Auktionen Herbst 2018

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Anselm Kiefer

Donaueschingen 1945 – lebt in Paris

„Gilgamesch“. 1981/85

Geschmolzenes Blei, Acryl und Schellack auf Fotocollage. 111 × 57,5 cm. (43 ¾ × 22 ⅝ in.) [3028] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Bayern

EUR 70.000 – 90.000
USD 80,500 – 103,400

„Gilgamesch“

Auktion 301Freitag, den 30. November 2018, 18.00 Uhr

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AusstellungAnselm Kiefer. Köln, Galerie Paul Maenz, 1986, Kat. Nr. 7, Abb. o. S

Anselm Kiefer macht immer wieder die Möglichkeiten des Menschen zum Thema seiner Kunst. Dafür taucht er in immer tiefere Schichten unseres kulturellen Gedächtnisses, um dort in verschiedensten Mythen zu den Ursprüngen unseres Daseins vorzudringen. Mitte der 1980er-Jahre fertigte der Künstler für eine Ausstellung in der Galerie Paul Maenz eine Reihe von außergewöhnlichen Collagen an, in denen er auf manipulierte Schwarz-Weiß-Fotografien von verlassenen, scheinbar nachgeschichtlichen Landschaften zurückgriff. Diese Landschaften unterscheiden sich kaum; erst ihre Betitelung und die Metaphern bewirken eine Individualität und Deutbarkeit der einzelnen Bilder. In diesen Werken verzichtete Kiefer erstmals auf die typisch hohe Horizontlinie, um stattdessen durch die direkte Gegenüberstellung von unten und oben, Erde und Himmel und deren mythische Energiepotenziale zu den Protagonisten dieser Werkreihe zu machen.
Gilgamesch, 1981/85, verweist uns auf den gleichnamigen Gottmenschen und Herrscher der mesopotamischen Metropole Uruk. Diese „Geschichte von vorgestern“ ist nahezu 4000 Jahre alt und gilt als eines der ältesten schriftlich, nämlich auf Tonscherben überlieferten Großepen der Weltliteratur. Kiefer liefert keine lineare Nacherzählung, sondern konzentriert sich scheinbar auf eine isolierte Passage: Gilgamesch begibt sich zusammen mit seinem Freund Enkidu unter anderem in die Zedernwälder des Libanons, wo sie auf den Walddämon Chumbaba treffen. Die Erschließung der Zedernwälder gehörte zu den traditionellen Leistungen eines mesopotamischen Herrschers, der dabei stets auch das wertvolle Bauholz für die Tempel und Paläste in Babylon schlagen ließ. Gemeinsam gelang es Gilgamesch und Enkidu, den gefährlichen Dämon zu töten, jedoch beschwören sie damit den Zorn der Götter herauf, die beschließen, das Enkidu dafür sterben muss. Konfrontiert mit dem Tod seines Freundes sinniert Gilgamesch über die Sterblichkeit des Menschen und beginnt, nach dem Geheimnis des ewigen Lebens zu suchen. Nachdem er das „Kraut des Lebens“ gefunden hat und anschließend wieder verliert, resigniert Gilgamesch und kommt zur Erkenntnis, dass nur eine titanische Leistung – also ein Werk – des Menschen bleiben kann, der Mensch selbst aber nicht.
In diesem Sinne lässt Kiefer in Gilgamesch auch formal Gegensätze und Widersprüche auf unterschiedlichen Ebenen aufeinandertreffen. Der Ausgangspunkt dieses Werks sind zwei Fotografien eines Waldstücks, denen der Künstler peu à peu Materialien und Substanzen hinzufügt. Dieses Arbeiten in Schichten – in unserem Fall verdeutlich durch die Spritzer des verlaufenden Schellacks und die Bleiapplikation – bezeichnet Kiefer als eine „umgekehrte Archäologie“, die ihn von großer Ungenauigkeit zu größtmöglicher Deutlichkeit führen kann. Während die Fotografie für den Künstler eine Realität darstellt, die vor allem von seinem Fühlen überlagert ist, ist das Malen hingegen ein Weg zur Erkenntnis, und dieses Erkennen führt ihn wiederum zum Malen. Wie auch andere Werke dieser Serie birgt Gilgamesch – in einer weiteren Schicht – eine Bleiwolke, die die himmlische mit der irdischen Sphäre zu verbinden scheint. Diese Bleiform entstand experimentell auf der glatten Oberfläche der Fotografien. Kiefer war von dem Material nicht nur aufgrund seiner Formbarkeit fasziniert, Blei – das Grundelement der Alchemisten und der Stoff der Melancholiker – war für den Künstler immer auch ein Ideengeber mit Symbolkraft. Die Ambivalenz dieser Substanz wird hier auch durch ihren paradoxen Einsatz unterstrichen: Kiefer nutzt das an sich träge Blei, um etwas Leichtes und Ephemeres, die Idee einer Bewegung oder das Strahlen von Licht zu zeigen. Somit stoßen Leichtigkeit und Vergänglichkeit der Fotografie auf die Haltbarkeit und Schwere eines Metalls, das an sich den Eindruck gespeicherter Dauer vermittelt.
Indem Kiefer hier also nicht nur materiell, sondern auch geistig eine Verbindung zwischen unterschiedlichen Sphären und Zeiten (wieder-)herstellt, handelt er im Bewusstsein der ältesten und höchsten Aufgabe der Kunst. Als Vermittler zwischen Geschichte und Mythos wirkt er sinngebend für die Geschichte, denn „ohne Mythos wird jeder Kultur ihre gesunde schöpferische Naturkraft verlustig: Erst ein mit Mythen umstellter Horizont schließt eine ganze Kulturbewegung zur Einheit ab.“ (Friedrich Nietzsche, Die Geburt der Tragödie)
Christian Ganzenberg

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