Auktionen Herbst 2018

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Ernst Ludwig Kirchner

Aschaffenburg 1880 – 1938 Davos

Zwei weibliche Akte mit Skulptur. 1910

Bleistift auf festem Papier. 26,8 × 36 cm. (10 ½ × 14 ⅛ in.) Rückseitig unten links mit dem Basler Nachlassstempel (Lugt 1570b) und der in Tuschfeder in Schwarz eingetragenen Registriernummer: B Be / Bg 59.  [3409]

ProvenienzNachlass des Künstlers / Galerie Utermann, Dortmund (bis 2000)

EUR 25.000 – 35.000
USD 28,400 – 39,800

Verkauft für:
40.000 EUR (inkl. Aufgeld)

Zwei weibliche Akte mit Skulptur

Auktion 296Freitag, den 26. Oktober 2018, 14.00 Uhr

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Wir danken Günther Gercken, Lütjensee, für freundliche Hinweise.

AusstellungKirchner im KirchnerHAUS. Aschaffenburg, KirchnerHAUS, 2015, Kat.-Nr. 17, Abbildung S. 26

Literatur und AbbildungAuktion 79: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 26. Mai 2000, Kat.-Nr. 27 / Auktion 218: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 28. November 2013, Kat.-Nr. 12

Kaiserzeit – in Berlin versorgt der Stuckateur Bieber die Hauseigentümer mit floralem und anthropomorphem Zierrat. Sex fand unter der Bettdecke statt, auch wenn er in exzentrischen Kreisen schon nicht mehr nur der Fortpflanzung diente. Max Pechstein hatte sein Atelier in Biebers „Bau“. Ernst Ludwig Kirchner folgte ihm 1911. Gemeinsam betrieben sie ihre private Kunstschule, das MUIM-Institut. Sie vertrieben sich die Zeit, indem sie ihren Trieben freien Lauf ließen. Anton von Werner erfuhr von Schamlosigkeiten und behauptete sich königlich-akademisch mit zeitgeistig denunziatorischem Eros als Moralwächter.
Kirchners „Zwei weibliche Akte mit Skulptur“, vielleicht aus dem Jahr 1910, womöglich aber auch erst im MUIM-Institut beäugt, zeugt von der gesellschaftlichen Widerständigkeit des Erotomanen und Jahrhundertmalers aus Deutschland. Wieso uns der Titel zwei Akte und die Anwesenheit einer Skulptur suggerieren will, bleibt das Geheimnis der postum agierenden Titelgeber. Denn unzweideutig werden drei Frauen beim genüsslich lesbischen Treiben in orgiastischer Atmosphäre gezeigt. Eine liegt rücklings und scheint ruhebedürftig, bereits ein wenig ausgelaugt und nicht mehr lüstern. Die zweite nimmt sich, mit dem Rücken an sie lehnend, einen Drink. Und die dritte kniet offenbar vor einem Serviertablett. Eine Zeichenspur an ihrer rechten Brust weist sie ikonografisch als Immaculata aus.
Der kunsthistorisch prüde Titel entstammt der Nachlasssichtung. 1938 hatte sich Kirchner durch Freitod aus dem Leben geschossen. Das Baseler Kunstmuseum, vor allem ihr späterer Direktor Georg Schmidt, hatte sich sorgfältigst um die Hinterlassenschaft des Davoser Exilanten gekümmert. Roman Norbert Ketterer sicherte sich schließlich 1954 alle noch vorhandenen Werke für den deutschen Nachkriegskunsthandel und so für die Sammlungen der alten und neuen Eliten.
Doch all dies ist „nur“ Geschichte. Gegenwärtig hingegen ist die Rasanz, mit der Kirchner hier zu Papier bringt, was nun gezeichnet über Stunden gesehen werden kann. Gegenwärtig ist die Sicherheit, mit der er aus einer beobachteten Szenerie die Szene reißt, die jetzt gleichsam skulptural ein Nu zur Ewigkeit längt. Gegenwärtig ist der künstlerische Triumph über die denunziatorische Spießigkeit. Und gegenwärtig bleibt, dass gesellschaftliche Veränderungen selten im angewärmten Kleinbürgerambiente ihre Ursprünge feiern.



Raimund Stecker, Düsseldorf

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