historischer Ereignisse hätten ‒ so auch seine Prophezeiung, dass sich Seeschlachten alle 317 Jahre wiederholten. Diese radikale und absurde Konstruktion von Geschichte hat Anselm Kiefer auf besondere Weise fasziniert und ihn bewogen, sich im Laufe der Zeit immer wieder in unterschiedlichen Medien (Papierarbeiten, Büchern und Gemälden) mit der Figur des mit 37 Jahren jung verstorbenen Poeten zu befassen und ihm schließlich im Jahr 2004 ein monumentales Mausoleum zu errichten: ein wie ein überdimensionierter Schiffscontainer anmutender Wellblech-Pavillon, in dessen Inneren Kiefer den Betrachter mit der Zusammenstellung 30 solcher Seebilder auf zwei gegenüberliegenden Wänden geradezu überwältigt. Auf einer Wand hat Kiefer handschriftlich notiert: „Zeit Maß der Welt. Schicksal der Völker, die Lehre vom Krieg. Seeschlachten wiederholen sich alle 317 Jahre oder deren Vielfachem, für Velimir Chlebnikow“. Diese Installation, die 2005 auf dem Hoxton Square gegenüber der White Cube Gallery in London zu sehen war, befindet sich heute in der Sammlung der Hall Art Foundation und ist als Dauerleihgabe im Massachusetts Museum of Contemporary Art in North Adams ausgestellt.
Wie auch in früheren Werken, in denen Kiefer sich immer wieder natürlicher Materialien wie Stroh, Sand, Holz, getrockneter Blumen oder ähnlichem bediente, bezieht er auch in „Für Velimir Chlebnikow“ die Natur als gestalterisches Element mit ein – diesmal jedoch aktiver denn je: Indem er die bemalten Leinwände im Außenbereich seines Ateliers der Witterung aussetzt, lässt er Regen, Wind und Sonne an der Gestaltung teilhaben, greift selbst immer wieder ein, überarbeitet die Gemälde und gibt sie erneut der Naturgewalt preis. Die so entstehenden massiven Oberflächen beeindrucken neben ihrer komplexen haptischen Struktur durch ihre besondere erdige Farbigkeit. Solche großformatigen Bilder und Installationen entstehen vermehrt ab 1992, als Anselm Kiefer sein Atelier „La Ribaute“ im südfranzösischen Barjac bezog ‒ ein riesiges Areal, auf dem sich der Künstler mit einer Vielzahl von Gebäuden, Türmen, Installationen im Außenbereich und unterirdischen Welten einen inspirierenden Mikrokosmos schuf. Hier war es Kiefer auch möglich in großem Stil Materialien für seine Arbeiten zusammenzutragen, so auch das Blei vom Dach des Kölner Doms, von dem er bei dessen Umbau in den 1980er-Jahren große Mengen angekauft hatte. Blei hat Anselm Kiefer seit je nicht allein als beständiges und höchst formbares Material, sondern auch als Ideengeber inspiriert. Es ist in der mittelalterlichen europäischen Kultur als Material des Saturn verankert, der als Planet der Melancholie und des Geistigen gilt, gleichzeitig aber auch des Unglücks und der Zerstörung – eine Ambivalenz, die Kiefer sehr berührt. Nicht zuletzt ist Blei auch ein Grundelement in der Alchemie, wo es als Rohstoff zur Gewinnung von Gold verwendet wird. Als Gegenwelt zur wissenschaftlichen Rationalität, hat die Alchemie einen zentralen Stellenwert in Kiefers Œuvre, liefert sie doch eine Idee der schöpferischen Tätigkeit, die seinem Selbstverständnis als Künstler sehr nahe kommt: Wie die Alchemisten setzt auch Anselm Kiefer auf Transformationsprozesse von Materialien, die zu einem nicht geringen Teil durch die dem Material inhärenten Eigenschaften oder die Einflussnahme der Natur gesteuert werden. „Ich benutze keine Farben, ich benutze Substanzen, mit denen ich arbeite, wie in einem Labor. Je näher der Betrachter an das Werk herantritt, desto besser ist er in der Lage, die Ereignisse zu erfahren, die das Werk begründen: die Spuren, die Schichten, die Materie, die Gesten, die seine Entstehung ermöglicht haben.“ Dabei erklärt sich der Schaffensprozess, so auch bei „Für Velimir Chlebnikow“, selbst bei Betrachtung aus nächster Nähe nie vollständig. Es bleibt stets ein Eindruck des Geheimnisvollen, der sich in diesem Fall auf besondere Weise mit der mysteriösen Gestalt, dem das Gemälde gewidmet ist, verbindet. Chlebnikows absurde Zahlenspiele, die Bedeutung aus numerischen Konstellationen generieren sollen, lassen sich als ebensolche alchemistische Versuchsanordnungen und nicht zuletzt auch als Chiffren für etwas Unheimliches, Unfassbares und letzten Endes Undarstellbares lesen.
Elena Sánchez

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