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László Moholy-Nagy

Bácsborsod, Ungarn 1895 – 1946 Chicago, Illinois

Ohne Titel. Weimar, 1923/25
Vintage. Photogramm. Unikat. 12,5 × 17,6 cm (4 ⅞ × 6 ⅞ in.) Rückseitig mit Bleistift signiert: „Moholy=Nagy“. Von weiteren Händen mit Bleistift beziffert: „MOHO 003“ und „27“ sowie mit Bleistift beschriftet. Werkverzeichnis: fgm 34.  [2032]

ProvenienzWilliam Larson / Robert Shapazian, Los Angeles / Galerie Kicken, Berlin / Privatsammlung, Schweiz

EUR 300.000 – 500.000
USD 369,000 – 615,000

Ohne Titel

Auktion 288Mittwoch, den 30. Mai 2018, 18.00 Uhr

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Betrachtung des Originals nach Terminvereinbarung.

Literatur und AbbildungAusst.-Kat.: Photographs of Moholy-Nagy. From the Collection of William Larson. Claremont, Galleries of the Claremont Colleges; San Francisco, Museum of Art; Albuquerque, University Art Museum, University of New Mexico, 1975, S. 44 / Renate Heyne, Florian Neusüss und Hattula Moholy-Nagy (Hg.): Moholy-Nagy. The Photograms. Catalogue Raisonné, Ost­fildern 2009, S. 68

Fotogramme sind die Wunderkammern des 20. Jahrhunderts.

Licht und Schatten als Koordinaten einer optischen Kunst generieren fantastische Gehäuse, flüssige Räume, magische Schluchten, deren Gänge und kaum entzifferbare Bereiche von ihren Schöpfern mit allerhand Mobilien oder Objets trouvés ausgestattet werden. Meist entziehen sich Letztere eindeutiger Zuordnung. Geleitet wird der Betrachter hier einzig durch das Licht, welches – einer eigenwilligen Choreografie gehorchend – manche Winkel in gleißende Helligkeit taucht, andere in ein obskures Dunkel versenkt, oft Zonen des Zwielichts erzeugend. Eine haltlose Welt, in der Silhouetten, Schatten oder schiere Behauptungen von Objekten vor ihm aufleuchten, tanzen und sich wieder zu verflüchtigen scheinen.
Die notwendigen Zutaten und Verfahren, die das Fotogramm als technische Wunderkammer der Moderne etablierten, reichen wesentlich weiter zurück als die ersten Schritte der Fotografie: Emulsionen in unterschiedlichsten chemischen Zusammensetzungen, als Träger ein Papier, Varianten zur Fixierung, Strahlen der Sonne oder eine Lichtquelle im abgedunkelten Raum – indes keine Kamera. Jedes Fotogramm ist ein Unikat und kann nur über seine fotografische Reproduktion vervielfältigt werden.
Die neue Haltung gegenüber Apparaten und ihrem experimentellen Einsatz in den Künsten führte mit Ende des Ersten Weltkrieges zu einer Wiederentdeckung des Fotogramms sowie zur Abwendung vom Piktorialismus, welcher die Fotografie über Jahrzehnte an die Malerei gefesselt hatte. Die den fotografischen Medien inhärenten Möglichkeiten sollten nicht mehr allein der Abbildung dienen, sondern „produktiv“ gemacht werden. Künstler wie Christian Schad, Kurt Schwitters, Raoul Hausmann, die Nerlingers, Edmund Kesting oder Maurice Tabard, beschäftigten sich in den Jahren zwischen den Kriegen intensiv mit der Fotogramm-Technik. Und während Man Ray die „Rayogramme“ in den Editionen Champs Délicieux und Electricité künstlerisch ausbuchstabiert hatte, begleiteten „Fotogramme“ als eines seiner wichtigsten Ausdrucksmittel László Moholy-Nagy (1895–1946) bis zu seinem frühen Tod. Es schien wie geschaffen für die kontinuierliche Auseinandersetzung mit dem Phänomen Licht, das seine kreative Arbeit beherrschte und in seinem Genie gipfelte, Licht- und Raumdimensionen mühelos von einem Medium ins andere zu übersetzen.
Moholy, der ungarische Konstruktivist und Bauhausmeister, schuf ab 1922 nach ersten theoretischen Überlegungen zur Reproduktion und Produktion fotografischer Methoden in der Zeitschrift De Stijl eines der umfangreichsten Œuvres in dieser Technik: Renate Heyne und Floris M. Neusüss konnten gemeinsam mit Hattula Moholy-Nagy im Catalogue raisonné 420 fotogrammatische Kompositionen nachweisen.
Moholys Werkkörper muss hier buchstäblich fotogrammatisch genannt werden, da er in sämtlichen seiner Äußerungen die Schrift des „Lichtners“ trägt, der die ‚objektive‘ Optik zuerst und zuletzt in der kameralosen Fotografie suchte. Für Moholy sollten die Arbeiten auf lichtempfindlichem Papier zur ihm wesenhaften „Lichtschrift“ werden. (Nichts anderes bedeutet der von ihm gefundene Begriff „Fotogramm“, der die Technik bis heute bezeichnet.)
Hundertfach erprobte er in ihnen die Magie des Lichtes, fixierte die durch Gegenstände generierten Lichtphänomene in der subtilsten Ausdifferenzierung einer tonalen Skala zwischen Schwarz und Weiß. Seine Kompositionen liegen indes weit jenseits beschreibender Absichten.
Als metaphysischer ‚Überbau‘ der Moholyschen Licht-Grammatologie möchte das Fotogramm aus der Unfassbarkeit seiner Ingredienzien vielmehr ein Kontinuum aus Licht, Raum und Zeit schaffen, in welchem der Betrachter seiner Zeugenschaft am Sublimen von Licht- und Schattenerscheinungen gewahr wird. Lichtschrift und ‚erleuchtetes‘ Schreiben bedingen sich in diesen metaphysischen Abhandlungen wechselseitig, können nur nebeneinander, in inniger Durchdringung und letztlich als ein und dieselbe Lichtspur im Werk dechiffriert werden: Autopoeisis in magischer Vollkommenheit. Daraus ergibt sich in Moholys Kunst eine Art von rationalem Spiel, eine poetische Ratio des Experiments, ein Gleißen über und unter der Oberfläche des Textes, der auf allen Ebenen die Signatur des Künstlers trägt.
Das hier vorgestellte, noch während der Weimarer Bauhausphase vor 1925 auf Gaslichtpapier entstandene Fotogramm gibt Moholys Lichtschrift subtilsten Ausdruck: In der dem Papier eigenen warmen Tonalität von Braun und Elfenbein eröffnet sich ein Raum-im-Raum-Prospekt, der den Betrachter hinter die gerissene Leinwand zu ziehen scheint, aber durch die ihm zugeworfenen Nägel eher in einem Proszenium verortet. Die dem Fotogramm eingeschriebene Labilität, das Chimärenhafte seines Wesens findet sich hier in Vollendung umgesetzt. Ein mit kaum entzifferbarer Schrift versehenes Stück Holz sowie kreisförmige, das Licht brechende Formen stützen die Komposition, verleihen ihr eine ungewisse Basis. Die Spannung ergibt sich aus dem Haltbar-Unhaltbaren, aus uneindeutigen Lichtquellen – aus bedrohlich spitzen Elementen, welche wiederum von runden Objekten besänftigt werden. Ein aufregendes und kontrastreiches Fotogramm.

Jeannine Fiedler

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