Auktionen Herbst 2018

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Emil Nolde

Nolde 1867 – 1956 Seebüll

„Segelboot“ (Hamburger Hafen). 1910

Öl auf Leinwand. 70 × 56,5 cm. (27 ½ × 22 ¼ in.) Unten rechts signiert: E. Nolde. Auf dem Keilrahmen oben in Schwarz signiert und betitelt: Emil Nolde: Segelboot. Werkverzeichnis: Urban 326 („Verbleib unbekannt“). Mit einer zusätzlichen Bestätigung von Dr. Manfred Reuther, Stiftung Seebüll Ada und Emil Nolde, vom 7. Dezember 2004.  [3166] Gerahmt 

ProvenienzN. Thomsen, Amsterdam (vor 1930) / Otto Treiber, Hamburg (wohl zwischen 1945 und 1954 erworben, seitdem in Familienbesitz)

EUR 400.000 – 600.000
USD 460,000 – 690,000

„Segelboot“ (Hamburger Hafen)

Auktion 300Donnerstag, den 29. November 2018, 18.00 Uhr

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AusstellungNolde in Hamburg. Hamburger Kunsthalle, 2015/16, S. 26, Abb. S. 39

Literatur und AbbildungRaphael Horzon: Nolde und die Dualitätstheorie, in: Grisebach. Das Journal. Heft 8, Berlin 2018, S. 62–66, Abb. S. 65

