Wir danken Prof. Michael Thimann, Göttingen, für die Bestätigung der Authentizität der Zeichnung.
Literatur und Abbildung
Auktion 98: Handzeichnungen alter Meister. Bestände aus den Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein. Beiträge aus Schweizerischen und überseeischen Privatsammlungen. Bern, Klipstein und Kornfeld, 16.6.1960, Kat.-Nr. 186, Abb. Tf. 65 (als Werk von Ferdinand Olivier) / C. G. Boerner (Hg.): Dreißig graphische Meisterwerke. Lagerliste 30. Düsseldorf, C. G. Boerner, 1960, Kat.-Nr. 26, m. Abb
Das qualitätvolle kleine Blatt ist ein wahres Wunderwerk nazarenischer Zeichenkunst und zugleich ein Rätselbild ersten Ranges. Unter der Zuschreibung an Ferdinand Olivier ist es in die Sammlung Bauer gelangt. Dies wird im Folgenden zu diskutieren sein. Zunächst muss hier aber die alte Bestimmung des Bildthemas als „Das tugendsame Weib“ (Sprüche Salomonis 31, 10 ff.) korrigiert werden. Friedrich Overbeck hatte 1813 eine Zeichnung dieses Motivs angefertigt, die Ferdinand Ruscheweyh erst 1835 in den Kupferstich übertrug. Auf dieser Grafik ist das tugendsame Weib bei der nächtlichen Arbeit am Spinnrad zu sehen, während ihr Ehemann mit dem kleinen Kind friedlich im Bett schläft: „Wem ein tugendsames Weib bescheret ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen.“ Overbeck hat den allegorischen Charakter des Sprichwortes bildlich zum Ausdruck gebracht, indem er auf der linken Bildhälfte die wohltuenden Leistungen der tugendhaften Nachtarbeiterin emblematisch verschlüsselt zeigt. Auf der vorliegenden Zeichnung sehen wir allerdings keine Allegorie. Aufgrund des Heiligenscheins, des Betpults mit den Gebetbüchern und der Präsenz eines kleinen Engels ist hier wohl die Jungfrau Maria vor der Verkündigung dargestellt. Auf Maria deuten auch die ausradierten Lilien in der Vase auf dem Betpult. Der Alkoven ist überdies leer und weist auf ihre Jungfräulichkeit. In einer langen ikonografischen Tradition wurde Maria gern in ihrer Stube mit Handarbeit beschäftigt dargestellt. Die Ikonografie des tugendsamen Weibes erfordert zudem unbedingt Spinnrocken und Spinnrad, weil diese Arbeit Kern des Bibelwortes ist. Im Vergleich mit der Ruscheweyh-Grafik nach Overbeck, welche bei der alten Bestimmung unseres Blattes wohl maßgeblich war, kann man die Unterschiede deutlich benennen. Der Vergleich funktioniert ikonografisch nicht, ist aber in Hinblick auf die Zuschreibung an Friedrich Overbeck zielführend. Denn die gezeichnete Fensternische ist bei beiden Darstellungen identisch, nur ist sie bei dem tugendsamen Weib geschlossen und wird durch eine Öllampe erhellt. Es ist Nacht; die Frau arbeitet, während die anderen schlafen. Auf der vorliegenden Zeichnung ist es aber Tag und die Sonne scheint herein. Wenn Overbeck der Schöpfer der Zeichnung ist, was die hohe Qualität und die versierte Linienführung nahelegen, so hat er hier eine bemerkenswert genrehafte Darstellung des Marienthemas gegeben, die durch einen töricht mit dem Gebetbuch spielenden Engel, der unausgeführt blieb, sogar eine witzige Pointe erhalten sollte. Im Werk Ferdinand Oliviers wird man kaum eine vergleichbare Zeichnung finden, eher noch bei seinem Bruder Friedrich Olivier, der für seine „Bilderbibel“ ähnlich durchgezeichnete Historien entworfen hat. Sein Strich ist in letzter Konsequenz aber weicher, und ihm fehlt die dürerhafte Meisterschaft in der Wiedergabe der Dingwelt, die Overbeck in diesem Interieur unter Beweis stellt. Daran knüpfen sich weitere Fragen, die einer zukünftigen Beschäftigung mit dem Blatt vorbehalten bleiben müssen. Etwa: Wie verhält sich die vorliegende Zeichnung zu der Vorstellung idealer Bräute, wie sie Overbecks Freund Franz Pforr 1811 auf dem Diptychon „Sulamith und Maria“ gestaltet hat? Michael Thimann
Wir danken Prof. Michael Thimann, Göttingen, für die Bestätigung der Authentizität der Zeichnung.
