Auktionen Herbst 2018

2106

Thomas Struth

Geldern 1954 – lebt in Berlin

„Paradise 24, Sao Francisco de Xavier“ Brazil. 2001

C-Print, Diasec. 210 × 271 cm (223 × 284 cm). (82 ⅝ × 106 ¾ in. (87 ¾ × 111 ¾ in.)) Auf Rahmenrückwand Etikett mit gedruckten Werkangaben, Cat.-Nr. und Editionsnummer, darauf mit schwarzem Filzstift signiert. Eines von 10 nummerierten Exemplaren.  [2030] Künstlerrahmen 

EUR 60.000 – 80.000
USD 68,200 – 90,900

Verkauft für:
95.000 EUR (inkl. Aufgeld)

„Paradise 24, Sao Francisco de Xavier“ Brazil

Auktion 298Freitag, den 26. Oktober 2018, 18.00 Uhr

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Literatur und AbbildungThomas Struth: New Pictures from Paradise. München 2002, unpaginiert / Thomas Struth. München 2017, S. 210–211 / Thomas Struth: New Pictures from Paradise. München 2017, S. 44–45

Kommen wir ins Paradies? Werden alle unsere Fragen gelöst und werden wir alles erkennen? In Thomas Struths Serie mit dem Titel „Paradies”, die verschiedene Orte der Welt abbildet, richtet der Photograph sein Objektiv auf Waldansichten, um uns etwas zu versprechen. Es sind Ausschnitte aus der lebenden Welt, die uns in diesen Bildern nun gegenüber steht. Doch sind es mehr als Abbildungen von schönen und ursprünglichen Orten, wo wir uns vielleicht verlieren oder, wie man es ja oft von der Kunst erhofft, uns selbst finden könnten.
Das großformatige „Paradise 24, Sao Francisco de Xavier“ aus dieser Serie fordert sanft dazu heraus, uns als Zuschauer zu behaupten. Wir sollen unsere Distanz zu einem durch Struths Fähigkeiten zum filigranen Muster erstarrten Urwald wahren, der doch zugleich auch zum Eintreten und Entdecken einlädt. Wie auch in seiner Serie „Museum”, in der Struth Besucher vor Meisterwerken stehend abbildet, geht es dem Photographen in diesem großformatigen Abzug um unsere Hoffnung, in einem Bild etwas mehr zu sehen, als was dort oberflächlich vorhanden ist. Indem er die feinsten Flechten im Vordergrund ebenso scharf abbildet wie die Bäume und Palmwedel im Hintergrund, verliert unser Auge momentan die Orientierung. Denn dem menschlichen Auge ist es nicht möglich, zugleich den Vorder- und Hintergrund in gleicher Schärfe zu erfassen. Durch ihre technische Genauigkeit im Dienste einer neuen Art des Sehens lassen Struths Photographien uns in diesem leicht hypnotischen Zustand schweben. Offenbart sich hier eine größere Perspektive oder verlieren wir uns in einer Menge ungeordneter und, wie Siegfried Kracauer einmal schrieb, radikal „kontingenter” Einzelheiten?
In „Paradise 24” setzt Struth zwei Arten des Sehens gegeneinander. Es gibt ein Betrachten, das uns die Welt als das überschaubare Ganze eröffnet und es gibt ein Sehen, das uns als Teilnehmer an der Welt situiert. Als Adam den Apfel vom Baum der Erkenntnis riss, wollte er mehr, als die Welt als Gottes Schöpfung bewundern. Er wollte sich und Eva nicht nur als Statisten in einer wunderschönen Kulisse sehen, sondern daran teilnehmen, sie verändern, selber Welt schaffen. Mit dem Sündenfall verliert der Mensch die Fähigkeit des unschuldigen Sehens. Er erringt die Fähigkeit, seine Welt mitzugestalten. Sobald der Apfel aus dem geschlossenen Weltbild gebrochen wurde, zerfiel die Welt in lauter Einzelteile. Die Hoffnung der Kunst ist es, diese Details wieder in ein großes Ganzes zu integrieren. Struth spielt mit dieser Hoffnung, aus einer Welt kontingenter Elemente, also aus der wissenden Betrachtungsweise, auf der unsere modernen technischen und berechnenden Sehensweisen beruhen, wieder zu einer unschuldigen Sichtweise zurückzufinden. Er will unser Sehen von der Erwartung befreien, alles Gesehene in schon bestehende Muster einzuordnen. Vor seinen großformatigen Bildern kann sich der Betrachter für Momente verlieren. Für Struth sind dies Momente der Befreiung vom Zwang, alles Gesehene immer sofort in Wissen umzusetzen.
Das Paradies, wie das technische Medium der Photographie, war nicht wirklich für Menschen gedacht. Es blieb uns äußerlich und machte uns zu Statisten, so wie die Kamera unsere Welt als kalte Kulisse darstellen kann.
„Paradise 24” vertieft die Grundfrage von Struths Werk: Können wir unsere Beziehung zur Welt durch geduldigeres Betrachten von einer passiven in eine gestaltende Rolle verwandeln? Und könnte diese gestaltende Rolle konstruktiv sein? Diese Frage stellt Struth in seinen Städtebildern, den leeren Straßenfluchten und Fabrikationsstätten, doch eben auch angesichts der Natur, in die wir durch den Sündenfall ursprünglich eindrangen – und welche wir im Zeitalter des Anthropozäns so tiefschürfend verändert haben, dass sie uns in einer Katastrophe zu entgleiten droht. Wir haben das unschuldige Sehen lange verlernt. Heute kön- nen wir kaum einen Urwald anschauen, ohne gleich zu vermuten, dass dieser recht bald abgeholzt wird. Der erste Schritt in diesem Denken, das vielleicht nicht immer in Vernichtung kulminieren muss, ist das Sehen. Struths „Paradies” positioniert den Zuschauer am Rande eines Abgrunds, der nicht aus Boshaftigkeit oder Wahnsinn besteht, sondern in unserem nie zu erfüllenden Wunsch nach Erkenntnis und Verstehen.
Ulrich Baer

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