Auktionen Herbst 2018

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Adolph Menzel

Breslau 1815 – 1905 Berlin

Blumenpflückende Frauen („Statt der Vorrede“). Um 1848

Aquarell auf braunem Karton. 20 × 26,6 cm. (7 ⅞ × 10 ½ in.) Unten links monogrammiert: A. M. Am oberen Rand mit Tuschfeder in Braun betitelt: Statt der Vorrede. Unten rechts bezeichnet: Versagt die Jahreszeit lebendige Blumen Mögen wir uns an künstlichen freuen.  [3410]

ProvenienzAugust Otto Fähndrich, Berlin / Ludwig Ginsberg, Berlin (bis 1930) / Carl Heumann, Chemnitz (1930–2004 in Familienbesitz) / Privatsammlung, Schweiz (bis 2011)

EUR 40.000 – 60.000
USD 45,500 – 68,200

Blumenpflückende Frauen („Statt der Vorrede“)

Auktion 294Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 14.00 Uhr

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Wir danken Franziska Lentzsch, Kunsthaus Zürich, für freundliche Hinweise und Marie Ursula Riemann-Reyher, Berlin, für die Bestätigung des Werkes von Menzel. Herzlichen Dank auch an jene, die sich des topografischen Rätsels angenommen haben: Sibylle und Ernst Badstübner, Gerd Bartoschek und Wassilissa Pachomowa, Burkhardt Göres, Winfried Korf, Wilfried Rogasch.

AusstellungHundert Jahre Berliner Kunst im Schaffen des Vereins Berliner Künstler. Berlin, Verein Berliner Künstler, 1929, Kat.-Nr. 981, mit Abbildung („Titelblatt für eine Adresse an den Berliner Stadtverordneten-Vorsteher“) / Deutsche Landschaftskunst 1750–1850. Zeichnungen und Aquarelle aus der Sammlung Heumann, Chemnitz. Breslau, Schlesisches Museum der bildenden Künste, 1933, Nachtragskatalog Nr. 120 / Vereinigung Züricher Kunstfreunde. Mitglieder zeigen ihr meistdiskutiertes Kunstwerk aus eigenem Besitz. Zürich, Kunsthaus, 1971, Kat.-Nr. 60

Literatur und AbbildungMenzel-Ausstellung. 95 Zeichnungen. Berlin, Galerie J. Casper, 1928, Kat.-Nr. 22, „Statt der Vorrede“ (Titelblatt eines Albums) / Der Kunstwanderer, Jg. 1930, 1./2. Novemberheft, Abbildung S. 70 (anlässlich der Versteigerung der Menzel-Sammlung durch Graupe & Boerner im Dezember 1930) / Auktion 21: Die Menzel-Sammlung Ginsberg, Berlin. C.G. Boerner, Leipzig, und Paul Graupe, Berlin, 5. Dezember 1930, Kat.-Nr. 21 / Auktion 233: Sammlung Heumann Chemnitz. Galerie Kornfeld, Bern, 17. Juni 2004, Kat.-Nr. 38 / Auktion 288: Ketterer Kunst, München, 29. Oktober 2004, Kat.-Nr. 2048 /
Auktion 184: Villa Grisebach Auktionen, Berlin, 27. Mai 2011, Kat.-Nr. 1

