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Kunst des 19. Jahrhunderts

199

Paul Cézanne

1839 – Aix en Provence – 1906

„Homme nu“. Um 1862/65

Kohle auf bräunlichem Bütten, auf Pappe aufgezogen. 46,5 × 30 cm. (18 ¼ × 11 ¾ in.) Werkverzeichnis: Feilchenfeldt/Warman/Nash 2083-TA (https://www.cezannecatalogue.com/catalogue/entry.php?id=174; Abfrage am 6.4.2022). Im Papier vereinzelte Knicke und Randeinrisse, durchs Aufziehen geglättet bzw. geschlossen. Lineare Bereibungen mit kleinen Farbverlusten.  [3200] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Deutschland

EUR 50.000 – 70.000
USD 55,600 – 77,800

„Homme nu“

Auktion 340Mittwoch, den 1. Juni 2022, 15.00 Uhr

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AusstellungVon Linie und Farbe. Französische Zeichnungen des 19. Jahrhunderts aus der Graphischen Sammlung im Städel und aus Frankfurter Privatbesitz. Frankfurt a.M., Städelsches Kunstinstitut und Städtische Galerie, 2001/02, Kat.-Nr. 37, m. Abb. („Männlicher Akt, sitzend“)

Literatur und AbbildungJohn Rewald: The History of Impressionism. New York, The Museum of Modern Art, 1946, Abb. S. 54, und die überarbeitete, erweiterte Auflage New York 1961, Abb. S. 62 („Study of a Negro Model“) / Adrien Chappuis: The Drawings of Paul Cézanne. A Catalogue Raisonné. Greenwich, CT, New York Graphic Society, 1973, Kat.-Nr. 93, m. Abb. („Male nude“) / Auktionen Nr. 86-88: Moderne Graphik, Kunst des 20. Jahrhunderts, Gemälde des 17.-19. Jahrhunderts, Schmuck, Silber. Zürich, Eberhart Auktionen, 30.5.-1.6.1991, Kat.-Nr. 274, m. Abb

Schwarzer Hut und weißes Taschentuch

In der vielbeachteten Frankfurter Ausstellung zur französischen Zeichnung des 19. Jahrhunderts (Städel-Museum, 2001) zog unserer großformatiger Akt bereits die Blicke der Besucherinnen und Besucher auf sich. Paul Cézannes „Homme nu“, eine frühe Meisterzeichnung des Künstlers, entstand im Rahmen damals geläufiger akademische Aktstudien – und weist weit über ebendiese hinaus: „Eng zwischen die Ränder des Papiers gefügt“, zoomt Cézanne sein Modell so nah wie möglich an uns heran. Quasi mit Cézanne zusammen schauen wir auf den im strengen Profil vor uns sitzenden Mann. Sein Körper ist „vor allem aus Flächen“ gebildet, die „einen lebhaften Wechsel von Hell und Dunkel, von beleuchteten und unbeleuchteten Partien, von Oberfläche und Tiefe zeigen“, wie die Cézanne- Spezialistin Inken Freudenberg erklärt. „Schattenlöcher“ sorgen für körperliches Volumen, indem sie visuell „hervorspringen“, ja „alles ins Relief bringen, in Farbe setzen“. Deutlich führt uns Cézanne sein früh ausgeprägtes Interesse an der Wirkkraft von lichten und schattigen Momenten vor Augen – aber nicht im Sinne von „Signaturen des Ephemeren“, wie es etwa für die Impressionisten so bedeutsam war, sondern um den von ihm gewünschten „Eindruck einer festgelegten Bildkomposition“ zu intensivieren: „Die motivische Nähe zu Vorstellungen von Natur stellen sich in Cézannes Figurendarstellungen und Stillleben immer wieder ein – man mag hier nur an die Draperien in seinen Stillleben erinnern, die sich wie Gebirge auftürmen. Diese Formsuche nach Doppeldeutigkeiten ist ein von Cézanne bewusst gewählter Stil“, so Freudenberg. Auch in dieser Hinsicht ist unser früher Akt ein bedeutsames Beispiel. Schauen wir auf die zentrale Partie zwischen Arm und Bauch des Dargestellten, blicken wir auf das bereits angesprochene cézannesche „Schattenloch“ dieser Zeichnung. Es wirkt wie „eine tiefe Spalte, vor der die Bauchpartie gleich einer Felswand aufsteigt“.
1861 war Cézanne aus Aix-en-Provence nach Paris gezogen. In der legendären Académie Suisse, einer Art offe- nem Studienatelier, wo ohne Unterricht – und damit auch ohne akademische Vorgaben und Prüfungen – gegen geringes Entgelt nach lebenden Modellen gezeichnet werden konnte, ist auch unser Kreideblatt entstanden. Eine ganze Reihe heute berühmter Maler zeichnete in den Jahren zwi- schen 1862 und 1865 mit Cézanne zusammen in diesem Akt- saal eines heruntergekommenen Hauses auf der Île de la Cité: Edouard Manet, Auguste Renoir, Alfred Sisley, Claude Monet. Über Monet wissen wir auch von Cézannes Gewohn- heit, „einen schwarzen Hut und ein weißes Taschentuch in die Nähe des Models zu legen, um die beiden Pole zu markieren, zwischen denen sich die Farbwerte zeigen“.
Im rechten oberen Eck ist ein weiteres männliches Kopfprofil angedeutet. Formal sind die Blattnachbarn „bewusst gegenübergestellt“, doch „blicken sie aneinander vorbei, sind wie aus zwei Welten“. Wie Freudenberg aufklärt, fügte Cézanne auf seinen Studienblättern oft Dinge und eben auch Porträts zusammen, die wie zufällig nebeneinanderstehen und doch im Laufe der Bildbetrachtung in Zwiesprache miteinander treten. Anna Ahrens

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