727

Andy Warhol

Pittsburgh 1928 – 1987 New York

„Mona Lisa (Four Times)“. Ca. 1979
Silkscreen ink auf ungrundierter Leinwand. 127,8 × 101,4 cm (50 ⅜ × 39 ⅞ in.) Rückseitig viermal der Stempel: © ANDY WARHOL. Mit einer Bestätigung des Andy Warhol Art Authentication Board, Inc., New York, vom 20. Februar 2009. Das Werk ist dort unter der Nr. 104.091 verzeichnet. Rückseitig der Stempel: Andy Warhol Art Authentication Board, Inc., Working Material. Darunter die Registriernummer in Bleistift: 104.091.  [3530]

ProvenienzPrivatsammlung, New York

EUR 500.000 – 700.000
USD 534,000 – 747,000

„Mona Lisa (Four Times)“

Auktion 276Freitag, den 2. Juni 2017, 18.00 Uhr

Los empfehlenLos notierenGebot abgeben

Florian Illies:
Wie Warhol in Leonardos Mona Lisa das Quartett unserer Moderne erkannte

Andy Warhol war nie unser Zeitgenosse. Er war immer nur zu Gast im Amerika des 20. Jahrhunderts. Wie die ganz wenigen anderen großen Figuren, die aus der Zukunft kamen und schon als Katastrophe erinnerten, was die Menschheit eigentlich noch vor sich hatte, nahm er die tiefen Linien der Vergangenheit ernster als das Gekritzel der Gegenwart. Seine künstlerischen Einschätzungen und Diagnosen waren deshalb so präzise, weil sie – so paradox es klingt – immer bereits auf körperliche und mentale Erfahrungen gründeten, die eigentlich noch niemand gemacht haben konnte. Andy Warhol vermochte, was niemand kann: aus der Zukunft auf seine Gegenwart zurückzublicken.
Und, was das Ganze noch eine Dimension weiterdreht: Er konnte auch aus der Zukunft zurück auf die Vergangenheit blicken, also, wie in unserem Fall, auf die Mona Lisa. Für fast 500 Jahre ist dieses Bild von Leonardo da Vinci nun Teil des kulturellen Gedächtnisses der Welt, vielleicht die erste Pop-Ikone der westlichen Welt. Als sie 1963 in Amerika zu sehen war, geriet auch Andy Warhol, dieser einzigartige Chronist künftiger Sehnsüchte und Katastrophen, in ihren Bann. Natürlich war er genauso von der kunsthistorischen Leitfunktion der Mona Lisa fasziniert wie von ihrer Allgegenwart. Es war also für Warhol eine besondere Attraktion, eines der meistreproduzierten Bilder der Menschheitsgeschichte selbst wieder in einer Reproduktion darzustellen. Und diesen Mechanismus durch Multiplizierung der Mona Lisa auf seiner Leinwand auch bewusst zu feiern.
Unser Bild, dieses Quartett von vier Mona Lisas, das in den späten 70er-Jahren entstand, hat einen besonders roughen, modernen Charakter. Es ist die Rohheit der schwarz bedruckten Leinwand, die zu uns spricht und in einem irritierenden Gegensatz zu der Sanftmut und Entrücktheit des Lächelns der Mona Lisa steht. Warhol hat unsere Arbeit nicht noch einmal überarbeitet, sie ist belassen in ihrer Ursprünglichkeit. Der weiße Balken, der sich bei der unteren Mona Lisa durch die Augen zieht, öffnet darüber hinaus noch einen zweiten Assoziationsraum – erinnert schon das krasse Schwarz-Weiß der Arbeit an die fernen Zeiten des Schwarz-Weiß-Fernsehen, so wird im unteren Bereich die Leinwand endgültig wie eine Simulation eines flimmernden Bildschirms. Man hat das Gefühl, man schaue nicht ein Bild an, sondern eine Sendung über die Mona Lisa und deren Vervielfältigung. Und genau das wäre für Warhol ja kein Makel, sondern eine Auszeichnung. Wenn man also den Eindruck eines Massenmediums mit den Mitteln der Leinwand evozieren kann.
