Lupe Stift

Herbstauktionen 2019

237

Max Pietschmann

1865 – Dresden – 1952

Tommy Todtmann. 1885

Öl auf Leinwand. 105,5 × 80 cm. (41 ½ × 31 ½ in.) Unten links signiert und datiert (in die nasse Farbe geritzt): M. Pietschmann Novbr. 85.  [3506]

ProvenienzAus dem Nachlass des Künstlers

EUR 6.000 – 8.000
USD 6,590 – 8,790

Tommy Todtmann

Auktion 310Mittwoch, den 27. November 2019, 15.00 Uhr

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Wir danken Nora Arnold, Robert-Sterl-Haus, Naundorf, Claudia Maria Müller, Dresden, und Frank Kempe, München, für freundliche Hinweise.

Es waren entscheidende Jahre. Die überfälligen Reformen an deutschen Kunstakademien waren bleierndes Thema in öffentlichen wie studentischen Diskussionen und drängten seit den 1880er-Jahren allerorten zu (sezessionistischen) Künstlerinitiativen. Auch die Dresdner Akademie, eine der ältesten Künstler-Ausbildungsstätten im deutschsprachigen Raum, war von Stagnation gekennzeichnet.
Die Berufungen des Belgiers Ferdinand Pauwels 1876 an die Spitze des Meisterateliers für Historien- und Genremalerei sowie Leon Pohles für den vorbereitenden Malsaal stärkten (immerhin) schon mal die malerische Richtung. Als Nachfolger von Julius Schnorr von Carolsfeld, der noch über fast ein Vierteljahrhundert die romantisch-nazarenische Kunstauffassung hochgehalten hatte, war dies bereits eine willkommene Neuerung. Beide kamen aus Weimar, wo Pauwels nicht nur Pohle, sondern auch Max Liebermann unterrichtet hatte. Als Lehrpersönlichkeit schnitt der Meister dennoch bescheiden ab. Nur „zu ungern“ mochte Pauwels „aus seiner eigenen Haut herausblicken“ und besaß „weder für die französisch-deutsche Freilichtmalerei noch für die deutsche Eigenkunst das Herz“, erinnert sich der Dresdner Galeriedirektor Woermann. Ganz anders Leon Pohle: „ein ausgezeichneter Lehrer“, so Neidhardt, „der einen frischen Zug in die Stickluft des Dresdner Akademiebetriebes“ brachte. Der „feine und eher stille Charakter“ habe „den Wert des ganzen Betriebes“ durchschaut – wie seine gelegentlichen „sarkastischen Bemerkungen“ verrieten.
Mitte der 1880er-Jahre versammelte sich in Pohles Malklasse eine ganze Reihe begabter und überaus eigenherziger Schüler, darunter Max Pietschmann, Osmar Schindler, Richard Müller und Robert Sterl. Wie „frisch“ tatsächlich der „Zug“ war, der mit Pohle die akademische „Stickluft“ durchzog und mit welch großem „Jubel“ dies von der Jugend begrüßt wurde, so Sterl, mag aus heutiger Sicht dann aber doch überraschen.
Tommy Todtmann heißt der smarte, dunkelhäutige Mann, der hier mit nacktem Oberkörper und üppigem Tuch in Rot und Gold um die Lenden vor einer nicht näher bezeichneten Wand steht. Er ist jung, wahrscheinlich im Alter der Studenten, wohlgeformte Muskeln modellieren seinen athletischen Körper. Mit verschränkten Armen lehnt er lässig – „irgendwo“. Sich seines Aussehens und seiner physischen Präsenz bewusst, so zumindest macht es den Eindruck, schaut er nach links aus dem Bildraum heraus – gerade als würde auch er etwas beobachten, um sich den auf ihn selbst gerichteten Blicken zu entziehen. Die leichte Untersicht, mit der wir Todtmann begegnen, scheint seine Gegenwart noch zu verstärken. Unser Blick wandert über den malerisch schönen Körper – und lässt uns doch keine Sekunde daran zweifeln, dass ein individueller Charakter, eine echte Persönlichkeit vor uns steht.
Der Porträtist heißt Max Pietschmann. Mit bemerkenswerter Sicherheit in Proportion, Komposition und Ausführung führt uns der erst zwanzigjährige Student sein großes malerisches Können vor. Es ist keine Skizze, die Pietschmann hier anfertigt, auch keine Studie im Sinne einer rein akademischen Fingerübung. Pietschmann porträtiert sein Gegenüber. Er malt Tommy Todtmann.
Unser Porträt macht eine Trilogie von Todtmann-Bildnissen komplett. Todtmann arbeitete damals als Modell an der Dresdner Akademie – in der Malklasse von Pohle, der, selbst ein hervorragender Porträtist, offenbar seinen Studenten die Porträt-Aufgabe gestellt hatte. Das Robert-Sterl-Haus Naunburg bewahrt ein verblüffend ähnliches Bild, gemalt von dem bekannten Deutsch- Impressionisten und verwies auf eine Zeichnung der Künstlerin Erika Streit, die den Namen des Dargestellten notiert. Osmar Schindler porträtierte Todtmann 1885 in vergleichbarer Form (Nachlass des Künstlers). Und Richard Müller? Auch er gehörte damals zur Klasse. Und auch er kannte Todtmann. Seit 1902 lehrte Müller selbst an der Akademie, wurde Professor und schließlich sogar Rektor. 1933 soll er in dieser Funktion bis vor das Ministerium gegangen sein, um sich gegen die Entlassung eines farbigen Modells einzusetzen. Das war nicht irgendein Mann. Es war Tommy Todtmann. (Anna Ahrens)

Zum pdf des Textes von Anna Ahrens: Tommy Todtmann

Zum Begleittext von Karlheinz Lüdeking: Dresden 2.0 (Lose 235-241)

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