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Kunst des 19. Jahrhunderts

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Joseph von Führich

Kratzau 1800 – 1876 Wien

Vision der Einwohner Jerusalems vor der Eroberung durch Antiochus IV. (Epiphanes). Nach 1844

Öl auf Leinwand. 147 × 103 cm. (57 ⅞ × 40 ½ in.) Werkverzeichnis: Vgl. Wörndle 503. Glänzender Firnis.  [3153] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Rheinland (erworben 1986 bei Sotheby's, London)

EUR 25.000 – 35.000
USD 27,800 – 38,900

Vision der Einwohner Jerusalems vor der Eroberung durch Antiochus IV. (Epiphanes)

Auktion 340Mittwoch, den 1. Juni 2022, 15.00 Uhr

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Literatur und AbbildungNineteenth Century European Paintings, Drawings and Watercolours („Eaugronne“). London, Sotheby's, 18./19.6.1986, Kat.-Nr. 120

Zwischen Vision und Traum

An diesem Gemälde offenbart sich die providenzielle Kraft der Kunst auf besondere Weise: Das Schreckensszenario eines Krieges, hier noch als Vision geschaut, hinterlässt seine Spuren in den Pathosformeln des Leids, die sich in der Bevölkerung Jerusalems spiegeln. Junge und Alte, Männer, Frauen und Kinder blicken besorgt in den Himmel, fliehen in die Häuser oder versinken in Gebet oder tatenloser Selbstreflexion. Die Spuren des Krieges zeichnen sich ab, bevor dieser überhaupt zum Ausbruch gekommen ist. Joseph Führich, der bedeutendste Wiener Vertreter der nazarenischen Richtung, hat sich ein Thema gewählt, das von ausgesuchter Seltenheit ist und künstlerisch höchste Ansprüche an die Umsetzung stellt. Dargestellt ist eine Vision: Nach dem apokryphen Buch der Makkabäer (2 Makk. 5, 1-4) soll über der Stadt Jerusalem für vierzig Tage eine Himmelserscheinung sichtbar gewesen sein, welche die Einwohner in Angst und Schrecken versetzte: „Man sah aber durch die ganze Stadt vierzig Tage nacheinander in der Luft Reiter in goldenem Harnisch mit langen Spießen in einer Schlachtordnung; und man sah, wie sie aufeinander trafen und mit den Schilden und Spießen sich wehrten, und wie sie die Schwerter zückten und aufeinander schossen, und wie die goldenen Rüstungen schimmerten, und wie sie mancherlei Harnische hatten. Da betete jedermann, dass es ja nichts Böses bedeuten solle.“ Kurz darauf wurde diese Vision Realität, denn der grausame Herrscher des Seleukidenreiches Antiochus IV. (175–164 v. Chr.) eroberte die Stadt und plünderte auf hochmütige Weise den Tempel. Als Antiochus IV. die jüdische Bevölkerung noch durch das Verbot der Religionsausübung bezwingen wollte, brach der Aufstand der Makkabäer los, der zur Unabhängigkeit des jüdischen Volkes führte. Antiochus IV. wurde von Gott für seine hochmütigen Taten bestraft und verfaulte am lebendigen Leib. Ein Bildthema von großer Ernsthaftigkeit und Schwere, aber doch von Führich 1844 für die Wiener Kunstausstellung gemalt, von wo aus die heute im Belvedere befindliche Fassung für das Kaiserhaus erworben wurde (Inv.-Nr. 2541). Die hier angebotene eigenhändige Replik steht der Wiener Fassung künstlerisch in nichts nach, sondern ist ebenso von großer Erlesenheit in Kolorit und malerischer Ausführung der Details. Führich verlässt auf diesem Gemälde die Strenge der nazarenischen Linie und bedient sich der Gravität des Ausdrucks, wie ihn Raffael und Poussin für die Themen des Alten Testaments als hohen Stil festgeschrieben hatten. Kunstvoll eingesetzte Figurenzitate aus den Meisterwerken der alten Malerei sowie ausdrucksstarke Figuren und lei- dende Physiognomien von großer Intensität machen dieses Gemälde zu einem Meisterwerk der Historienmalerei. Führich zeigt hier in aller Deutlichkeit, was er für ein großer Maler sein kann, wenn er sich von der Dominanz Overbecks löst und eigene Dimensionen des Ausdrucks erarbeitet. In der gekonnten Gegenüberstellung von klirrendem Reiterkampf und dem Leiden der Zivilbevölkerung zudem eine grandiose Parabel für die heutige Gegenwart. Michael Thimann

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