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Kunst des 19. Jahrhunderts

167

Ernst Ferdinand Oehme

1797 – Dresden – 1855

Bergkapelle im Winter. Um 1850

Öl auf Leinwand auf Pappe. 28,7 × 35 cm. (11 ¼ × 13 ¾ in.) Werkverzeichnis: Nicht bei Neidhardt. Retuschen.  [3180] Gerahmt 

ProvenienzEhemals Privatsammlung, Rheinland

EUR 20.000 – 30.000
USD 22,200 – 33,300

Bergkapelle im Winter

Auktion 340Mittwoch, den 1. Juni 2022, 15.00 Uhr

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Variation eines Lebensthemas

Das Motiv der Kapelle im Winter ist für Ernst Ferdinand Oehme eine Art Lebensthema geworden – es hat ihn in verschiedenen Phasen seines Schaffens beschäftigt und durchzieht in Variationen sein Werk wie ein Leitmotiv. Seit seinem ersten großformatigen Gemälde „Dom im Winter“ aus dem Jahre 1821 hatte er sich mit dieser Bildidee auseinandergesetzt, die ihn bis zu seinem Tod begleitete. Dieser letzten Schaffensphase dürfte unsere bisher unbekannte, locker und in Teilen summarisch gemalte Ölstudie mit der Bergkapelle im Winter angehören, die in der winterlichen Stimmung und der einsamen Kapelle motivisch noch Reminiszenzen an die Bilderwelt Caspar David Friedrichs enthält, doch deren Sinnbildlichkeit hinter der Beobachtung der Natur zurücktritt.
Oehme führt den Betrachter in ein verschneites Gebirge, auf dessen Gipfel eine einsame Kapelle vor dem abendlichen, stimmungsvoll aufgeladenen Himmel thront. In klare, kontrastierende Zonen unterteilt – der verschneite Vordergrund, die bereits im Schatten der Sonne liegenden Bergrücken und dahinter der langsam verglühende Abendhimmel –, erhebt sich die dunkle, teilweise verschneite Kapelle wie eine Pyramide zu einem Ort der Hoffnung. Über ihrem Portal bricht das milde Abendlicht durch, es verheißt Wärme in dieser kalten, kaum zugänglichen Gegend; von rechts nähern sich jedoch einige Pilger, um zur Andacht zu gelangen. Sie haben gleichsam ihr Ziel, das Gipfelkreuz erreicht, das über die Kapelle wacht, in der das Evangelium verkündet wird und die Botschaft, dass die Kraft Gottes bis in tief verschneite Gebirgsregionen reicht.
Oehme spiegelt gleichermaßen Fiktives und Visionäres – die Gebirgszüge mögen von Ausflügen nach Böhmen angeregt sein, doch sind sie erfunden. Auch bedient sich Oehme des Bildvokabulars der Dresdner Frühromantik, deutet es aber in einem poetischen Sinne um, der ihn eher mit Ludwig Richter verbindet. Der Zug der Pilger ist von ähnlichen figürlichen Erfindungen Richters angeregt, der in Oehmes Kompositionen „Stimmungsbilder ganz eigentümlicher, hochpoetischer Art“ sah.
Mit dem Motiv der Bergkapelle im Winter hatte Oehme erstmals 1842 gro- ßen Erfolg, als er in der Dresdner Akademie ein erst jüngst wieder aufgetauchtes Gemälde ausstellte. Daneben hat sich Oehme mit dem Thema in zahlreichen Zeichnungen und Aquarellen beschäftigt; in unserem Zusammenhang von besonderer Bedeutung dürfte ein heute verschollenes, ehemals im Besitz des Dresdner Kupferstich-Kabinetts befindliches Aquarell sein, das die Bergkapelle wie unsere Ölstudie im Abendrot zeigte. Oehme hatte 1850 das Thema noch einmal aufgegriffen, als er für das König Ludwig-Album und in einem weiteren Aquarell in Dresden nahezu identische Fassungen im Morgenlicht schuf, die durch eine Radierung Wilhelm Witthöfts Verbreitung fanden. Die Popularität des Motivs mag Oehme in diesem Zusammenhang veranlasst haben, ein abendliches Pendant zu malen, das in seiner Fokussierung auf das Abendlicht als die stimmungsvollste Fassung aller Versionen zu gelten hat. Peter Prange

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