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Félix Vallotton

Lausanne 1865 – 1925 Paris

„Femme couchée“. 1913
Öl auf Leinwand. Doubliert. 112 × 144,5 cm (44 ⅛ × 56 ⅞ in.) Unten links signiert und datiert: F. VALLOTTON. 13. Werkverzeichnis: Ducrey 1032.  [3350] Gerahmt 

ProvenienzNachlass des Künstlers / Madeleine Lecomte du Nouy, Paris / J. Rodrigues-Henriques, Paris / Privatsammlung, Paris / Privatsammlung, Berlin

EUR 300.000 – 400.000
USD 353,000 – 471,000

„Femme couchée“

Auktion 281Donnerstag, den 30. November 2017, 17.00 Uhr

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AusstellungExposition de peintures de Felix Vallotton. Paris, Gal. E. Druet, 1914, Kat.-Nr. 3 („Femme couchée [ciel bleu]“) / Félix Vallotton. Paris, Fondation Dina Vierny–Musée Maillol, 1997/98, S. 106f, m. Abbildung („Jeune femme couchée de face [La France]“)

Literatur und AbbildungVersteigerungskatalog. Zürich, Sotheby's, 29.5.2000, Kat.-Nr. 138, m. Abbildung

Florian Illies: Unser Akt ist die schöne „Weiße“ aus Vallottons legendärstem Gemälde – und wir Betrachter werden durchschaut

