Auktionen Oktober 2018

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Antoine Watteau

Valenciennes 1684 – 1721 Nogent-sur-Marne

„Étude de jeune homme assis, la jambe droite et la main levées“. Rötel auf dünnem Büttenpapier. 15,8 × 11 cm (6 ¼ × 4 ⅜ in.) Werkverzeichnis: Rosenberg/Prat, Band I, Nr. 63, S. 100.  [3411]

ProvenienzMme Watteau, Paris / André Lesouef, Rouen (1957) / Cailleux, Paris / Claus Virch, Paris / Day & Faber Ltd., London (2012)

Addendum/ErratumEinen Harlekin in fast identischer Haltung finden wir in Watteaus Gemälde „Voulez-vous triompher des Belles?“, um 1714/17, in der Wallace Collection, London (Inv.-Nr. P387). Wir danken für diesen Hinweis Prof. Dr. Urs Voßmerbäumer, Mainz.

EUR 70.000 – 90.000
USD 79,500 – 102,300

„Étude de jeune homme assis, la jambe droite et la main levées“

Auktion 294Donnerstag, den 25. Oktober 2018, 14.00 Uhr

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Literatur und AbbildungMargaret M. Grasselli: The Drawings of Antoine Watteau, Stylistic Development and Problems of Chronology. Dissertation, Harvard University, Cambridge, 1987, Band I, S. 124, Band II, S. 447, Band III, Kat.-Nr. 41, Abbildung Nr. 114 / Louis-Antoine Prat: Le dessin français au XVIIIe siècle. Paris, 2017, Abbildung 35, S. 30

Unvergesslich ist die spektakuläre Aktion eines Berliner Freundeskreises, mit dessen Hilfe im Jahr 1983 der Erwerb von Antoine Watteaus „Einschiffung auf der Insel Kythera“ gelang. Das von Friedrich dem Großen erworbene Meisterwerk, im Appartement des Königs im Charlottenburger Schloss aufbewahrt, konnte damals durch eine einzigartige Beteiligung der Berliner, die auch westdeutsche Mäzene begeisterten, für die Stiftung der Preußischen Schlösser und Gärten gesichert werden.
Bernd Schultz war einer der inspirierenden Köpfe. Ohne seine grenzenlose Energie, seinen Ideenreichtum und seinen Enthusiasmus, der Stadt Berlin dieses berühmte Kunstwerk zu erhalten, wäre der Ankauf wohl nicht gelungen. Es ist daher gut zu verstehen, dass der Sammler Schultz besonders glücklich strahlte, als er eines Tages eine Zeichnung dieses bewunderten Malers auf der Maastrichter Kunstmesse erwerben konnte. Mit leuchtenden Augen präsentierte er Besuchern die kostbare Erwerbung der Rötelzeichnung in seinem Cabinet d’amateur unter dem Dach der Villa Grisebach – eine Erwerbung, von der er sich zweifellos schwer für eine neuerliche mäzenatische Geste trennt.
Das Blatt zeigt einen jungen Mann wie schwebend, in zartester Strichführung des Rötelstiftes unmittelbar nach dem Modell gezeichnet. Er sitzt im Freien, vermutlich auf einer Mauer, in lockerer Haltung, eine Hand aufgestützt und die andere wie im Gespräch erhoben. Man könnte sich die Gestalt in dem Gemälde einer „Fête galante“ oder gar der „Einschiffung auf Kythera“ vorstellen, sitzend vor der Statue der Venus und einer Geliebten zugewandt. Allerdings findet sich die Figur in dieser Haltung in keinem Gemälde des Meisters wörtlich wieder. Die Suche der Watteau-Spezialisten war vergeblich.
Watteau war ein unermüdlicher Zeichner. Er hielt die ihm begegnenden Modelle in den für seinen Stil so charakteristischen kurzen, rasch, aber treffend gesetzten Strichen fest, wobei die glänzenden, seidenen Kostüme in ihren Faltenwürfen für die spätere Umsetzung in die Malerei erprobt wurden. Watteau gehört zu den Künstlern, in deren Werk das Zeichnen und das Malen auf eine untrennbare Weise miteinander verbunden sind.
Nur wenige Studien sind erhalten, in denen das Ganze einer Komposition entworfen wird. Watteau setzte die in Rötel vor der Natur erfahrenen und festgehaltenen Zeichnungen im Atelier zu seinen Gemälden zusammen. Er platzierte sie in Landschaften, in denen Mensch und Natur, inspiriert durch Musik, Tanz und die Commedia dell‘arte der Epoche der Régence im Frankreich des frühen 18. Jahrhunderts, eine nur ihm eigene harmonische Stimmung vermitteln.



Thomas W. Gaehtgens, Berlin

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