Auktionen Herbst 2018

6N

Lesser Ury

Birnbaum/Posen 1861 – 1931 Berlin

„Hochbahnhof Bülowstraße bei Nacht“. 1922

Öl auf Leinwand. Doubliert. 70 × 100,5 cm. (27 ½ × 39 ⅝ in.) Unten links signiert und datiert: L. Ury 1922. Werkverzeichnis: Mit einem Gutachten (in Kopie) von Dr. Sibylle Groß, Berlin, vom 27. Oktober 2010. Das Gemälde wird aufgenommen in das Werkverzeichnis der Gemälde, Pastelle, Gouachen und Aquarelle von Lesser Ury von Dr. Sibylle Groß, Berlin (in Vorbereitung). Kleiner, restaurierter Riss.  [3556] Gerahmt 

ProvenienzNelly Frank, Berlin/Genf (erworben um 1928/29, in Familienbesitz bis 1988) / Privatsammlung, Hamburg (1988 bis 2010) / Privatsammlung, Schweiz

Addendum/ErratumDas Gutachten liegt im Original vor.

EUR 250.000 – 350.000
USD 287,000 – 402,000

Verkauft für:
450.000 EUR (inkl. Aufgeld)

„Hochbahnhof Bülowstraße bei Nacht“

Auktion 300Donnerstag, den 29. November 2018, 18.00 Uhr

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AusstellungLesser Ury, Zauber des Lichts. Berlin, Käthe-Kollwitz-Museum, 1995/96, Kat.-Nr. 35, Abb. S. 138

Literatur und AbbildungAuktion Nr. 178: Lesser Ury. Werke aus einer Hamburger Privatsammlung. Berlin, Grisebach, 26.11.2010, Kat.- Nr. 12, m. Abb

Man sieht nichts – und erkennt doch alles: Allein der Titel des Gemäldes lässt den Berlin-Kenner aufmerken und in seinem Gedächtnis nach einer nächtlichen, regennassen Erinnerung suchen. Lohnt es sich, noch loszulaufen, um die gerade in den Bahnhof einfahrende Hochbahn zu erreichen? Und verblüfft registriert der Betrachter bei einem zweiten Blick, dass das Gemälde knapp 100 Jahre alt ist. In diesem Nachtstück schrumpft die Zeit. Das Werk ist Stimmungsbild par excellence und zugleich ein malerischer Geniestreich. Durch das nächtliche Schwarz bleibt alles im Ungefähren: Die wenigen Passanten suchen Schutz vor dem Regen unter dem Viadukt der Hochbahn; durch einen Pfeiler blicken wir auf die erleuchteten Scheiben einer Bar. Auf die Besucher welches Vergnügungsetablissements in der Potsdamer Straße warten die zahlreichen, hintereinander aufgereihten Taxen? In den 1920er-Jahren war das nächtliche Berlin genauso geheimnisvoll und alles versprechend, wie es die Stadt in unserer heutigen Zeit ist. Die Szene ist flüchtig, denn hält nicht ein Lastwagen direkt auf den mitten auf der Straße stehenden Maler und somit auch auf uns zu? Also fort zu neuen Eindrücken und Abenteuern.
Lesser Ury kommt das Verdienst zu, als Erster die moderne Großstadt zum alleinigen Thema seiner Arbeiten erkoren zu haben. Niemand vermochte wie er, die Lichteffekte auf regennassen Straßen in Malerei umzusetzen. Unser Gemälde gehört zu Urys schönsten Regenbildern. Der Maler hat hier mit besonderer Sorgfalt gearbeitet, was sich auch in der Verdopplung seines sonst üblichen Bildformats ablesen lässt. Die gesamte Szenerie wird ausschließlich durch elektrisches Licht erhellt. Geisterhaft fliegt die erleuchtete Hochbahn auf ihrem kaum erkennbaren Viadukt dahin, die Straßenlaternen der Bülowstraße führen weit in die Tiefe des Bildraumes. Die Scheinwerferpaare der Automobile werfen lange, orangegelbe Lichtstreifen auf den nassen Asphalt. Die Malerei der Lichtstreifen ist grandios: Einige sind mit kräftigem Pinselstrich lang gezogen, andere durch trockene Stellen auf der Fahrbahn unterbrochen. Die suggestive Malerei Urys zieht auch heute noch den Betrachter vollständig in ihren Bann. OH

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