Auktionen Herbst 2018

79N

Henri de Toulouse-Lautrec

Albi 1864 – 1901 Malromé

„Snobisme ou Chez Larue“. 1897

Öl auf braunem Karton. 68,2 × 52,2 cm. (26 ⅞ × 20 ½ in.) Unten rechts mit Bleistift monogrammiert: HTL. Werkverzeichnis: Dortu P. 653. Studie für die Zeichnung D. 4.329 für die Zeitschrift „Le Rire“, Nr. 129, 24. April 1897.  [3889]

ProvenienzGalerie Bing, Paris / Sammlung Giulietta Mendelssohn-Gordigiani, Florenz / Sammlung Durand-Matthiesen / Privatsammlung, Basel (bis 2015)

EUR 250.000 – 350.000
USD 284,000 – 398,000

Verkauft für:
356.250 EUR (inkl. Aufgeld)

„Snobisme ou Chez Larue“

Auktion 294Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 14.00 Uhr

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AusstellungToulouse-Lautrec. Paris, Galerie Jeanne Castel, 1931 / La Peinture Française à Florence. Florenz, Palazzo Pitti, 1945, Kat.-Nr. 212, mit Abbildung / Toulouse-Lautrec. London, Mathiesen Gallery, 1951, Kat.-Nr. 29, mit Abbildung / De Géricault à Matisse. Paris, Petit Palais, 1959, Kat.-Nr. 188 / Henri Toulouse-Lautrec. Wien, Museum für Angewandte Kunst, 1966 / Toulouse-Lautrec. Kyoto, National Museum of Modern Art, und Tokio, National Museum of Western Art, 1968/69 / Toulouse-Lautrec. Tokio, Art Museum Isétan, u.a., 1982/83, Kat.-Nr. 49 / Toulouse-Lautec. Martigny, Fondation Pierre Gianadda, 1987, Kat.-Nr. 163, S. 222, mit Abbildung / Kunst Handel Leidenschaft. 50 Jahre Galerie Pels-Leusden. Berlin, Kampen, Zürich, 2000, Kat.-Nr. 117, S. 22/23 und S. 169, mit Abbildung / Auktion 7008: Impressionist & Modern Art. London, Sotheby's, 20. Juni 2007, Kat.-Nr. 324 / Auktion Z38: Impressionist & Modern Art. Zürich, Koller Auktionen, 26. Juni 2015, Kat.-Nr. 3227

Literatur und AbbildungMaurice Loyant: Henri de Toulouse-Lautrec. Paris, 1926/27, Bd. I, S. 253

Wo sind wir? Und was geht vor zwischen dem Mann und der Frau? Toulouse-Lautrec, der Maler, ist neben Degas und Manet in der ausgehenden Belle-Epoque-Hälfte des 19. Jahrhunderts intimer Kenner und untrügbar wirklichkeitsgerechter Beobachter des sündigen Feine-Leute-Lebens in Paris, damals der absoluten Hauptstadt der (Kunst-)Welt. Diese Drei, selber nicht in den glücklichsten Verhältnissen lebend, machten aus ihrer röntgenhaften Menschenkenntnis eine bis dahin nie gesehene Kunst des Vom-Einzelnen-aufs-Ganze-Schließens. So bildet sich eine Gesellschaft ab, bei der unter anderem Liebe, vielmehr: Sex zur gängigen Handelsware wird. Bei Manet erwartet die Käufliche ihren Kunden langhingestreckt nackt, bei Degas spreizen süße Balletteusen ihre schönsten Körperteile vor begierigem Männerblick, bei Toulouse-Lautrec ist dann gleich das als halbwegs anständiges Cabaret-Café verkleidete Bordell Ort der Handlung. Auch hier, auf unserer Öl-Skizze? Macht der kurzsichtige White-Collar-Herr, dessen grell weißgehöhter Kragen sofort am auffälligsten ins Betrachterauge sticht, der ältlichen Dame mit dem nur angedeuteten abenteuerlichen Kopfputz und den eher müde verhangenen Augen gerade ein Angebot? Oder werden wir vielleicht – Achtung, Momentaufnahme! – wie bei Ingmar Bergman Zeuge der Szene einer Ehe, wo der indignierte Gatte seiner noch indignierteren Gattin vorwurfsvoll die Rechnung hinhält: „Was? So viel hast du heute schon wieder ausgegeben?“
Wir wissen es nicht. Jeder Bildbetrachter kann sich hier eine eigene Geschichte fantasieren (das ist bei guten Bildern eigentlich immer so). Doch Halt, wir können die rätselhafte Begegnung „happyendig“ auflösen, denn Toulouse-Lautrec hat, was die Maler in der Regel nicht tun, seinem Bild einen Gebrauchsanweisungs-Titel gegeben: „Snobisme ou Chez Larue“, also zwei Snobs sitzen in dem authentischen Pariser Edelrestaurant Larue und der Mann liest der Frau gerade die Speisekarte vor. Ach, so harmlos also!
Nachdem das Was geklärt ist, jetzt aber schnell zum Wie. Die zufällig-beiläufig wirkende Story ist mit jedem Pinselstrich ein unwiderstehliches Meisterwerk der allerfeinsten Art, das der Maler wohl vor Ort in ein paar Minuten aufgezeichnet hat (und zwar überraschend großformatig auf grob-dicker Kartonpappe, die sich in den 121 Jahren ihres Bestehens ins Bräunliche verfärbt haben muss). Keine Abbildung kann die exquisiten (Farb-)Nuancen dieser zwischenmenschlichen Begegnung der dritten Art korrekt wiedergeben: sich überlagernde Wellenlinien kreuzen quer mit länglichen Kurzstrecken-Geraden und zackigen Häkchen, mal kräftig und mal hauchdünn, Pünktchen garkeine, die Hand mit der Karte versuchsweise per Vorzeichnung in zwei Drunter-und-drüber-Versionen, konzentriert kräftig gerötet Teile des Lockenhaars beim Mann und etwas Hellrot eingekurvt am Hals (nicht etwa Mund) der Frau, ihr Hut ein Gedicht in neun widerspenstig krummen Linien, überm Ärmel des Mannes ein gänzlich sinnenthobener Rotbraun-Haken und als Rausschmeißer unten rechts in zartestem Kritzel-Steno das Monogramm mit Bleistift. Man muss sich dieses nun wahrlich kühn und frei wirkende Netzwerk-Gespinst aus nervös-spontanen Linien wirklich aus nächster Nähe im Original ansehen. Und das haben offenbar schon sehr viele Leute getan, denn es tourte in Ausstellungen seit 1931 von Paris aus nach Florenz, London, nochmals Paris, Wien, Kyoto, Tokio, im Museum seines Geburtsorts Albi, Martigny, Berlin, Kampen und Zürich, um dann 2007 in London versteigert zu werden, was aber nicht lange hielt, denn schon 2015 war es wieder so weit und nun kaufte es endlich Bernd Schultz bei der Züricher Konkurrenz Koller. Voilà!



Christoph Müller, Berlin

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