Lupe

Herbstauktionen 2020

Von Beuys bis Liebermann – Ausgewählte Werke

6

Rudolf Schlichter

Calw 1890 – 1955 München

Speedy als Madonna. 1934

Öl auf Leinwand. 78,2 × 56 cm. (30 ¾ × 22 in.) Unten rechts signiert und datiert: R. Schlichter 1934. Retuschen.  [3631] Gerahmt 

ProvenienzPrivatsammlung, Baden-Württemberg / Privatsammlung, Sachsen-Anhalt (beim Kunsthandel Werner Fischer, Berlin, erworben)

EUR 120.000 – 150.000
USD 141,000 – 176,000

Speedy als Madonna

Auktion 324Donnerstag, den 3. Dezember 2020, 18.00 Uhr

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Ein ähnliches Werk, „Speedy als Madonna vor Schäbischer Alb“ (94 x 65 cm), ebenfalls von 1934, befindet sich in der Kunststiftung der Sparkasse Pforzheim-Calw.

Untergründige Spannung zwischen psychologischem Ausdruck und ikonografischem Typus Porträts von Speedy, der Frau Rudolf Schlichters, sind sehr selten auf dem Kunstmarkt 1927 lernt Rudolf Schlichter in Berlin die Schweizer „Lebedame“ Elisabeth Koehler kennen, 1929 heiraten sie. Dem damals in Bohème-Kreisen beliebten Hang zu Amerikanismen folgend, nennt sie sich Speedy, und dieser Name passt nicht nur zur Rasanz, mit der sie Einfluss auf Schlichters Leben und Wirken erlangt, sondern überhaupt auf ihre gemeinsame unruhige und wechselhafte Existenz in den Berliner Jahren. Speedy trägt mit wechselnden Herren-bekanntschaften gleichermaßen zu rasenden Eifersuchtsszenen Schlichters wie in nicht geringem Maße zum gemeinsamen Haushaltseinkommen bei. Sie arbeitet auch beim Film als Schauspielerin in Nebenrollen und verkörpert gerade-zu beispielhaft die besondere Melange aus Antibürgerlichkeit, prekären Verhältnissen und aufgedrehter Lebenslust, die das künstlerische Milieu im Berlin der späten 1920er-Jahre am Vorabend von Weltwirtschaftskrise und Nationalsozialismus prägt.
Rudolf Schlichter beginnt in dieser Zeit, sich wieder dem Katholizismus zuzuwenden, zum Schrecken seiner kom-munistisch gesinnten Künstlerfreunde.
Im Bildnis seiner Frau Speedy als Madonna bedient sich der Maler zwar der christlichen Ikonografie, doch der Subtext dieser Darstellung ist keineswegs religiös, sondern beschwört eine unterschwellige Erotik, die sich dem eindringlichen Blick verdankt, den Schlichter diesem Antlitz verleiht. Die gekreuzten, sehnig-kraftvollen Hände unterstreichen den Eindruck, dass wir es hier nicht mit einer Dulderin zu tun haben, und gerade die Verhüllung des Körpers betont die Stärke, die aus dem Blick spricht, der den Maler und uns festnagelt. Natürlich ist dieses Bildnis gleichermaßen Projektion und Ausdruck tieferer Wahrheit. Schlichter malt sich in seine Obsessionen, die er in seiner Autobiografie so beschrieben hat: „[…] gerade die Hüllen, in die der weibliche Körper eingezwängt war, erregten im höchsten Maße mein sinnliches Wohlgefallen, stachelten meine Begierden“ (zit. nach: Rudolf Schlichter: Das widerspenstige Fleisch. Berlin, Edition Hentrich, 1991, S. 168). Die tiefere Wahrheit sagt, dass Speedy Schlichter zu den selbstbewussten Frauen dieser Zeit gehörte und Teil der eigentümlichen Versuchsanordnungen ihres Mannes sein konnte, ohne sich darin zu verlieren. Ein wenig erinnert diese Gemeinschaft an die von Karl und Hilde Hubbuch, die sich in überdrehten Posen fotografierten und dabei auch mit dem Verschieben von Geschlechtergrenzen spielten. Auch von George und Eva Grosz kennen wir die Lust an kolportagehafter Inszenierung. MS

* Reizvolles Spiel mit verschiedenen Identitäten
* Untergründige Spannung zwischen psychologischem Ausdruck und ikonografischem Typus
* Porträts von Speedy, der Frau Rudolf Schlichters, sind sehr selten auf dem Kunstmarkt

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