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Franz Xaver Seegen

1723 – Wien – 1789

Akademisches männliches Aktmodell. 1783
Lindenholz, geschnitzt. 163 cm (64 ⅛ in.) An der Plinthe signiert und datiert: Xaverii Seegen 1783. Ursprünglich gefasst. Der Stein abnehmbar.  [3139]

ProvenienzUm 1974 Sammlung René Clemencic, Wien (erworben von Wolfgang Hofstätter, Wien) / 2015 Shepherd Gallery, New York / Privatsammlung, USA

EUR 100.000 – 150.000
USD 107,000 – 160,000

Akademisches männliches Aktmodell

Auktion 272Donnerstag, den 1. Juni 2017, 11.00 Uhr

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Vergleichsliteratur zu Seegen: Ignatz de Luca: Das gebildete Österreich. Ein Versuch. Bd. 1, Ausgabe 2, Wien, 1775, S. 352. / Mária Pötzl-Málinková: Die Schule Georg Raphael Donners in der Slowakei. In: Mitteilungen der Österreichischen Galerie, Jg. 17 (1973), Nr. 61, S. 77–189 / Barbara von der Heiden-Kopf (verh. Fielhauer): Beiträge zu Leben und Werk der Wiener Bildhauer Franz Xaver Seegen und Johannes Wagner. In: Barbara Balážová (Hg.): Generationen, Interpretationen, Konfrontationen (Tagungsband). Bratislava, 2007, S. 127–139

Für freundliche Hinweise danken wir Ingeborg Schemper, Institut für Kunstgeschichte der Universität Wien, und Monika Knofler, ehem. Direktorin des Kupferstichkabinetts der Akademie der bildenden Künste, sowie Barbara Fielhauer, Wien.

AusstellungGeorg Raphael Donner. Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 1993, Kat.-Nr. 152, S. 548 (Ingeborg Schemper-Sparholz) / Wandlungen – Ereignis Skulptur. Die Sammlung Clemencic. Wien, Österreichische Galerie Belvedere, 2004, Kat.-Nr. 19, S. 259f. (Ingeborg Schemper-Sparholz) / Fifty Years. Five Works. New York, Shepherd Galleries, 2016, Kat.-Nr. 1, S. 8–15

