Auktionen Herbst 2018

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Norbert Kricke

1922 – Düsseldorf – 1984

Raumplastik. Um 1958

Stahlstifte mit Messinglot auf Stahlplinthe, auf Steinsockel montiert. Ca. 36 × 42 × 35 cm (ohne Sockel). (14 ⅛ × 16 ½ × 13 ¾ in. (ohne Sockel)) Werkverzeichnis: Die Skulptur wird aufgenommen in das Werkverzeichnis der Plastiken Norbert Krickes von Dr. Sabine Kricke-Güse, Berlin (in Vorbereitung).  [3021]

ProvenienzGalerie Iris Clert, Paris / Privatsammlung, Rheinland

Addendum/ErratumMaße: 41 x 40 x 28,5 cm

EUR 60.000 – 80.000
USD 69,000 – 92,000

Raumplastik

Auktion 300Donnerstag, den 29. November 2018, 18.00 Uhr

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Wir danken Sabine Kricke-Güse, Berlin, für freundliche Hinweise

Der Bildhauer Norbert Kricke nannte etliche seiner Arbeiten „Raumplastiken“. Dies erscheint auf den ersten Blick redundant, tritt doch grundsätzlich jede Skulptur mit dem umgebenden Raum in eine Beziehung, besetzt ihn, dringt in ihn vor. Eine Plastik ohne Raum ist nicht denkbar. Warum also betont Kricke den „Raum“ derart? 1954 notiert der Künstler: „Mein Problem ist nicht Masse, ist nicht Figur, sondern es ist der Raum und es ist die Bewegung – Raum und Zeit. Ich will keinen realen Raum und keine reale Bewegung (Mobile), ich will Bewegung darstellen. Ich suche der Einheit von Raum und Zeit eine Form zu geben“ (Roland Scotti: Norbert Kricke – Raum Linie. Ausst.-Kat. Appenzell, Museum Liner, 2012, S. 66).
Um Krickes theoretischen Ansatz zu verstehen, lohnt es sich, einen Blick zurück auf sein Frühwerk der 1940er-Jahre zu werfen. Damals stand er noch unter dem Einfluss seines Mentors, des neoklassizistischen Berliner Bildhauers Richard Scheibe, der dem jungen Bildhauer Wilhelm Lehmbruck und Georg Kolbe als Vorbilder empfahl. Gleichzeitig suchte Kricke, wie die meisten Menschen am Ende des Zweiten Weltkriegs, einen persönlichen Neubeginn. Den unwiderruflichen Bruch mit der Tradition sollte der Künstler schließlich um die Jahreswende 1949/50 vollziehen: Die ersten abstrakten „Raumplastiken“ entstanden.
Der Künstler verwendete dafür in der Regel Stahlrohre oder dünne Stahlstifte von unterschiedlicher Stärke. Ihre Form ist die Linie, sei sie gerade oder gebogen. Die Eigenschaft der Linie ist ihre Unendlichkeit, sie hat keinen An-fangs- und keinen Endpunkt. Und neben dem Raumbegriff Krickes, der sich hierin manifestiert, offenbaren die Linien noch etwas anderes: Der Raum ist nur scheinbar leer. Er ist angefüllt mit Energien, Strahlungen und, in der heutigen Zeit, mit Daten. Aus unterschiedlichen Quellen gespeist, kommen diese Kräfte aus allen Richtungen, werden abgelenkt, verändern ihre Bahn.
Unsere „Raumplastik“ ist um das Jahr 1958 entstanden und besteht aus mit Messinglot verbundenen Stahlstiften. Sie mutet fast archaisch an, fehlt der Arbeit doch der silbrige Oberflächenglanz der Skulpturen aus Edelstahl, den Kricke bei anderen Werken noch verstärkte, indem er sie vernickelte oder lackierte. Der Einsatz des Messinglots, der zur Verbindung der einzelnen Stifte notwendig ist und deutlich zu sehen ist, darf als Zeichen gelesen werden, dass es dem Künstler auch wichtig war, auf die handwerklichen Aspekte der vom Künstler geschaffenen Umsetzung einer Idee zu verweisen.
Auch daran wird deutlich, dass es Kricke nicht um die Bebilderung von Theoriegebäuden geht, sondern dass diese Plastik eine künstlerische Intervention ist. Und so klein die Arbeit sein mag, ihre Dynamik strahlt weit in den Raum aus. Je nachdem, wie sie aufgestellt ist, kann der Betrachter die Bewegung der Stäbe aus unterschiedlichen Blick- und Neigungswinkeln verfolgen, ihre Bündelung und Verdichtung studieren und sinnlich erfahren. OH

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