Andreas Fluck: Wie Emil Nolde ein Boot durch ein farbliches Furioso segeln lässt



Wenig anderes hat Emil Nolde so sehr fasziniert wie das Meer und die Küstenlandschaft seiner norddeutschen Heimat. Er sah dort jene archaischen Kräfte wirken, nach deren Spuren er zeit seines Lebens suchte. Sie inspirierten ihn zu einigen seiner besten Bilder. Zu ihnen zählt ohne Zweifel auch unser Gemälde „Segelboot“ aus dem Jahr 1910. Auf vielen der Werke Emil Noldes wirkt die See grandios und übermächtig. Bereits Max Sauerlandt schrieb 1921 treffend, der Künstler sehe das Meer so, „wie es in sich selbst lebt, losgelöst aus jedem Bezug auf den Menschen, als das ewig regsame, ewig wechselvolle, ganz in sich selbst sich auslebende, in sich selbst erschöpfende göttliche Urwesen, das bis heute noch die ungebändigte Freiheit des ersten Schöpfungstages sich bewahrt hat“ (Max Sauerlandt: Emil Nolde. München 1921, S. 49).
Ein solcher Blick auf die Naturgewalt muss natürlich auch künstlerisch Konsequenzen haben – was dies bedeuten könnte, lässt sich an dem Bild „Segelboot“ gut studieren. Nolde hat die Szenerie dafür in den Hamburger Hafen verlegt. Doch das heißt nicht, dass er fand, die „ungebändigte Freiheit“ des Meeres ließe sich in der vom Menschen angelegten Nutzarchitektur in irgendeiner Weise beschneiden. Mit Ausnahme der drei Schiffe im Bild sind keine weiteren Hinweise auf die Zivilisation zu erkennen, es sind hier weder Kräne, Docks oder Bojen noch Anleger oder Hafengebäude zu sehen. Die Boote scheinen fragil und den Elementen schutzlos ausgeliefert.
Dem Boot, das dem Bild den Titel gab, folgen zwei aus dem vom Sturm aufgepeitschten Dunst auftauchende Schlepper mit weißer und schwarzer Rauchfahne im fernen Hintergrund, wo Meer und Himmel ineinander übergehen und sich im Bild allein durch die Nuancen ihrer Farbigkeit und die Ausrichtung der Pinselstriche unterscheiden. Für das Kolorit der Wellen wählte Nolde ein Furioso aus grünen, gelben und türkisfarbenen Pastelltönen, die sich in der oberen Hälfte der Leinwand mit Abstufungen von hellem Blau, Grau, Violett und Weiß vereinen. Bedrohlich baut sich diese Wand aus Wolken, Qualm und Dunst vor dem Betrachter auf wie eine riesige Gewitterfront. Ein Eindruck, den der Künstler mit einem ausgesprochen expressiven, gestischen Pinselduktus noch verstärkte.
Hamburg hatte sich für Emil Nolde besonders in seiner künstlerisch wie finanziell schwierigen Anfangsphase als das „Tor zur Welt“ erwiesen. Auf einer seiner „kläglichen Reisen […], mit meiner Graphikmappe unter dem Arm, suchend hier und da eine Radierung zu verkaufen“, lernte er 1906 den Hamburger Landgerichtsdirektor Gustav Schiefler (1857–1935) kennen (zit. nach: Emil Nolde: Jahre der Kämpfe. Köln 1985, 5. Auflage, S. 81). Nolde erinnerte sich lebhaft an die erste Begegnung der beiden: „Ich (stand) in einer Kunsthandlung, meine Radierungen zeigend. Kopfschütteln war die Antwort. Aber es gäbe in Hamburg einen Herren, der sich für ‚so etwas‘ interessiere, zu dem sollten wir hingehen“ (ebda, S. 85). Am 18. Mai 1906 kam es dann zum ersten Treffen von Emil und Ada Nolde mit Schiefler und dessen Frau Luise. Daraus entwickelte sich eine enge Freundschaft mit regem Briefwechsel und zahlreichen Bilderkäufen, von der damals sicher ebenso wichtigen ideellen Unterstützung ganz zu schweigen. Auch auf den häufigen Reisen, die Nolde ab 1907 in sein Berliner Winterquartier unternahm, war er regelmäßig bei Schieflers zu Gast.
Im Februar 1910 konkretisierten sich die schon früh gehegten Pläne für einen Arbeitsaufenthalt in Hamburg. Direkt am Hafen bezog Nolde Logis in einer kleinen dunklen Pension mit der Adresse „Unter den Vorsetzen“, über die der Maler in seinen Lebenserinnerungen berichtet: „Unten war eine Gassenschänke mit Matrosen und fremdländischen, gebräunten Seeleuten, und viel Augenreiz, oben einige Räume zum Wohnen. Mein Zimmer lag über einer Durchfahrt, mit Wagengetöse, und kalt war es. Tag und Nacht lärmten und tuteten die Autos auf der Straße, die Schiffe und Pinassen im Hafen, das alles draußen vor meinen Fenstern lag“ (zit. nach: Emil Nolde: Jahre der Kämpfe. Köln 1985, 5. Auflage, S. 110).
Schlafmangel, Kälte und trübe Witterung dämpften zunächst die Stimmung, doch nach einer Phase der Eingewöhnung brachte die künstlerische Arbeit Nolde die erhoffte Ablenkung, forderte seine ganze Konzentration und lenkte schwermütige Gedanken in andere Bahnen: „Ich kam ins Arbeiten hinein, und nichts mehr störte mich. Mit den Pinassen voll Menschen ging ich fahrend, arbeitend, bei dem Getriebe auf den Landungsbrücken saß ich, immer arbeitend. […] Es war ein Untertauchen des ganzen Menschen in Arbeit und Spannung. […] Die entstandenen Werke hatten Lärm und Tosen, Rausch und Rauch und Leben, doch wenig Sonne nur“ (ebda., S. 110, 119).
Noldes Aufenthalt dauerte nur drei Wochen, aber in dieser kurzen Zeit im Februar und März 1910 entstanden 19 Radierungen, vier Holzschnitte und eine unbekannte Anzahl von Tuschpinselzeichnungen (siehe Auktion 299 am 30. November 2018, Los 540). Und er traf Vorbereitungen für im Ganzen elf Ölbilder, die er im Herbst im heimischen Atelier auf der Ostseeinsel Alsen oder in Berlin fertigstellte. Zu dieser Werkgruppe gehört auch das Gemälde „Segelboot“.
Emil Noldes Bilderserie vom Hamburger Hafen war wegweisend für andere wichtige Konvolute von Arbeiten im Schaffen des Malers, etwa seine flüchtig dahin-geworfenen Aquarelle mit Dampfschiffen und Dschunken auf dem Gelben Meer und dem Jangtsekiang, die er nur wenig später auf seiner Reise in die Südsee in China anfertigte. Auch etliche Werke aus der Folge der „Ungemalten Bilder“ aus der Zeit des vom deutschen Regime zwischen 1938 und 1945 verhängten Malverbots verdanken den Wochen in Hamburg viel. Mit dem wahren Wert des Gemäldes „Das Segelboot“ verhält es sich aber wie mit Noldes Blick auf die Urkraft des Meeres, so wie sie Max Sauerlandt 1921 beschrieb: Er liegt im Bild selbst.

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