Er tanzt? Er steigt? Er schwebt? – Er verzaubert und er bildet, denn er war Modell der eifrigen Kunstschüler im Aktsaal der Akademie. Hier war seine Pose nobelste Aufgabe, denn „der Direktor der Malerklasse stellt das Modell (unter diesem Worte wird die Natur des Menschen, oder auch eine Draperie nach dem Gliedermanne verstanden) entweder selber, oder rathet den Professoren über dessen Stellung“, wie es in einer Beschreibung der Wiener Akademie der bildenden Künste von 1783 heißt. Das Studium am lebenden oder artifiziellen Modell war neben dem der Antiken in allen Kunstakademien Europas seit dem 18. Jahrhundert Grundbestandteil der Ausbildung. In Wien – wurde berichtet – „steht das Modell von 6 bis 8 Uhr Morgens, und können die Scholaren bey den Antiken, die Mittagsstunden ausgenommen, den ganzen Tag über zeichnen oder bossieren“, um „die schönen Verhältnisse der Theile unter sich, und mit dem Ganzen, die edle Simplizität in Stellung und Anstande, das Erhabene der Expression, und somit das Idealschöne [zu] kennen“ (Anton Weinkopf: Beschreibung der k.k. Akademie der bildenden Künste. Wien 1783).
Das idealschöne Modell eines Mannes in labiler Haltung, aber prononcierter Körperlichkeit wurde für solch hehren Zweck vom Wiener Bildhauer Franz Xaver Seegen geschaffen und selbstbewusst signiert. Wirkt die Körperdrehung – auch wegen der gewundenen Handrücken – barock, ist doch das Figurenideal antikisch geschult, wie die Ponderation der Hüfte belegt, die von den Schultern subtil aufgenommen wird. Seegen zeigt sich hier als akademisch gebildeter Bildhauer, denn auch Albrecht Dürers Proportionsstudien von 1528 – signifikant am starken Kopf – und die anatomischen Studien von Bernhard Siegfried Albinus von 1747 scheinen in seinem Modell rezipiert worden zu sein.
Franz Xaver Seegen arbeitete im Wien der Zeitenwende vom Barock zur Aufklärung. Seit seinem zwölften Lebensjahr hatte sich der Spross einer Bildhauerfamilie im Zeichnen an der Akademie geübt, wo er 1740 als Schüler (Akademiematricul 13. Juni 1740) und ab 1752 als Bildhauer geführt wurde. Bekannt sind von ihm aus dieser Zeit kleinformatige Arbeiten für Kirchen in Niederösterreich, wo er das akademische Körperideal in sinnlich adorierten Engeln auf die Altäre der Provinz brachte (Wallfahrtskirche Maria Kirchbüchl am Schneeberg), aber auch der lebensgroße Christus für die Kalvarienbergkirche in Linz. Dieser ließ 1755 den Auftraggeber schwärmen, „da weder der Ausdruck des die Seele aushauchenden Christus noch die alle Regeln der Kunst erfüllende Struktur des Körpers besser getroffen werden könne“. Der kräftige Körperbau und der verhältnismäßig große ausdrucksstarke Kopf in Kombination mit dem sinnlich empfundenen Seelenleiden trugen zu diesem Urteil über Seegen bei.
An großen Aufträgen mangelte es Seegen dennoch, weswegen er Wien 1760 verließ, um in Oberungarn und Pressburg zu arbeiten. Hier lernte Seegen die stilbildenden Werke Georg Raphael Donners (1693–1741) kennen, der in seinen verinnerlichten Skulpturen – gegen die Expressivität eines Bernini – die Schönheit der menschlichen Gestalt als bildkünstlerischen Wert wiederentdeckt hatte. „Im Wiederspruch zur importierten italienischen Kunst, die vor allem die dekorativen Werte des Aktes kannte, ist für Donner der menschliche Körper Träger des Gefühls mit elegischem Grundton“, konstatiert Mária Malíková, die Seegen als einen der wichtigsten Schüler der zweiten Generation nach Donner bezeichnet, da er zwischen dem spätbarocken Bewegungsideal und einer bereits akademischen Figurenauffassung oszilierte. Entsprechend verband Seegen etwa in seiner Kreuzigungsgruppe von 1768 (Komárno, Donaumuseum, Inv.-Nr. III/564.553) die wiederentdeckte Tektonik des Körpers, die Entfaltung der kontrapostischen Bewegung, mit der Intimität des Rokoko und dürfte damals mit dem für seine psychologischen Bildnisse berühmt-berüchtigten Franz Xaver Messerschmidt (1736-1783) in Kontakt gekommen sein. Zusammen mit diesem wurde Seegen nämlich ordentliches Mitglied der Wiener Kupferstecherakademie von Jakob Schmutzer. Das Wiener Diarium berichtet dazu unter dem 18. März 1769: „Auch Hr. Messerschmidt und Hr. Segen waren auf ihre dem Akademieurtheile unterworfenen Modell von Thon, zu Mitgliedern aufgenommen, von welchen man, das diese geschickten Bildhauer selbe in Metall werden aufgeführet haben, umständlicher Nachricht geben wird.“ In den Akademiematrikeln heißt es im März 1769 zudem über Seegen: „Einem wahren Künstler, wie sie H: Segen kennt, kann es nicht anderst als zum Vergnügen gereichen, wenn man seinen an sich schätzbaren Werken durch Vereinigung der Einsicht die Vollkommenheit zu geben trachtet“.
