Lupe

Herbstauktionen 2020

Von Beuys bis Liebermann – Ausgewählte Werke

40

Willi Geiger

Schönbrunn b. Landshut 1878 – 1971 München

Der Blinde. 1919

Öl auf Leinwand. 150 × 85 cm. (59 × 33 ½ in.) Unten links signiert und datiert: Geiger 1919. Auf der Stützleiste des Keilrahmens ein Etikett der Neuen Kunst Hans Goltz, München. Sorgfältig restauriert.  [3548] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Hessen / Privatsammlung, Europa

EUR 60.000 – 80.000
USD 70,600 – 94,100

Verkauft für:
106.250 EUR (inkl. Aufgeld)

Der Blinde

Auktion 324Donnerstag, den 3. Dezember 2020, 18.00 Uhr

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Literatur und AbbildungHans Friedrich Eggler: Willi Geiger. München, Bayerischer Volksverlag, 1928, unpag., mit Abbildung (dort datiert: 1922)

Ausgerechnet 1919, im Jahr seiner Übersiedlung von Berlin nach München, malte Willi Geiger dieses Bild, das den „Blinden“ durch eine expressionistische Kulissenlandschaft schreiten lässt, die aus den Berliner Ufa-Studios stammen könnte. Natürlich war die expressionistische Filmsprache ein Sprößling der Malerei, aber doch ein so erfolgreicher, dass wir sie auch mit einer Darstellung verknüpfen können, die vorher entstanden ist. Nicht einmal ein Jahr später erschienen so grundlegende Filme wie der „Golem“ von Paul Wegener mit den Bauten von Hans Poelzig oder Robert Wienes „Cabinet des Dr. Caligari“.
Geiger hat den Blinden als das Format nahezu sprengende Figur ins Bild gesetzt. Auf einem diagonal verlaufenden Weg, der in starker Aufsicht wiedergegeben ist, strebt der Mann mit gelassener Miene einem unbekannten Ziel entgegen. Die Figur hat einen traumwandlerischen Zug, und auch der fügt sich ein in das Interesse am Somnambulen, Unheimlichen und Unerklärlichen, das die Jahre um 1920 kennzeichnete – in Film, Literatur und bildender Kunst. Diese Vorlieben entsprangen den Verwüstungen, die eine angebliche Rationalität auf den Schlachtfeldern des Ersten Weltkriegs und im Gemüt der Menschen hinterlassen hatte. Der Blinde ist das Gegenbild zu denen, die sehenden Auges ins Verderben rannten. Mit der Multiperspektive, die wir von Ludwig Meidners Stadtlandschaften kennen, den organisch anmutenden Bauten und der komplementären Farbgebung, die in ihrer Dezenz wiederum an die viragierten, das heißt zum Teil eingefärbten Filme der Stummfilmzeit erinnert, bewegte sich Willi Geiger auf der Höhe der Zeit. „Der Blinde“ ist ein großartiges Dokument der intensiven Sinnsuche in diesen Jahren. MS

* Bildnerische Sinnsuche zwischen Novemberrevolution und expressionistischem Film
* Monumentales Hauptwerk des Künstlers
* Stimmungsvoller Zweiklang von Violett und Grün

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