Die Ausstellung Shapes of the Unknown präsentiert Werke der Künstlerinnen Maria Ceppi und Tessa Whitehead. Sie widmet sich dem, was jenseits der Kontrolle liegt: jenem Schwebezustand zwischen Wahrnehmung und Ahnung, in dem Veränderung entsteht.
Das Unbewusste erscheint hier nicht als romantischer Rückzugsort, sondern als bewegliches, bisweilen bedrohliches Suchfeld aus Erinnerungen, Interpretationen, Ängsten und Bildern. Es wirkt im Hintergrund, durchdringt die Wahrnehmung und verschiebt die Grenze zwischen Innen und Aussen.
Die Arbeiten von Maria Ceppi und Tessa Whitehead nähern sich dem Ungewissen aus unterschiedlichen Richtungen. Was sie verbindet, ist ihre Aufmerksamkeit für das Dazwischen, für Übergänge und Zustände, in denen Bedeutung noch nicht festgelegt ist.
Die Schweizer Multimedia-Künstlerin Maria Ceppi studierte an der École cantonale d’art du Valais (ECAV, heute EDHEA) in Siders/Sierre und an der École nationale supérieure des beaux-arts in Paris.
Mit ihren Hybrid Shapes und Objets Cultes hat Maria Ceppi ein eigenständiges, irritierendes und zugleich poetisches Werk entwickelt, das in der Schweizer und internationalen Kunstszene zunehmend Aufmerksamkeit gewinnt. Zudem zeigt sie in ihren umfangreichen Projekten im öffentlichen Raum eine unverwechselbare Sprache, mit der sie auf den jeweiligen Ort und seine Geschichte reagiert.
Für grosse Aufmerksamkeit sorgten ihre kürzlich stattgefundenen Einzelausstellungen in der Zürcher Galerie Fabian Lang und im Kunstmuseum Thurgau sowie ihre umfangreiche aktuelle Publikation bei Scheidegger & Spiess, die von Mirjam Fischer herausgegeben wurde.
Maria Ceppis Werke treffen den Nerv unserer Gegenwart. Ihre Objekte und Skulpturen – aus Alltagsgegenständen oder einem Mix aus Bronze, Aluminium, Steinguss, Holz, oder Materialien aus der Raumfahrtechnik – verweigern sich einfachen Zuschreibungen. Sie sind vertraut und fremd zugleich, poetisch und widerständig. Genau diese Ambivalenz macht sie zu Resonanzräumen für Fragen, die heute dringlicher sind denn je: Wie gehen wir mit Unsicherheit um? Welche Bedeutung hat das Unvorhersehbare? Und wie können wir staunen, ohne sofort alles erklären zu wollen?
Die Wahrnehmung des Unverfügbaren, ein Begriff des Soziologen Hartmut Rosa, spielt für die Begegnung mit Ceppis Arbeiten eine zentrale Rolle. Sie verlangen nicht, dass wir sie verstehen oder in eine logische Struktur einfügen. Vielmehr laden sie dazu ein, sich auf eine Erfahrung einzulassen, die irritiert und inspiriert. Es ist dieser schöpferische Moment, in dem sich der Blick öffnet und neue Zusammenhänge sichtbar werden – sowohl in uns selbst als auch zwischen uns und der Welt.
Die bahamische Künstlerin Tessa Whitehead (* 1985 in Nassau) studierte am Central Saint Martins College of Art and Design sowie an der Slade School of Fine Art in London. Anschliessend kehrte sie auf die Bahamas zurück, wo sie heute lebt und arbeitet.
Ihr Werk, das zuletzt in der The National Art Gallery of The Bahamas und ihrer Nassauer Galerie Tern gezeigt wurde, zählt zu den wichtigsten Positionen der karibischen Gegenwartskunst.
Als Multimedia-Künstlerin erforscht Tessa Whitehead in ihren Werken den Dialog zwischen ihren inneren Erfahrungen und der tropischen Landschaft. In ihren Gemälden, Zeichnungen und Skulpturen verbindet und kontrastiert sie Elemente der bahamaischen Landschaft mit surrealen Figuren und Familienporträts. So entsteht eine autobiografische Perspektive auf Weiblichkeit und Frausein.
Sechs Gemälde aus den letzten Jahren lassen in der Ausstellung bei Grisebach eine Sphäre lebendig werden, in der Erinnerung, bedrohliche Gefühle, Körper und Landschaft ineinander übergehen. In gedämpften Tonwerten und pastosen Schichten formt Whitehead Szenen, die weniger erzählt als vielmehr erinnert wirken. Weibliche Figuren, Schatten, Pflanzen und innere Dämonen verschmelzen darin zu einem Schwebezustand, der die Enge festgeschriebener Grenzen hinter sich lässt.
Whiteheads Malerei verhandelt das Unsichtbare nicht durch Abstraktion, sondern durch Auflösung. Sie entzieht den Dingen ihre feste Kontur und macht so das Dazwischen sichtbar – den Moment, in dem die Wahrnehmung noch nicht festgelegt ist. Ihre Arbeiten führen in eine Welt, in der Licht Erinnerung wird und Erinnerung Licht, und stehen damit exemplarisch für das Leitmotiv von Shapes of the Unknown: das Erkennen durch das, was sich entzieht.