Warhol war ohnehin der Erste, der begriff, dass die massenhafte Verbreitung von Kunst – egal ob es die Mona Lisa ist oder seine eigene – deren Bedeutung nicht schmälert. Wie ein Computerwurm reproduziert sich seine Kunst auf Kaffeebechern und Krawatten und Postern – und ihre Aura schwindet nicht, sie wächst. Das ist eine von Warhols größten Leistungen, eine, von der andere Künstler nur träumen können: Er übernahm für alle Zeiten die Kontrolle über die Rezeption seiner Kunst. Was wahrscheinlich wirklich nur funktioniert, weil seinem Werk die Wirkung, die es auf seine Betrachter ausübt, letztlich so gleichgültig ist, wie Don de Lillo schon 1993 in seinem Buch „Mao II“ vermutete. Je endloser die sinnentleerten Bilderschlaufen der elektronischen Medien um uns werden, umso mehr kommen uns seine gemalten Endlosschleifen der Marilyns und Suppendosen und Mona Lisas als Prophetie vor.
Es war keine Revolution, vierzig Jahre nach Marcel Duchamp eine Suppendose zu malen. Aber es war eine Revolution, die Mechanismen der Suppenproduktion auf die der Gemäldeproduktion zu übertragen. Warhol war ein großartiger Zeichner, der den Strich von Matisse in die Konsumwelt entführte. Er war, das beweisen seine Siebdruckserien, ein Künstler mit einem ganz besonderen Gespür für Farben und Rhythmen und Abfolgen. Seine Einzigartigkeit liegt jedoch vor allem darin, in einer Zeit, in der die abstrakten Expressionisten noch einmal dem Geniekult huldigten, das Leben aus zweiter Hand als Bedingung jedes Kunstwerkes zu definieren. Sein Werk – ob es nun Dutzende Mona Lisas waren, Dutzende elektrische Stühle oder seine eigenen Dutzenden von Assistenten – bewies mit jedem Farbpigment und jeder Faser: Individualität ist nur Schein.
Es gibt bei Warhol keinen Gegensatz mehr von Aura und Massenproduktion. Warhol hatte diese Lektion bei seiner Mutter gelernt. Nichts verehrte sie so sehr wie eine abgegriffene, verbindliche Reproduktion von Leonardos „Letztem Abendmahl“, die als Lesezeichen in ihrem Gesangbuch steckte. Als sich Andy Warhol am Ende seines Lebens seinem großen Werkzyklus der „The Last Supper“ zuwandte, nahm er als Vorlage nicht das Originalfresko und auch keine andere hochaufgelöste Abbildung, sondern das Lesezeichen seiner Mutter. Sein größter Traum war es, selbst wieder Heiligenbildchen zu malen, das von der ganzen Menschheit verehrt wurde. In unserem Fall hat er dabei erneut auf den großen Leonardo da Vinci zurückgegriffen. Die vier Mona Lisas erzählen eben genau nicht von der Austauschbarkeit des Ruhms, nicht von den Wiederholungszwängen der Kunstgeschichte, sondern von deren Gegenteil. Die Mona Lisa ist auf unserem Bild präsentiert wie eine Fernsehansagerin, die weißen Streifen über dem Gesicht scheinen zu flackern, als habe hier jemand auf die Pausetaste gedrückt bei dem Endlosstreifen, der sich Kultur nennt oder Menschheitsgeschichte. Man begreift: Wenn alles multiplizierbar ist, die ganze Kultur, der ganze Alltag, die ganze Geschichte, selbst die Mona Lisa, dann bleibt am Ende tatsächlich nur einer übrig, der einzigartig ist: the one and only Andy Warhol.

Irrtum vorbehalten - wir verweisen auf unsere Versteigerungsbedingungen.