Auktionen Oktober 2018

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Ludwig Passini

Wien 1832 – 1903 Venedig

Anna Passini auf dem Balkon des Palazzo Priuli in Venedig. Um 1866
Aquarell auf Papier, auf Karton aufgezogen. 57,8 × 42,4 cm (22 ¾ × 16 ¾ in.) Unten rechts signiert: Ludw. Passini.  [3134] Gerahmt 

EUR 50.000 – 70.000
USD 56,800 – 79,500

Anna Passini auf dem Balkon des Palazzo Priuli in Venedig

Auktion 297Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 18.00 Uhr

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Dieses Blatt entführt uns nach Venedig und zu dem, was in der DNA dieser Stadt verborgen liegt: der Liebe zur Vanitas, zur Schönheit des Vergehens. Und wir hören, wenn wir die Ohren spitzen: den ewigen Sound des träge gegen die Mauern schlagenden Wassers der Kanäle.
Aber natürlich sehen wir zuerst und vor allem: eine Frau. Sie sitzt auf dem Balkon des Palazzo Priuli, einem Prachtbau, ausgemalt von Palma Vecchio, beschrieben von John Ruskin. Und sie scheint seltsam entrückt dort oben auf ihrem Balkon, in sich versunken, wie von einer anderen Welt. Und dort war sie wohl auch schon, als Ludwig Passini, dieser große Aquarellist, dieses Blatt zu ihrem Angedenken schuf. Sie sitzt mehr auf einer Wolke, als dass ihr weißer Rock sie noch trägt.
Passini war 1849 nach Venedig gekommen, wo er seine Ausbildung, die in Wien bei Thomas Ender begonnen hatte, bei Carl Werner fortsetzte, beide zählen zu den begnadetsten Aquarellmaler ihrer Zeit. Passinis Meisterschaft ist vor allem durch das atemraubende Blatt der „Deutschen Künstler im Café Greco in Rom“ aus der Hamburger Kunsthalle bekannt – dort in Rom verkehrte er mit Böcklin und Feuerbach und Liszt. Passini, der schon einen italienischen Nachnamen trug, ging also ganz in dem deutschen Sehnsuchtsland auf. Dort lernte er 1863 den Berliner Bankier Alexander Mendelssohn und dessen Sohn Robert Warschauer kennen – und über die beiden die Liebe seines Lebens, Warschauers Tochter Anna. Die Leidenschaft muss so groß gewesen sein, dass sie sogar Eingang in die Kunstgeschichte fand. Friedrich Pecht schrieb: „Man kann den geistvollen und schönen Kopf dieser Frau nicht sehen, Passini nicht kennen, ohne die ächte Neigung sehr wohl zu begreifen, welche die beiden rasch so fest aneinander fesselte, daß sie bald auch jedes äußere Hinderniß überwand.“ Sie heirateten wenig später, der alte Mann und die junge Frau – und sie wurde schwanger, aber sie starb unter tragischen Umständen 1866 im Kindbett. Passini lebte dann bis zu seinem Tod am Canale Grande, um sich mit seiner Trauer eingebettet zu fühlen in den Geist der Vanitas, der Venedig durchweht. Unser Bild darf man wohl als Memorialbild verstehen, entstanden in Erinnerung an die große Liebe, die Zeit der Gemeinsamkeit heraufbeschwörend und doch, durch die Platzierung auf dem entfernten Balkon, den Abschied akzeptierend. Es ist offenbar diese geheime Bindung zwischen dem Künstler und dem Modell, die diesem Aquarell neben aller technischen Brillanz seine subtilen emotionalen Schwingungen verleiht.
Die ungewöhnliche Perspektive, der Ausschnitt, der verdeckte Himmel geben der Szenerie zudem eine faszinierende Dynamik – und lenken die Blicke auf den Mittelpunkt, den gesenkten Kopf der sinnenden Frau. Seiner Frau. Mit einer Detailgenauigkeit und Lebendigkeit der Farbe, wie man sie sonst nur von Rudolf von Alt kennt, bildet Passini hier nicht italienische Paläste ab, sondern er scheint von ihren Farben, ihren Steinen, ihrer Geschichte zu erzählen. Die „unerhörte Kraft zur Personalisierung“, die Friedrich Pecht bei Passini rühmte, versteht er eben nicht nur auf Personen, sondern auch auf Gebäude und Landschaften anzuwenden. Adolf Rosenberg rühmte Passini: „Als die Aquarellmalerei noch nicht zur Modesache geworden war, hatte Passini den Wasserfarben eine coloristische Vielseitigkeit, eine Kraft und Tiefe und, wo es das Motiv erforderte, eine ernste charactervolle Grundstimmung abgewonnen, die noch von keinem der Mitglieder der zahlreichen englischen, französischen und deutschen Gesellschaften von Aquarellmalern in ihrem ganzen Umfange erreicht, geschweige denn übertroffen worden ist.“ Möchte jemand widersprechen?



Florian Illies

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