Lupe

Herbstauktionen 2020

Von Beuys bis Liebermann – Ausgewählte Werke

49

Heinz Trökes

Duisburg-Hamborn 1913 – 1997 Berlin

„Tanz auf schwankendem Grund“. 1947

Öl auf Holz. 60,4 × 45,2 cm. (23 ¾ × 17 ¾ in.) Unten rechts signiert und datiert: Trökes 47. Rückseitig nachträglich betitelt: TANZ AUF SCHWANKENDEM GRUND 1947. Dort auch mit Bleistift bezeichnet: HEINZ TRÖKES BERLIN. Werkverzeichnis: Krause 118.  [3547] Gerahmt 

ProvenienzNachlass des Künstlers / Privatsammlung, Berlin

EUR 30.000 – 40.000
USD 35,300 – 47,100

Verkauft für:
37.500 EUR (inkl. Aufgeld)

„Tanz auf schwankendem Grund“

Auktion 324Donnerstag, den 3. Dezember 2020, 18.00 Uhr

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AusstellungHeinz Trökes. Bilder und Zeichnungen. Berlin, Galerie Bremer, 1947, Kat.-Nr. 25 / Trökes. Bilder, Zeichnungen, Collagen und Skizzenbücher 1938–1979. Berlin, Akademie der Künste, 1979, Kat.-Nr. 132 / So viel Anfang war nie. Kultur aus Trümmern. Deutsche Städte 1945–49. Berlin, Hamburger Bahnhof, 1989, ohne Nr., m. Abb. / Heinz Trökes zum Gedächtnis. Berlin, Galerie Pels-Leusden, 1997 (ohne Katalog) / Aufstieg und Fall der Moderne. Weimar, Kunstsammlungen zu Weimar, 1999, Kat. 499, Abb. / Heinz Trökes. Werke und Dokumente. Nürnberg, Germanisches Nationalmuseum, 2003, Kat.-Nr. W 6, Abb. S. 69 / Heinz Trökes. Surrealismus in Berlin 1945–1950. Berlin, Galerie Thomas Derda, 2017, Kat.-Nr. 4, Abb. auf dem Titel und auf S. 21 / Inventur: Art in Germany, 1943–55. Cambridge, Harvard Art Museums, 2018

Die kürzeste Epoche der deutschen Kunstgeschichte dauerte nicht einmal fünf Jahre. Sie begann 1945, in den Trümmern des Kriegsendes, das große Hoffnungen auf eine geistige und künstlerische Erneuerung freisetzte. Und sie endete schon wenige Jahre später, als die Magie des Neuanfangs mit seinen schier unendlichen Möglichkeiten angesichts der praktischen Anliegen des Wiederaufbaus und des erneut erbittert geführten Kampfs der politischen Systeme wieder verblasst war.
In diesem kurzen historischen Moment des Neubeginns, einem Schwebezustand, der erfüllt war von Schmerz, Angst und Ungewissheit – aber auch getragen von großer Erleichterung und Euphorie – fand sich in Berlin eine lockere Gruppe junger Künstler um die legendäre Galerie Gerd Rosen zusammen, die sich selbst „Berliner Phantasten“ nannten und die später unter dem Begriff Berliner Nachkriegssurrealisten zusammengefasst wurden. Der wichtigste Kopf dieser „Surrealisten“ war zweifellos Heinz Trökes, der – passend zur neu erworbenen Freiheit, die nicht gleich wieder eingeengt werden wollte – diesen Stilbegriff jedoch vehement ablehnte. „Für mich“, bekannte Trökes später einmal, „lag der Surrealismus auf der Straße“. – War der „Surrealismus“ also in Wirklichkeit eine Art „Realismus“?
Ja und nein. Natürlich bot Berlin mit seinen zerstörten Straßenzügen und den gespenstisch aufragenden Ruinen mit ihren toten Fensterhöhlen „surreale“ Motive en masse. Aber das, was Trökes eigentlich meinte, war das existenzielle Gefühl der Verunsicherung, das Gefühl, dass die Welt das Innere nach außen gekehrt hatte, dass diese Welt ein unwirklicher, irrealer Ort geworden war, an dem alles möglich war, an dem alles ineinanderzufließen schien. Was war Realität? Die sichtbaren Dinge erschienen als Ausdruck einer fantastischen Innenwelt.
„Tanz auf schwankendem Grund“ heißt unser Gemälde aus dem Jahr 1947. Fast meint man, das Klappern der Knochen der Tänzer zu hören, die sich hier zu einer bizarren Darbietung zusammengefunden haben. Seltsam schwerelos wirken die tanzenden Gerippe, als seien sie aus den bunten Flächen, die hinter ihnen emporfliegen, ausgestanzt worden. Schon beginnen die ersten dünnen Stelzen zu kippen, die den instabilen, sich wölbenden Boden tragen. Und doch, obwohl die Dinge sich auflösend verselbständigen, scheint alles von einer sensiblen Balance getragen. Es ist ein dauerhafter Zustand des Übergangs, des Schwebens. Wohin das führt? Eine Antwort wird nicht gegeben. Was bleibt, ist die Unsicherheit. Diese innere Unsicherheit einzufangen, ihr standzuhalten und sie künstlerisch auszudrücken, ist das große Verdienst der „Phantasten“. Mit dem „Tanz auf schwankendem Grund“ hat Trökes eine Ikone des Nachkriegssurrealismus geschaffen. MKr

* Hauptwerk des Berliner Nachkriegssurrealismus
* Symbolbild der existenziellen Verunsicherung in der Nachkriegszeit

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