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Ausgewählte Werke

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Richard Müller

Tschirnitz/Böhmen 1874 – 1954 Dresden

„Gipsbüsten im Atelier“. 1926

Öl auf Leinwand. 106 × 75,5 cm. (41 ¾ × 29 ¾ in.) Oben mittig datiert und monogrammiert: 1926 RM. Auf der Rahmenrückseite der Stempel: Nachlaß Rich. Müller Dresden. Werkverzeichnis: Wodarz M 1926.07.  [3320] Gerahmt 

ProvenienzNachlass des Künstlers / Privatsammlung, Süddeutschland / Privatsammlung, Europa

EUR 50.000 – 70.000
USD 58,100 – 81,400

Verkauft für:
43.750 EUR (inkl. Aufgeld)

„Gipsbüsten im Atelier“

Auktion 336Donnerstag, den 2. Dezember 2021, 18.00 Uhr

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Ursprünglich aus dem Nachlass des Dresdner Malers Richard Müller stammt ein Bild aus dem Jahre 1926, das auf den ersten Blick nichts weiter zeigt als die Ansicht eines Ateliers, in dem verschiedene Gipsabgüsse herumstehen: ein Herkules, ein Diskuswerfer, eine Venus, zwei Porträtbüsten, von denen eine zerbrochen ist, sowie der untere Teil eines auf Höhe der Hüfte geteilten Écorché. Ein Bildhaueratelier ist das aber nicht, denn rechts wartet die Leinwand auf einer Staffelei darauf, bearbeitet zu werden. Der Künstler, dem dies obliegt, ist vermutlich der Mann, der vorn auf dem Boden kniet und mithilfe eines Malstocks etwas sucht, was unter einer großen Plattform verborgen ist. Anders als bei Malern üblich, trägt er keinen Kittel, sondern eine braune Uniform. Diese erinnert entfernt an den altdeutschen Rock, in dem sich die Romantiker einhundert Jahre zuvor gegen die napoleonische Besatzung zur Wehr setzen wollten.
In gewisser Weise hat nun ja auch in Müllers Atelier eine Okkupation stattgefunden. Die Skulptur hat sich breitgemacht, und sie droht, die Malerei zu verdrängen. Um dem entgegenzuwirken, hat der Maler das plastische Volumen der Gipsabgüsse bewusst nicht besonders herausgearbeitet, sondern nur angedeutet und zum Teil willkürlich verflacht. Er konzentriert sich auf die Oberflächen. Sie sind verschmutzt, verwittert, stumpf, porös und grau. Andere Dinge, wie der Bowlerhut, die Tabakspfeife und die Taschenflasche, wirken weitaus lebendiger, und noch lebendiger scheint das zweite wirkliche Lebewesen in diesem Bild: eine Dohle mit ihrem leuchtend blauen Gefieder.
Zusätzlich zu seiner eher geringschätzigen Wiedergabe der Gipsfiguren betont Müller die Stärke der Malerei, indem er unsere Aufmerksamkeit auf die latenten Figurationen lenkt, die sich durch Markierungen der Flächen ergeben. Auf dem Fußboden sieht man weiße Splitter, Krümel und Kreidestriche, aus denen leicht ein Bild werden könnte, auch die Seitenwand des hölzernen Kastens in der Mitte enthält Andeutungen einer figürlichen Darstellung, und das helle Laken an der Stellwand ist mit seinen subtilen Einfärbungen ohnehin schon ein abstraktes Gemälde. Die allerbeste Methode, den Vorrang der Malerei zu demonstrieren, hat Müller naturgemäß ebenfalls angewandt. Sie besteht darin, jedes Bild, das man malt, so gut wie möglich zu malen.
Karlheinz Lüdeking

• Für Richard Müller typisches Gemälde in der Verbindung von altmeisterlicher Technik und bizarrer Verfremdung
• Subtile Demonstration des Vorrangs der Malerei vor der Bildhauerei
• Richard Müller ist auf dem Kunstmarkt immer noch ein Geheimtipp

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