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Gabriele Münter

Berlin 1877 – 1962 Murnau

„Kohlgruberstraße“ (Murnau). 1908
Öl auf Pappe. 25,8 × 39,5 cm (10 ⅛ × 15 ½ in.) Unten links monogrammiert: Mü. Rückseitig mit Kreide in Blau signiert und betitelt: Münter Kohlgruberstraße. Unten rechts mit Bleistift datiert: 1908.  [3107] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Nordrhein-Westfalen (1960 von der Galerie Aenne Abels, Köln, erworben, seitdem in Familienbesitz)

EUR 350.000 – 450.000
USD 431,000 – 554,000

Verkauft für:
575.000 EUR (inkl. Aufgeld)

„Kohlgruberstraße“ (Murnau)

Auktion 290Donnerstag, den 31. Mai 2018, 18.00 Uhr

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Auf Wunsch stellt Grisebach das Gemälde der Gabriele Münter und Johannes Eichner-Stiftung in München bei ihrer nächsten Sitzung im Herbst 2018 im Original vor.

Wie Gabriele Münter in Murnau einen Weg für den Blauen Reiter fand

Das faszinierend expressive Gemälde „Kohlgruberstraße“ von Gabriele Münter entstand im Sommer 1908 – für die Malerin eine Zeit größter Schaffenskraft, in der ihr der Durchbruch zu einer epochemachenden neuen Malweise gelang. Es ist ein Meisterwerk von formaler Klarheit und größter Farbkraft: Die namensgebende, in ein kräftiges Rosa getauchte Kohlgruberstraße wird von Apfelbäumen gesäumt, deren Schatten sich blau auf dem Weg abzeichnen. Die Wiesen rechts und links davon leuchten in einem frischen Grün, während sich im Hintergrund in verschiedenen Blautönen die hügelige Landschaft des Alpenvorlands abzeichnet. Links ist zwischen zwei Bäumen der Turm der Murnauer Pfarrkirche St. Nikolaus zu erkennen.

Münters flüssiger Malstil gibt Hinweise auf die Dynamik der Entstehung des Bildes: So ist die Farbe an einigen Stellen nur dünn aufgetragen und lässt die ungrundierte Malpappe hervorscheinen. Die schwer mit Äpfeln behangenen Bäume sowie den Himmel hingegen gestaltete die Künstlerin mit großer Pastosität. Der Cloisonismus – das Umrahmen der Formen mit einer betonten Umrisslinie – grenzt, etwa bei den Bäumen, die charakteristischen Farbflächen voneinander ab.

„Kohlgruberstraße“ gehört zu den Gemälden, die von größtmöglicher Souveränität der Künstlerin im Umgang mit Farbe und Form zeugen. Dort ist kein Zweifeln mehr, kein Suchen: „Ich habe da nach einer kurzen Zeit der Qual einen großen Sprung gemacht – vom Naturabmalen – mehr oder weniger impressionistisch zum Fühlen eines Inhalts – zum Abstrahieren – zum Geben eines Extraktes“, erinnert sich Münter 1911 in einem Tagebuch- eintrag an die Wochen des Sommers 1908 (zit. nach: Gisela Kleine: Gabriele Münter und Wassily Kandinsky, Frankfurt a. M. u. Leipzig 1998, S. 319).

Gabriele Münter, 1877 in Berlin geboren, hatte ihren ersten Zeichenunterricht an der Damenkunstschule in Düsseldorf. Nach dem Besuch der „Damen-Akademie“ des Künstlerinnen-Vereins in München wurde sie 1902 Schülerin der progressiveren „Phalanx-Schule“. Damals begegnete sie Wassily Kandinsky, der ihr Lebensgefährte wurde. Nach wechselnden Lebensorten und ausgedehnten Reisen, die sie unter anderen nach Holland, Tunesien, Italien, Frankreich und in die Schweiz führten, erreichte Münter im Juni 1908 Murnau am Staffelsee. Im Jahr zuvor hatte sie ihre Kunst zum ersten Mal der Öffentlichkeit vorgestellt – im Salon des Indépendants in Paris. Anschließend war Münter auch am Herbstsalon 1907 mit einigen Holzschnitten beteiligt gewesen. Die Arbeiten, die sie dort zeigte, ließen schon erkennen, dass ihr der Sinn danach stand, etwas radikal Neues zu probieren.

