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Sander Collection

604

Franz Wilhelm Seiwert

1894 – Köln – 1933

„Stark abstrahierte Halbfigur“. 1920

Öl auf Pappe. 25,7 × 19,5 cm. (10 ⅛ × 7 ⅝ in.) In der Mitte rechts monogrammiert und datiert: FWS 20. Werkverzeichnis: Bohnen 20. Kleine Retuschen.  [3459]

ProvenienzAugust Sander, Köln (seitdem in Familienbesitz)

EUR 30.000 – 40.000
USD 35,700 – 47,600

Verkauft für:
118.750 EUR (inkl. Aufgeld)

„Stark abstrahierte Halbfigur“

Auktion 333Donnerstag, den 10. Juni 2021, 15.00 Uhr

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AusstellungHoerle und sein Kreis. Frechen, Kunstverein, 1970/71, Kat.-Nr. 222 / Vom Dadamax zum Grüngürtel. Köln in den 20er Jahren. Köln, Kölnischer Kunstverein, 1975 (nicht im Katalog) / Die Progressiven. Hamburg, Galerie Brockstedt, 1975 (nicht im Katalog; lt. rückseitigem Aufkleber) / Die Kalltal-Presse 1919–1921. [...] Die Kölner Progressiven im Kalltal und ihre Begegnung mit B. Traven. Stadt Düren, Papiermuseum des Leopold-Hoesch-Museums, 1994, S. 97, Abb. 23 / Zeitgenossen. August Sander und die Kunstszene der 20er Jahre im Rheinland. Köln, Josef-Haubrich-Kunsthalle, und Kiel, Kunsthalle, 2000, S. 226, Kat.-Nr. 497, u. S. 16, Abb. 10 / köln progressiv 1920–33. seiwert–hoerle–arntz. Köln, Museum Ludwig, 2008, S. 51, Abb. 56 / Los progresistas de Colonia. August Sander y su círculo de amigos. 1920–1933. Valladolid, Museo de Pasión, Sala Municipal de Exposiciones, 2012/13, Abb. S. 64

Aus einzelnen Farbfeldern entsteht das große Ganze. Vierecke, Kreise, in kräftig leuchtenden Farben – reduziert auf wenige, sich teilweise überlappende geometrische Formen. Sie bilden in einer horizontal und vertikal gegliederten Ordnung die „Stark abstrahierte Halbfigur“, wie Franz Wilhelm Seiwert sein 1920 entstandenes Gemälde betitelte.
Sie ist doch zu erahnen, die Halbfigur. Ein länglicher, eiförmiger Kopf – erinnernd etwa an die stilistischen Merkmale der Pittura metafisica – nimmt das Zentrum des Bildes ein und erstreckt sich über mehrere Farbflächen, die überlappen und horizontal wie vertikal den Kopf dermaßen unterteilen, dass sich Augen-, Nasen- und Mundpartie andeuten. Scheinbar ohne jeglichen Übergang geht der Kopf in den Oberkörper über.
Als Seiwert das eindrucksvolle, gegenständlich konstruktivistische Werk malte, befand sich Deutschland im Umbruch. Mit Ende des Ersten Weltkriegs und der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands Ende 1918 wurden Forderungen nach einer Rätedemokratie russischen Vorbilds immer lauter. Seiwert, zweifellos vom russischen Suprematismus und dem niederländischen De Stijl beeinflusst, gründete gemeinsam mit Heinrich Hoerle und anderen Anfang der 1920er-Jahre die Gruppe Kölner Progressive und fand in seiner Kunst ein legitimes Mittel, um seiner politisch links orientierten Gesinnung Ausdruck zu verleihen.
Unsere entindividualisierte Halbfigur entstammt genau dieser Zeit und kann hiermit stellvertretend für diese bedeutende zeitpolitische Künstlerbewegung, der im Übrigen auch August Sander angehörte, gesehen werden: Es geht weniger um das Individuum per se, sondern vielmehr um das Kollektiv, um gesellschaftliche Sozialstrukturen – wie sie in Sanders berühmtem Werk „Menschen des 20. Jahrhunderts“ stereotypisch und schematisiert thematisiert werden.
Der viel zu früh verstorbene Franz Wilhelm Seiwert sehnte die kommunistische Revolution herbei. So kann der rote Punkt in der rechten Bildhälfte seines eindrucksvollen und bedeutenden Gemäldes als rote Sonne am Horizont gedeutet werden. Sie erlischt jedoch 1933 mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten – in seinem Todesjahr.
SSB

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