Lupe Stift

Herbstauktionen 2019

167

Gerhard von Kügelgen

Bacharach 1772 – 1820 Loschwitz b. Dresden

„Selbstbildnis im grünen Frack“. Nach 1807

Pastell auf Pergament. 52,8 × 42,5 cm. (20 ¾ × 16 ¾ in.) Auf der Rückpappe oben ein mit Feder in Braun beschrifteter Aufkleber: Dette Billede tilhörer Administrator Johan Ostenfeld. 12/9 43 B. Christoffersen. Werkverzeichnis: Nicht bei Hellermann. – Mit einem Gutachten von Dr. Dorothee von Hellermann, Berlin, vom 18. Juni 2019, und einem Gutachten von Prof. Dr. Helmut Börsch-Supan, Berlin, vom 16. Juni 2019. Wiederholung von Kügelgens „Selbstbildnis im grünen Frack“ von 1807 (von Hellermann 191). Am Rand leicht fleckig.  [3123] Gerahmt 

ProvenienzEhemals Adam Oehlenschläger, Kopenhagen (wohl als Geschenk des Künstlers an den dänischen Dichter)

EUR 30.000 – 40.000
USD 33,000 – 44,000

„Selbstbildnis im grünen Frack“

Auktion 310Mittwoch, den 27. November 2019, 15.00 Uhr

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„Mensch und Maler waren eins in ihm, und daher werden jene Bilder immer einen doppelten Wert behalten“, schrieb Johann Wolfgang von Goethe über Gerhard von Kügelgen, der im Winter 1808/09 erstmals nach Weimar kam, um den Dichter „nach der Person“ zu malen. Nicht nur Caroline Herder war hingerissen von der „fast zerschmetternden Kraft“ des Bildnisses, das „doch nicht übertrieben“ sei. Auch Goethe war zufrieden - und dies nicht die letzte gemeinsame Porträtsitzung.
Das Besondere war, dass Kügelgen, der als Künstler natürlich im Auftrag oder für ein Publikum arbeitete, Bildnisse wie jenes von Goethe für sich selbst schuf. Bevor er 1805 in Dresden heimisch wurde, hatte er bereits in Bonn, Koblenz, München, Rom, Riga und St. Petersburg gelebt und „lebensgroße Brustbilder“ namhafter Zeitgenossen (Künstler, Schriftsteller, Komponisten) gemalt. Aus Weimar brachte Kügelgen neben Goethes nun auch Wielands, Schillers und Herders Bildnisse mit. Er hing sie in seinem Atelier auf, um sich „beim Malen durch die Dichter anregen zu lassen“, so Dorothee von Hellermann. An Pfingsten 1809 stellte er seine „Galerie der Zeitgenossen“ in seiner Wohnung zur Schau – zusammen mit dem „Selbstbildnis im grünen Frack“, das er bereits 1807 in Öl gemalt hatte (Privatbesitz).

Unser Pastell ist eine eigenhändige Wiederholung wohl aus demselben Jahr. Der Geist jener Zeit napoleonischer Besatzung weht durch Kügelgens nach vorne gekämmtes Haar und den verdunkelten Himmel der hintergründigen Elblandschaft. Durch den Verzicht auf jegliche Malattribute betont Kügelgen die geistigen Qualitäten eines Künstlers weit stärker als seine handwerkliche Rolle. Alles konzentriert sich in den weit offenen Künstleraugen, die nach damaligem Verständnis Seele und Wesen des Menschen spiegeln.

Dresden war seinerzeit die führende und sicherlich aufregendste deutsche Kunststadt, in der von leidenschaftlich bis erbittert nicht nur politisch-ideologische, sondern auch künstlerische Richtungskämpfe ausgefochten wurden. Kügelgens nahe Freundschaft mit
Caspar David Friedrich, den er etwa im öffentlichen Kunststreit um den „Tetschener Altar“ selbstbewusst verteidigte, ja dem er sogar „praktische Anregungen in der Malerei“ gegeben haben soll, ist legendär. Auch ihn porträtierte er selbstverständlich. Die Entschlossenheit des Malerfreundes spiegelt sich wie dessen Kunst-Mantra – man solle nicht nur das malen, was man vor sich sieht, sondern auch das, was man in sich sieht – wieder vor allem in den Augen. Als Gerhard von Kügelgen 1820 durch einen Raubüberfall plötzlich aus dem Leben gerissen wurde, trauerte die Dresdner Künstlerschaft – und Friedrich malte das berühmte kleine Gemälde von Kügelgens Grab (Lübeck, Museum Behnhaus Drägerhaus). (Anna Ahrens)


Zum pdf des Textes von Anna Ahrens: Gerhard von Kügelgen - Bilder von doppeltem Wert

Zum Begleittext von Golo Maurer: Künstler im Bild (Lose 165-176)

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