Auktionen Herbst 2018

204

Oskar Kokoschka

Pöchlarn 1886 – 1980 Montreux

„Selbstbildnis“. 1920

Kreide auf gelblichem Umdruckpapier. 67,8 × 46,8 cm. (26 ¾ × 18 ⅜ in.) Oben datiert, gewidmet und signiert: Zu Weihnachten 1920 in unserem Familienhaus, dem Herzbruder Bohuslav und lieben Beistand will ich so vor Augen sein, nicht als der Bösewicht, der ich wirklich bin. Oskar. Rückseitig mit Tuschfeder in Braun beschriftet: Unverkäufliches Eigentum von Bohuslav Kokoschka. Werkverzeichnis: Rathenau, Band V, 49.  [3407]

ProvenienzBohuslav Kokoschka (Bruder des Künstlers), Wien (bis 1975)

EUR 200.000 – 300.000
USD 227,000 – 341,000

Verkauft für:
362.500 EUR (inkl. Aufgeld)

„Selbstbildnis“

Auktion 296Freitag, den 26. Oktober 2018, 14.00 Uhr

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AusstellungEuropäische Meisterzeichnungen und Aquarelle. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1978/79, Kat.-Nr. 97, S. 7, Abbildung S. 30 / Oskar Kokoschka 1886-1980. Wanderausstellung 1986/87. London, Tate Gallery, Kat.-Nr. 174, Abbildung S. 332, und Zürich, Kunsthaus Zürich, Kat.-Nr. 177, Abbildung S. 330, und New York, Solomon R. Guggenheim Museum, Kat.-Nr. 142, Abbildung S. 215 / Oskar Kokoschka. Krakau und Katowice, 1994/95, Serge Sabarsky Gallery New York, 1994, Kat.-Nr. 48, mit Abbildung (Leihgabe) / Musen, Maler und Modelle. Kampen, Galerie Pels-Leusden, 1996, Kat.-Nr. 74, S. 38/75, Abbildung S. 39

Literatur und AbbildungAuktion 206: Hauswedell & Nolte, Hamburg, 5.-7. Juni 1975, Kat.-Nr. 992 / Stefan Körner: Lebenslinien. In: Grisebach – Das Journal, Ausgabe 8/2018, S. 42, Abbildung S. 43

Eine meiner großen Lieben sind die großformatigen Zeichnungen von Oskar Kokoschka. Gleich zweimal tauchten bei unserem Kollegen Hauswedell bedeutende Blätter auf. Das eine aus der Sammlung seines Bruders mit der außergewöhnlichen Widmung, das andere aus der Sammlung von Hans Bethge. Ich wusste, dass ich viele Jahre warten musste, um etwas Vergleichbares zu bekommen. So habe ich mit der Rückendeckung des Bankhauses Lampe, wo ich meine Lehre gemacht habe, beide Zeichnungen in einem Parforceritt erwerben können und das „in offener Feldschlacht“ gegen den größten Kokoschka-Sammler, Willy Hahn.
Seitdem gehören sie zu den Blättern, die ich damals gegen den großen Sammler Rudolf Leopold verteidigt habe. Das „Selbstbildnis“ hatte es ihm bei mir zu Hause besonders angetan. Er lud sich zu einem Frühstück ein, mit listigen Hintergedanken. Es begann mit: „Wissen Sie, Herr Schultz, wir kennen uns doch schon so lange. Wir könnten uns duzen.“ Mich geehrt fühlend, habe ich mich trotz meiner hanseatischen Vorbehalte dem nicht entzogen. Auf dieser neuen Ebene fragte er: „Jetzt, wo wir Freunde sind, kannst Du mir das Kokoschka-Blatt doch verkaufen.“ Meine Antwort war: „Nur über meine Leiche.“



Bernd Schultz, Berlin



Das Blatt gehört zu einer Gruppe von gezeichneten Selbstbildnissen, die in ihrem Ausdruck vergleichbar und alle um 1920 entstanden sind, als Kokoschka 34 Jahre alt war. Die Werkgruppe mag sich dadurch erklären, dass der Künstler damals an einem Wendepunkt stand. Sein Leben davor war ereignisreich, erfolgreich, aber auch unglücklich verlaufen.
In Wien zum bildenden Künstler ausgebildet, war Kokoschka stark auch in Literatur und Musik engagiert, hatte Zugang zu führenden Kreisen dort, deren Anerkennung er sich bald erwarb. Die leidenschaftliche, aber unglückliche Beziehung zu Alma Mahler, der Beginn des Ersten Weltkriegs, an dem er als Soldat teilnahm, die schwere Verwundung und ein psychischer Zusammenbruch, den er in der Folge erlitt, prägten die Jahre ab 1913.
Ein Neuanfang bot sich Kokoschka 1919 mit seiner Berufung zum Professor an die Dresdner Akademie. Der konkrete Anlass für unser Blatt ist der Inschrift zufolge ein familiärer Zwist, nach dem Kokoschka mit einer Selbstdarstellung um Versöhnung bat.
Geschildert wird ein Mann von alterslos scheinender Jugend. Staunen, Trauer und Schrecken prägen sein schmales Gesicht mit den weit geöffneten Augen und dem geöffneten Mund. Der dunkle Kreidestrich ist nicht beschreibend, sondern frei gestaltend, energisch, kraftvoll und dicht, als ob es eine Malerei sei. Dafür spricht auch das außergewöhnlich große Format. Dieses Blatt ist keine Bildniszeichnung im üblichen Sinn, weniger die Beschreibung einer individuellen Physiognomie, sondern ein allgemein gültiger Ausdruck des Erlebens einer traumatisch erfahrenen Zeit.



Margret Stuffmann, Frankfurt a.M.

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