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Konrad Klapheck

Düsseldorf 1935 – lebt in Düsseldorf

„Der Nabel der Welt“. 1963
Öl auf Holz. 16,6 × 14,5 cm (6 ½ × 5 ¾ in.) Rückseitig mit Filzstift signiert und betitelt: Klapheck „Der Nabel der Welt“. Werkverzeichnis: Nicht bei Pierre.  [3555] Gerahmt 

ProvenienzNicole und José Pierre, Paris (Geschenk des Künstlers) / Galerie 1900-2000, Paris / Privatsammlung, Schweiz

EUR 45.000 – 55.000
USD 53,000 – 64,800

„Der Nabel der Welt“

Auktion 282Donnerstag, den 30. November 2017, 18.30 Uhr

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Der Nabel der Welt? Die alten Griechen lokalisierten ihn im Apollon-Heiligtum zu Delphi, sahen in einem imposanten Kultstein, dem Omphalos, den mythologischen Mittelpunkt „ihrer“ Welt. Die Römer lokalisierten den Umbilicus urbis, der ihnen als Nabel der ewige Stadt und Mittelpunkt des Imperium Romanum galt, auf dem Forum Romanum, im Zentrum Roms.
Und Konrad Klapheck? Der suchte und fand seinen „Nabel der Welt“ im Bild, besser gesagt, in einer Fahrradschelle, einem kleinen, man könnte meinen, mythisch beladenen Objekt. Das Bild ist neben „Meine sechzehn Ängste“ von 1958 und „Alphabet der Leidenschaft“ von 1961, um nur wenige bekannte Beispiele zu nennen, eine weitere und hier außerordentlich konzentrierte Variation von Klaphecks Fahrradschellenthema, das sein Œuvre seit 1955 wie ein roter Faden durchzieht.
Konrad Klaphecks Bild „Der Nabel der Welt“ ist zeitgleich mit seinem Text „Die Maschine und ich“ entstanden. Darin konstatiert er: „Jeder dieser Gegenstände verleiht der ihm gewidmeten Bilderfolge einen besonderen Charakter. [...] Die Fahrradschelle, beladen mit Erinnerungen an das erste Fahrrad meiner Kindheit, befasst sich mit dem Leben in der Familie und in der Gemeinschaft. Sie tritt zumeist in der Mehrzahl auf, in starrem Gefüge mit ihren Kameraden verbunden, wie ein Regiment, in dessen erzwungener Ordnung unter den gleichfarbigen Uniformen so verschiedene Sehnsüchte das Herz zermartern, oder wie die einförmigen Platten eines Kriegerfriedhofes, jener tristen Karikatur auf die Gemeinschaft, in die uns der Tod hineinzwingt“ (zit. nach: Klapheck. Köln: Verlag M. DuMont Schauberg, 1970. S. 95f).
In vereinfachter Darstellung bildet eine geöffnete Schelle das Zentrum des nahezu quadratischen Bildes, in dem die Betrachter, nachdem sie das Bild nach weiteren Erzählmustern abgesucht haben, von unsichtbarer Hand gesteuert landen. Sie ist nicht einfach da, die Schelle, ein Gegenstand im Bild, sie ist viel mehr: Wie ein Juwel präsentiert Klapheck seine kleine Preziose. Er offeriert sie wie auf einem Tablet. Es ist ein Bild im Bild, das dynamisch erscheint und sich im Verlauf der Darstellung perspektivisch verjüngt. Aber die Fahrradschelle zeigt sich losgelöst vom perspektivischen Kontext in frontaler Anordnung und bietet im Hintergrund landschaftliche Assoziationen, eine Aussicht auf Horizont. Die Mechanik der offenen Schelle ist nur in Ansätzen formuliert, doch scheinen zwei vertikal ausgerichtete Schellenflügel das Objekt gleichsam zu beleben.

AGT

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