Ein Familienspaziergang auf besonnten Wiesen vor der Stadt: Vielleicht haben sich die Herren in ernstem Gespräch aus dem Bild zurückgezogen. Indessen reichen heitere Frauen und Mädchen einander Kränze. Tücher flattern, man beugt und dreht sich, blickt hinunter und wieder auf, was kuriose Körpermuster erzeugt. Von ferne nähert sich zögernd ein Knabe, er bezeichnet die Achse der Komposition. Gelb, Rot, Blau, Ocker, Grün, in der Mitte strahlendes Weiß neben Schwarz. Die bunte Figurengirlande, von Buschwerk gerahmt, ruft allegorische Beiklänge auf: den Frauenkranz des Minnesängers, den Jungfernkranz – oder auch, in Rückspiegelung auf den Künstler, den Dichterkranz. Wie passt der Volksliedton zu dem „unerbittlichen Realisten“, zu dem man Menzel so gern stempelt? Er passt durchaus, und mitnichten als „Ausnahme“ – denn mehr als Unerbittlichkeit kennzeichnet Menzels Realismus die Unbefangenheit. Wenn aber die Szene, wie es den Anschein hat, gegen 1848 gezeichnet wurde, lässt sich noch ein zusätzlicher Antrieb vermuten: Damals träumte der Künstler vorübergehend von eigenem Eheglück.
In dem „Statt einer Vorrede“ bezeichneten Blatt bildet das aquarellierte Motiv eine Insel mitten in leer belassener Papierfläche, ähnlich den allegorischen Festblättern, die Menzel immer wieder malte. Mit ihren Beschriftungen gibt sich die Zeichnung auf den ersten Blick als eine Gelegenheitsarbeit zu erkennen, sei es als Deckblatt eines von Zeit zu Zeit zu ergänzenden „Menzel-Albums“, oder sei es, was wahrscheinlicher ist, als Eröffnungsbeitrag zu einem „Stammbuch“ oder Freundschaftsalbum.
Wer aber empfing dann das Geschenk? Da das Motiv auf ein vertrautes Verhältnis deutet, bieten sich drei Familien an: Zunächst die Familie des frühen Mentors und Auftragsvermittlers Carl Heinrich Arnold in Kassel, in dessen Haus Menzel 1847/48 mehr als ein halbes Jahr wohnte und mit dessen drei Kindern er jahrelang eng verbunden war. Sodann das Ehepaar Maercker, das eine Zeit lang Hausnachbar des Künstlers war; Menzel portraitierte mehrere ihrer Kinder, ehe die Familie nach Halberstadt umzog. Und schließlich die befreundete Familie Puhlmann in Potsdam. Dr. Wilhelm Puhlmann war Militärarzt, Kunstvereinsvorstand, Meister vom Stuhl der Freimaurerloge und ein nahezu universal interessierter Sammler von Autografen, seltenen Büchern und Handschriften, der seit 1836 die historische Neugier des jungen Künstlers nährte, wenn nicht überhaupt weckte. Sehr bald verband Menzel und Puhlmann eine dauerhafte Freundschaft, in die auch beide Familien einbezogen waren.
Könnte man die Stadtsilhouette im Hintergrund identifizieren, käme man dem Entstehungszusammenhang des Blattes auf die Spur. Doch weder sind die steilen Turmspitzen der Marburger Elisabethkirche zu erkennen, die Menzel während seines Kasseler Aufenthalts studierte, noch die Halberstädter Kirchen, unter denen namentlich die viertürmige Liebfrauenkirche auffallen müsste. Potsdam scheidet aus, doch wissen wir von Familienausflügen mit Puhlmanns, die vielleicht nicht nur an die Havel, sondern weiter in die Mark Brandenburg führten. Wohl könnte der Hintergrund märkisch anmuten, doch es will nicht gelingen, ein konkretes Vorbild auszumachen. Einem erträumten, nicht erinnerten Ausflug mochte eine Montage aus architektonischen Versatzstücken für ein fiktives „altes Städtchen“ als Kulisse angemessener sein.
Auf einen möglichen Zusammenhang mit Wilhelm Puhlmann verweist auch die Herkunft des Aquarells aus der reichen Sammlung Ludwig Ginsberg. Eine Sepiazeichnung, die die Familien Puhlmann und Menzel in Puhlmanns Garten darstellt (heute in St. Petersburg), hatte Ginsberg aus dem Nachlass des Mediziners erworben. Beide Blätter könnten zusammengehört haben.
Hinzu kommt, dass die Kombination von Bild und Text dem in der Renaissance kodifizierten Schema des Emblems entspricht, mit Überschrift, Bild und einigen Versen. Im Verkehr mit ähnlich Gebildeten nutzte Menzel gern die parodistische Anspielung. Und klingt nicht auch in der Unterschrift Fausts „Doch an Blumen fehlt’s im Revier. / Sie nimmt geputzte Menschen dafür“ an? Goethes Dichtung war für Menzel, wie er sich noch in späten Jahren erinnerte, sein Leben hindurch „eine Fundgrube hoher und hehrer Anregungen“. Er und seine Freunde „pflegten sogar stundenlang nur in Faustzitaten miteinander zu reden“. So heben Zitat, Anspielung und Doppelsinn, die auch die Briefe an den Potsdamer Freund schmücken, die Alltagsszene in einen Hallraum von „Bedeutung“.



Claude Keisch, Berlin

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