Lupe Stift

Sommerauktionen 2020

Moderne Kunst

166

Lovis Corinth

Tapiau/Ostpreußen 1858 – 1925 Zandvoort

Selbstbildnis mit Strick um den Hals. 1905

Kreide und farbige Kreide, weiß gehöht, auf Papier. 59,6 × 43,7 cm. (23 ½ × 17 ¼ in.) Unten rechts mit Bleistift signiert und datiert: Lovis Corinth 1905. Leicht gebräunt.  [3355] Gerahmt 

ProvenienzEhemals Wilhelm Kürten, Bielefeld (1927 im Kunst-salon Otto Fischer, Bielefeld, erworben, seitdem in Familienbesitz)

Addendum/ErratumEs liegt eine Leihanfrage zu der Ausstellung „Freitod“ im Herbst 2020 in den Kunstsaelen Berlin vor.

EUR 30.000 – 40.000
USD 32,300 – 43,000

Verkauft für:
72.500 EUR (inkl. Aufgeld)

Selbstbildnis mit Strick um den Hals

Auktion 320Freitag, den 10. Juli 2020, 14.00 Uhr

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In dieser bemerkenswerten Farbzeichnung aus dem Jahr 1905 präsentiert uns Lovis Corinth eine makabre Szene: Mit der linken Hand fasst sich der Künstler an die Brust, die andere greift nach dem Seil, das ihn zu strangulieren droht. Ein verstörendes Bild – und doch sind Tod und Vergänglichkeit Themen, deren sich Corinth in seiner mehr als vier Jahrzehnte umspannenden Laufbahn malerisch immer wieder angenommen hat: „Es ist der Tod, der Corinth von Anfang begleitet hatte, der sich im Bild verbarg, wenn der Maler ihn in all dem kochenden animalischen Leben fliehen wollte, von einer panischen Angst gejagt, die ihn in den Rausch oder in die Arbeit trieb“, schrieb der Kunstkritiker Bruno E. Werner 1935 anlässlich von Corinths zehntem Todestag (Bruno E. Werner, zit. nach: Peter-Klaus Schuster, Christoph Vitali und Barbara Butts (Hg.), Lovis Corinth (Kat.), München/New York 1996, S. 391).
Auch sein berühmtestes, 1896 entstandenes Selbstporträt aus dem Münchner Lenbachhaus zeigt den Künstler mit Skelett, und spätestens der Schlaganfall, den er 1911 erlitt, machte Corinth die eigene Endlichkeit bewusst. Ihren Höhepunkt findet seine Beschäftigung mit dem Motiv schließlich 1922 im sechsteiligen Radierzyklus „Totentanz“, auf dessen erstem Blatt Corinth in einer Vision Tod und Künstler vereint. In seinen Lebenserinnerungen reflektiert Corinth über die Gefahr, die dabei von ihm selbst ausging: „Es ist kein Tag vergangen, an welchem ich es nicht besser fand, aus diesem Leben zu verscheiden. Nur eines war der Unterschied: ich habe es nicht getan!“ Gleichwohl war er davon überzeugt, dass jeder Künstler „ein Stück Selbstmord-Kandidat“ sei. „Noch ist nicht aller Tage Abend und ich will hoffen ein ‚Lebensbejaher’ zu bleiben [...]“ (Lovis Corinth, Selbstbiographie, Leipzig 1926, Reprint Berlin 2014, S. 101). Wie wir heute wissen, war diese Hoffnung nicht umsonst. Und so beließ es der Maler bei der Fantasie, womöglich um damit die eigenen Ängste und inneren Bilder zu bannen, die ihn bedrängten.
GK

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