Auktionen Herbst 2018

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Käthe Kollwitz

Königsberg 1867 – 1945 Moritzburg

„Tod, Frau und Kind“. 1910

Radierung, Kaltnadel, Schmirgel und Vernis mou, von der Künstlerin mit Tuschpinsel und Bleistift überarbeitet, auf leichtem Karton. 40,5 × 40,8 cm (43,1 × 42,9 cm). (16 × 16 ⅛ in. (17 × 16 ⅞ in.)) Unten links (in der Darstellung) signiert. Im unteren Rand mit dem Sammlerstempel Lugt 565b. Dort auch mit Bleistift beschriftet (anfangs radiert): Gehöht. Kinderkörper u. Frauenkopf vorher Musselin gewischt 7 Sievers 113 IX. Zustand. Werkverzeichnis: von dem Knesebeck 108 zwischen VII. u. VIII. (von XV. b.).  [3114]

ProvenienzCarl Hitzeroth, Marburg (wohl um 1920 erworben, bis 1950) / Erhard Göpel, München / Nachlass Barbara Göpel, München

EUR 40.000 – 60.000
USD 46,000 – 69,000

Verkauft für:
143.750 EUR (inkl. Aufgeld)

„Tod, Frau und Kind“

Auktion 300Donnerstag, den 29. November 2018, 18.00 Uhr

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Wir danken Alexandra von dem Knesebeck, Bonn, für freundliche Hinweise.

Eine Mutter hält ihr Kind eng umschlungen. Ihre aneinandergeschmiegten Antlitze bilden den dunklen Kontrapunkt zur lichten linken Bildhälfte: Hier umklammert bereits der Tod mit knochigen Armen die Hüften des kleinen Jungen, um ihn seiner Mutter zu entreißen.
Anlass zu dieser dramatischen, aber auch dramatisch innigen Darstellung gab die schwere Krankheit des Sohnes der Künstlerin, der 1908 an Diphterie erkrankt war und dies nur knapp überlebt hatte. In einem Brief berichtet Kollwitz von der in „Tod, Frau und Kind“ veranschaulichten Angst, „der Junge stürbe unter unseren Händen“ (Beate Bonus-Jeep: Sechzig Jahre Freundschaft mit Käthe Kollwitz. Boppard 1948, S. 100). Die mehrfachen Überarbeitungen des von größter Intensität gekennzeichneten Blattes verdeutlichen, wie sehr die Künstlerin diese Erfahrung im Bild zu durchdringen suchte.
Das Werk von Käthe Kollwitz, die neben Renée Sintenis oder Jeanne Mammen als eine der wenigen Künstlerinnen des frühen 20. Jahrhunderts von ihrer künstlerischen Arbeit leben konnte, ist selten heiter. Als sozialkritische Beobachterin und Vertreterin des Realismus hat sie Not, Armut und Elend der Lebenswirklichkeit ihrer Zeit dargestellt, ohne dabei jemals den Dargestellten ihre Würde zu nehmen oder sie auf eine andere Art bloßzustellen. Auch der Tod hat sie – bedingt durch persönliche Schicksalsschläge – als Sujet immer wieder herausgefordert und diese Werke zu einem Teil der jahrhundertealten Tradition europäischer Totentanz-Darstellungen werden lassen.
Im Bereich der Druckgrafik steht Käthe Kollwitz’ Mappenwerk „Abschied und Tod“ (1923) beispielhaft für diese Auseinandersetzung. Doch auch später trieb das Thema die Künstlerin noch um, wie ein Tagebucheintrag von 1927 zeigt: Ich „muß […] noch einmal graphisch mich zusammenreißen. Zum Thema Tod muß ich noch Blätter machen. Muß muß muß!“ (Tagebucheintrag vom 13. Februar 1927, zit. nach: Jutta Bohnke-Kollwitz (Hg.): Käthe Kollwitz. Die Tagebücher. Berlin 1988, S. 624). Diesem künstlerischen Müssen lässt Kollwitz ab 1934 schließlich den lithografischen Zyklus „Tod“ folgen.
Auch in ihrem plastischen Schaffen findet dieser Drang Ausdruck – und seinen Höhepunkt in der Figurengruppe „Die trauernden Eltern“ (1931), einem Denkmal, das sie als Erinnerung an ihren Sohn Peter entworfen hatte. Der hatte die Diphterie-Erkrankung zwar überlebt, war aber als Soldat 1914 in den ersten Tagen des Ersten Weltkriegs gefallen. Dieser Umstand verleiht unserem Blatt zusätzliche Tragik und Bedeutung. GK

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