Nach dem ersten Besuch in Murnau im Frühsommer beschloss Gabriele Münter Mitte August mit Kandinsky, der sie einst in die Freilichtmalerei eingeführt hatte, erneut für längere Zeit dorthin zu fahren. Die beiden wurden bei dieser Gelegenheit begleitet von Marianne von Werefkin und Alexej Jawlensky: „Die erste Studienzeit dort, im Spätsommer 1908, war ich voll von Bildern des Ortes und der Lage […]. Immer mehr erfasste ich die Klarheit und Einfachheit dieser Welt“ (zit. nach: Annegret Hoberg und Helmut Friedel: Gabriele Münter 1877–1962, München 1992, S. 31).

Die folgenden Wochen über malten die Künstlerpaare in der Natur: „Ich war einmal (vielleicht nicht öfter) mit Jawlensky zusammen ausgegangen, um Landschaft zu malen. J[awlensky] war auf der Kohlgruber Landstraße zurückgeblieben u[nd] malte“ (zit. nach: Annegret Hoberg (Hg.): Wassily Kandinsky und Gabriele Münter in Murnau und Kochel. 1902–1914. Briefe und Erinnerungen, München 1994, S. 53). Auch von Kandinsky gibt es ein vermutlich gleichzeitig entstandenes Gemälde von diesem Ort, wobei ihn – wie Gabriele Münter – der reizvolle Farbakzent der leuchtend roten Früchte der Apfelbäume offenbar besonders interessierte (Wassily Kandinsky, Murnau-Kohlgruberstraße, 1908, Roethel/Benjamin 252, Merzbacher Kunststiftung). Der Vergleich der beiden Gemälde beweist, wie stark sich Münter zu dem Zeitpunkt von ihrem einstigen Lehrer emanzipiert und eine eigenständige Bildsprache entwickelt hatte.

Der idyllisch gelegene Ort, in den Münter in den folgenden Jahren immer wieder zurückkehren sollte und in dem sie 1909 ein Haus erwarb, ist eng mit dem expressiven Aufbruch der Künstler des Blauen Reiter-Kreises verknüpft. Ähnlich wie die Brücke-Künstler an den Moritzburger Teichen oder im entlegenen Nordseebad Dangast fanden die Maler des Blauen Reiter hier eine besondere Inspiration, davon künden die vielen Ansichten Murnaus und seiner Umgebung, die sich ikonisch in die Geschichte der Moderne eingeschrieben haben.

Auch im Weiteren spielte Murnau eine zentrale Rolle für die Künstlerin. Nach dem Ende der Beziehung zu Kandinsky, der infolge des Ersten Weltkrieges nach Russland zurückkehren musste, sowie einem mehrjährigen Aufenthalt in Skandinavien waren die 1920er-Jahre für Münter ein eher schwieriger Lebensabschnitt. Danach jedoch begann eine neue Phase außerordentlicher Schaffenskraft, und auch sie war eng mit Murnau verbunden. 1931 ließ sie sich dauerhaft im Ort nieder, der von da an bis zu ihrem Lebensende mit wenigen Unterbrechungen ihr Rückzugsort und zum Kraftpol ihrer Kreativität wurde.

Dennoch, bei alldem blieb der Sommer 1908 die bedeutendste Zeit in Münters Schaffen. Die Werkgruppe der Murnau-Bilder von 1908 – und damit auch unser Gemälde „Kohlgruberstraße“ – zeigt ein „Malen ohne Umschweife“, wie es unlängst in der großen Retrospektive im Münchner Lenbachhaus gewürdigt wurde und nun noch im Louisiana Museum of Modern Art in Humlebaek und im Museum Ludwig in Köln zu sehen sein wird. Mit der „Kohlgruberstraße“ und den übrigen Murnauer Landschaften hat sich Gabriele Münter ihren festen Platz in der Geschichte der Malerei der Moderne erobert.
Gloria Köpnick

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