Kurz zuvor hatte Wiens Kunstwelt versucht, Johann Joachim Winckelmann, den geistigen Begründer des Klassizismus, für die Akademie zu gewinnen, um diese unter der Maxime seines Postulats „Eine edle Einfalt und eine stille Größe“ zu reformieren. Gegen dieses Ideal des veräußerlichten und kühlen Klassizismus stand jedoch eine eigentümliche „Wiener Empfindsamkeit“, die sich besonders unter dem Einfluss des populären Mediziners Franz Anton Mesmer, der den sogenannten animalischen Magnetismus entdeckt haben wollte, auch auf die Kunst niederschlug. Mesmers esoterische Studien zur Wirkung der Planeten und Magneten auf den menschlichen Körper brachten es bis in die Opernwelt Mozarts und waren Grundlage für Messerschmidts expressive Porträtbüsten, die sogenannten Charakterköpfe.
In diesem Spannungsfeld des klassizistisch veräußerlichten und des esoterisch verinnerlichten Menschenbildes arbeitete Seegen, ab 1773 mit eigenem Atelier, an diversen Kirchenausstattungen (Ulrichskirche Wien, 1770, Stockerauer Pfarrkirche, 1781, Pfarrhof Grinzing, 1785), aber auch an kuriosen Projekten wie einer hölzernen Kassette in Buchform, in der sich Holztäfelchen mit Anmerkungen zur Nützlichkeit des Holzes befinden, und einer wachenden Sphinx (Stift Klosterneuburg). Der hier eingeschnitzte Spruch „Geld wachset auf allen Bäumen“ verwirklichte sich für Seegens Spätwerk indes nicht. 1789 starb er mittelos, hinterließ uns jedoch mit seinem letzten Hauptwerk, dem fast lebensgroßen Aktmodell, ein ebenso kurioses wie eindrückliches Werk der Wiener Bildhauerkunst.
Das Aktmodell entstand 1783, in dem Jahr, als Honorarprofessor Messerschmidt starb, und ist eines der ganz wenigen Modelle, die sich aus den Aktsälen Europas erhalten haben. Wie aus den Gemälden Johann Zoffanys bekannt, der den Aktsaal der Royal Academy of Arts 1772 malte, gab es hier neben den lebenden Modellen und Antiken immer auch hölzerne Modelle. Diese kamen im Winter zum Einsatz, wenn die Modelle froren, oder wenn besonders komplizierte Posen geübt werden sollten, in denen es das Lebendmodell nicht lange aushielt. Und so zeigt sich ohne den Stein unter dem Spielbein unseres Aktmodells eine fragil schwebende Gestalt, deren Schwerkräfte fast außer Kraft gesetzt erscheinen. In diesem Moment wird klar, dass in Seegens Modell besonders die Statuarik der Skulptur im Vordergrund steht, die anatomische Ausprägung der Muskeln eine nachgeordnete Rolle spielt.
Seegens Werk ist dabei in der Tradition der Gliederpuppen zu sehen, die seit dem 16. Jahrhundert Künstlern beim Erlernen der Proportionen und Posen dienten, und verweist auf die Anatomische Figur von Jean-Antoine Houdon, der mit seinem „Ecorché“ 1767 die menschliche Muskelzeichnung zu Lehrzwecken abbildete. Dass die Wiener Akademie um 1783 eben ein solches anatomisches Lehrmodell suchte, ist dadurch belegt, dass Johann Martin Fischer (1740–1820) sich hier mit einer drei Schuh großen Gipsfigur um die frei gewordene Bildhauerprofessorenstelle bewarb. In seiner Erklärung betonte der Bildhauer, dass seine Figur im Heroengestus helfen sollte zu ergründen, „welche Muskeln bei dieser oder jener Leidenschaft am meisten zum Vorscheine kommen, welche [...] ruhig und unbemerkbar bleiben; dann werden Sie [die Studenten] nur dasjenige darstellen lernen, was dargestellt werden soll“. Fischers „anatomische Statue“ ist eine Mischung aus gehäutetem Menschenbildnis und ästhetisch geformter Skulptur, legt aber nicht alle Muskelschichten frei. Sie wurde 1785 für den Akademiebetrieb in Blei gearbeitet und brachte Fischer 1786 die erhoffte Professorenstelle und große Bekanntheit ein.
Vielleicht entstand Seegens Aktmodell also damals im Wettstreit um die Professorenstelle an Wiens sich wandelnder Akademie. Vielleicht konnte der tänzelnde Akt Seegens nicht gegen das Klassizistische im heroischen Muskelmann Fischers anstehen, wenngleich ihm wohl weit mehr von der von Fischer für sein Werk apostrophierten „Leidenschaft“ innewohnen dürfte. Vielleicht stand Seegens spätes Hauptwerk für ein letztes Aufbäumen des Empfindsamen in der antikisch gebildeten Donner-Nachfolge gegen den idealschönen und heroischen Akademismus. Und so schwebt das Aktmodell bis heute als Rarissimum zwischen den Epochen der Kunstgeschichte.

Stefan Körner, Wien

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