Es ging Félix Vallotton immer um den Schwung der Linie. Ganz gleich, ob er einen Flusslauf erfasste, den Saum eines Bettlakens oder die Silhouette einer Frau: Er sah und liebte es, die Welt sich runden zu sehen.
Legendär ist die Serie seiner Holzschnitte, mit denen er in den 1890er-Jahren berühmt wurde: Lebensentwürfe, Lebensszenarien, Schrecksekunden auf kleinstem Raum, das Weiß, sich herausschälend aus dem Schwarz. Aber auch hier: Der größte Zauber geht vom Schwung des Badewannenrandes aus („The bath“, 1894), vom Hals der Schwäne („The Swans“, 1892), vom Weg im Kies („Nacht“, 1895) und natürlich im Prunkblatt „Laziness“ aus dem Jahr 1896 dann von den wundervoll laufenden Linien der Frau, der Katze und der Decke, ein einziges Linienge echt voll Schwarz und Weiß und Sinnlichkeit (Abb. links). Vallotton sei, so erkannte Julius Meier-Graefe schon früh, „ein virtuoser Maler im Dienst der Linie“.
Es spricht für die Subtilität und die Kontinuität und den Humor von Vallotton, dass er fast zwanzig Jahre später für eines seiner Hauptwerke, das legendäre „La Blanche et la Noire“ (Abb. rechts) also das Prinzip seiner Holzschnitte in eine inhaltliche Gegenüberstellung überführt. War das Schwarz und Weiß der Holzschnitte noch allein ein gestalterisches Mittel, so wird es in diesem Gemälde zum zentralen Bildinhalt. Das Bild ist von einer eminenten Modernität – es ist das Ende der Orientmalerei und der Beginn eines neuen Denkens. Die Perspektive ist umgedreht: Die „Weiße“ präsentiert sich schamlos der verhüllten Orientalin – und diese schwarze emanzipierte Frau ist es, die lässig eine Zigarette raucht, die fremde helle Haut begutachtend. Dieses rätselhafte Bild, das alle unsere Vorstellungen von Hierarchien und Kategorien herausfordert, hat Félix Vallotton im Jahr 1913 gemalt.
Im gleichen Jahr entstand unsere großformatige Aktdarstellung, die „Femme couchée“. Mehr noch: Es scheint sich ganz augenfällig um das gleiche Modell zu handeln. Die Weiße, die Vallotton in seinem Hauptwerk so selbstbewusst sich räkelnd ihre Weiblichkeit präsentieren lässt, ist genau dieselbe Frau mit derselben Frisur, die in unserem Gemälde die Augen geöffnet hat und nun den Betrachter xiert. Sie hat diesmal nur ein Laken über ihre Beine gezogen und blickt uns so herrlich unverfroren und lustvoll in die Augen, als hätte sie ein ganzes Leben (oder zumindest eine Woche) auf diesen Nachmittag gewartet.
Auch wenn man es im Angesicht dieses Körpers zunächst kaum glauben mag: Es war für Vallotton ein langer Weg, bis er Weiblichkeit so zu malen vermochte wie hier. Als er sich in den 1890er-Jahren der Gruppe der „Nabis“ anschloss, entstanden im Gleichklang mit Edouard Vuillard oder Maurice Denis Figurendarstellungen von feierlicher Würde, Steifheit fast. Was er zuvor in seinen Holzschnitten angedeutet hatte, also seine Sensibilität für die weiblichen Umrisse, für die leichten Erschütterungen, in die sie durch seelische Unruhe versetzt werden, das vermochte er zunächst nicht in vitaler Form auf die Malerei zu übertragen. Der entscheidende Wendepunkt waren für ihn die Jahre 1904/05: Er modellierte Frauen guren aus Ton und Bronze und lernte so mit den Händen das zu formen, was er dann später auch so handgreiflich zu malen vermochte. Und parallel überrollte ihn das Genie von Ingres. Bei der Retrospektive Ingres‘ von 1905 soll er unvorbereitet auf dessen legendäres „Türkisches Bad“ getroffen und sofort in Tränen ausgebrochen sein. Er war gepackt von der Konturlinie von Ingres, die als Arabeske dem plastisch modellierten Körper eine abstrahierende Stilisierung verleiht. So fand Vallotton in der Kunst die Lösung dafür, wie er das Einzigartige seiner Holzschnitte in Gemälde übertragen konnte. In seinem autobiogra schen Roman „Das mörderische Leben“ lässt er seine Hauptgestalt Jacques Verdier sagen: „Und nichts hat mir mehr die milde Wärme eines Frauenkörpers und das Gewicht einer Brust zu spüren gegeben als die Art und Weise, in welcher Ingres die Gestalt mit einer Linie umschließt.“
Seit diesem Erlebnis wird Vallotton zum Maler der Sinnlichkeit. Auf eine sehr spezielle Form natürlich, versucht er doch, Erotik vor allem durch den Fluss der Silhouette zu erzeugen, der den Betrachter mitreißen soll wie ein reißender Bach. Die Frauen wenden sich deshalb bei Vallotton permanent: um die eigene Achse, zur Seite; sie posieren und sie räkeln sich (siehe rechts den „Nu couché au tapis rouge“, 1909, Musée du Petit Palais, Genf und „Nu a l'echarpe verte“, 1914, Museum of Fine Art, La Chaux-de-Fonds). Vallotton liebt das Spiel mit der Flächigkeit, bevorzugt setzt oder legt er seine Akte an die Schnittkanten der Farben. Wenn das Grün auf das Rot trifft oder das Blau auf das Rot wie bei unserem Bild, dann sind das wiederum nur subtile Stellvertreter für das, was Vallotton in jenen Jahren ganz drastisch als Geschlechterkampf inszeniert. In der trügerischen Ruhe vor dem Ersten Weltkrieg tobt auf seinen Leinwänden ein Kampf zwischen den Elementen. Er wolle, so gestand er seinem Bruder, selbst bei ausbalancierten Betrachtern durch seine Bilder die „uneingestandenen Begehren und Laster“ hervorkitzeln. So schwebt unsere schöne Nackte also nur scheinbar genau zwischen den Gegensätzen, zwischen Rosa und Blau, zwischen Himmel und Erde, zwischen Kalt und Warm, zwischen Friedenszeit und Kriegsbeginn. Sie sagt uns eben auch: Tut doch nicht so, als ob ich euch kalt lasse. Und Vallotton, dieser Liebhaber des Details und der Linien, hat dafür, schaut man genauer hin, auch gleich unter den sinnlichen Lippen der Frau mit zwei geschwungenen Falten einen zweiten Venushügel entworfen, um uns zu zeigen, dass unsere Gedanken um das kreisen, was sich unter dem weißen Tuch verbirgt. Das also ist die ewige Botschaft, die der große Vallotton uns Nachgeborenen aus jedem seiner Bilder zuraunt: Ich verstehe euch.

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