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Wolfgang Tillmans

Remscheid 1968 – lebt in London und Berlin

„Freischwimmer 21“. 2004
C-Print auf Aludibond im Künstlerrahmen. 250 × 190 × 6 cm (98 ⅜ × 74 ¾ × 2 ⅜ in.) Auf einem Etikett auf der Rahmenrückseite betitelt, datiert, nummeriert und signiert. Exemplar 1/1 aus einer Auflage von 1+1 AP.  [3407] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Rheinland (2005 in der Galerie Daniel Buchholz, Köln, erworben)

EUR 250.000 – 350.000
USD 308,000 – 431,000

Verkauft für:
375.000 EUR (inkl. Aufgeld)

„Freischwimmer 21“

Auktion 292Freitag, den 1. Juni 2018, 18.00 Uhr

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Das Faszinierende am Œuvre Wolfgang Tillmans ist die Tatsache, wie es ihm gelingt, jede einzelne seiner Fotografien immer als Teil eines größeren Zusammenhanges und Gefüges erscheinen zu lassen. Die Motive und der Entstehungszeitraum werden zweitrangig, da an erster Stelle ein alle Stränge verbindender Weltzugang steht: Ein immer warmer Blick, der geprägt ist von Neugier, von Offenheit, von Ernsthaftigkeit, von Liebe zum Augenblick und vom Glauben an das Universum als ein schillerndes Mosaik. Dadurch besteht ein unsichtbares, aber stabiles Band zwischen den frühen Zeitschriftenfotografien wie etwa von Kate Moss (siehe Los 803-805), den Stillleben (Los 800), den beiläufigen Blicken auf Straßen, Mülltüten und Strommasten (Los 802) und seinen Naturerkundungen zu Wasser, zu Lande und zu Luft.
Die Serie „Freischwimmer“, die Anfang des Jahrtausends beginnt, bleibt der Tillmanschen Ästhetik treu, obwohl sich das Werk damit erstmals in den Bereich der reinen Abstraktion vorwagt. Das kann natürlich nur gelingen, wenn Abstraktion, wie bei Tillmans, schon immer als eine Möglichkeit begriffen wurde, die den Dingen auf natürliche Weise innewohnt.
Auch wenn das Auge in unserem Bild aus dem Jahre 2004 zunächst noch versucht, sich mit konkreten Assoziationen einen Reim auf das Bildgeschehen zu machen, so kommt man damit schnell an die Grenzen des Vorstellungsvermögens. Vermutet man zunächst, wohl wegen der Assoziation zum Schwimmen, man würde hier Körperhaare sehen, die sich unter Wasser zu solchen Formationen zusammenfügen, so nimmt man spätestens dann Abstand von dieser Analogie, wenn man im unteren Bildreich die kleinen samenartigen Kaulquappen sieht, die offenbar auf eine andere Entstehung hindeuten. Das Ganze wirkt sehr organisch, botanisch, als würde man mit einem Mikroskop tief hinein in ein Wunder der Erde blicken, aber auch da merkt man schnell, etwa am oberen Rand, dass dies auch nicht die Lösung sein kann. Wolfgang Tillmans verrät bewusst nicht, wie er zu den Bilderfindungen dieser Serie gekommen ist, weil er sich freut, wenn die Arbeiten ihren changierenden Charakter behalten. Er sagt nur, dass es sich um besondere Reaktionen von Licht auf Fotopapier handelt. Was wir also beim „Freischwimmer“ vor uns haben, ist eine zeitgenössische Weiterentwicklung der Fotogramme eines Moholy-Nagy aus den 1920er Jahren. Es ist ein Spiel in der Dunkelkammer mit den technischen Möglichkeiten, mit dem Bildentwicklungsprozess, mit dem Belichtungsprozess – und doch springt einem aus dem Bild eine große Sinnlichkeit entgegen, die einen alle Gedanken an die konkrete Entstehung vergessen lässt.
Das hat sicher auch mit Tillmans direktem Zugang zum Fotopapier als solchem zu tun, dessen ganze Schönheit und Dehnbarkeit er in der Serie seiner „paper drops“ demonstriert hat. Bei dem „Freischwimmer“ macht er nun die plane Oberfläche zu einem Experimentierfeld des Lichts. „Die Herstellung dieser Werke ist ein ziemlich komplexer Prozess,“ sagt Tillmans, „den ich eigentlich nicht näher erläutern will, weil ich möchte, dass sie sind, was sie sind – und das ist sicher nicht ihre Herstellungsmethode.“ Es geht dem Künstler darum, unsere Aufmerksamkeit von der Fixierung auf den Entstehungsprozess als auch auf den vermeintlichen Inhalt zu lösen, obwohl dies die klassischen Herangehensweisen an Fotografien sind. Auf diese Weise gelingt es Tillmans in der Serie der „Freischwimmer“ auf eindrucksvolle Weise die Autonomie der fotografischen Darstellung zeitgenössisch neu zu kartographieren. Unser so wunderbar hellorange schimmerndes, großformatiges Werk ist dafür ein exzellenter Beleg. Es ist Impressionismus, Malerei mit Licht, mit den Mitteln der zeitgenössischen Fotografie und mit der Könnerschaft eines großen Kompositeurs und „Sehers“, wie man jemanden wie ihn früher genannt hätte.
Florian Illies

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