Literatur und Abbildung
Auktion 98: Handzeichnungen alter Meister. Bestände aus den Sammlungen des Fürsten von Liechtenstein. Beiträge aus Schweizerischen und überseeischen Privatsammlungen. Bern, Klipstein und Kornfeld, 16.6.1960, Kat.-Nr. 186, Abb. Tf. 65 (als Werk von Ferdinand Olivier) / C. G. Boerner (Hg.): Dreißig graphische Meisterwerke. Lagerliste 30. Düsseldorf, C. G. Boerner, 1960, Kat.-Nr. 26, m. Abb
Das qualitätvolle kleine Blatt ist ein wahres Wunderwerk nazarenischer Zeichenkunst und zugleich ein Rätselbild ersten Ranges. Unter der Zuschreibung an Ferdinand Olivier ist es in die Sammlung Bauer gelangt. Dies wird im Folgenden zu diskutieren sein. Zunächst muss hier aber die alte Bestimmung des Bildthemas als „Das tugendsame Weib“ (Sprüche Salomonis 31, 10 ff.) korrigiert werden. Friedrich Overbeck hatte 1813 eine Zeichnung dieses Motivs angefertigt, die Ferdinand Ruscheweyh erst 1835 in den Kupferstich übertrug. Auf dieser Grafik ist das tugendsame Weib bei der nächtlichen Arbeit am Spinnrad zu sehen, während ihr Ehemann mit dem kleinen Kind friedlich im Bett schläft: „Wem ein tugendsames Weib bescheret ist, die ist viel edler denn die köstlichsten Perlen.“ Overbeck hat den allegorischen Charakter des Sprichwortes bildlich zum Ausdruck gebracht, indem er auf der linken Bildhälfte die wohltuenden Leistungen der tugendhaften Nachtarbeiterin emblematisch verschlüsselt zeigt. Auf der vorliegenden Zeichnung sehen wir allerdings keine Allegorie. Aufgrund des Heiligenscheins, des Betpults mit den Gebetbüchern und der Präsenz eines kleinen Engels ist hier wohl die Jungfrau Maria vor der Verkündigung dargestellt. Auf Maria deuten auch die ausradierten Lilien in der Vase auf dem Betpult. Der Alkoven ist überdies leer und weist auf ihre Jungfräulichkeit. In einer langen ikonografischen Tradition wurde Maria gern in ihrer Stube mit Handarbeit beschäftigt dargestellt. Die Ikonografie des tugendsamen Weibes erfordert zudem unbedingt Spinnrocken und Spinnrad, weil diese Arbeit Kern des Bibelwortes ist. Im Vergleich mit der Ruscheweyh-Grafik nach Overbeck, welche bei der alten Bestimmung unseres Blattes wohl maßgeblich war, kann man die Unterschiede deutlich benennen. Der Vergleich funktioniert ikonografisch nicht, ist aber in Hinblick auf die Zuschreibung an Friedrich Overbeck zielführend. Denn die gezeichnete Fensternische ist bei beiden Darstellungen identisch, nur ist sie bei dem tugendsamen Weib geschlossen und wird durch eine Öllampe erhellt. Es ist Nacht; die Frau arbeitet, während die anderen schlafen. Auf der vorliegenden Zeichnung ist es aber Tag und die Sonne scheint herein. Wenn Overbeck der Schöpfer der Zeichnung ist, was die hohe Qualität und die versierte Linienführung nahelegen, so hat er hier eine bemerkenswert genrehafte Darstellung des Marienthemas gegeben, die durch einen töricht mit dem Gebetbuch spielenden Engel, der unausgeführt blieb, sogar eine witzige Pointe erhalten sollte. Im Werk Ferdinand Oliviers wird man kaum eine vergleichbare Zeichnung finden, eher noch bei seinem Bruder Friedrich Olivier, der für seine „Bilderbibel“ ähnlich durchgezeichnete Historien entworfen hat. Sein Strich ist in letzter Konsequenz aber weicher, und ihm fehlt die dürerhafte Meisterschaft in der Wiedergabe der Dingwelt, die Overbeck in diesem Interieur unter Beweis stellt. Daran knüpfen sich weitere Fragen, die einer zukünftigen Beschäftigung mit dem Blatt vorbehalten bleiben müssen. Etwa: Wie verhält sich die vorliegende Zeichnung zu der Vorstellung idealer Bräute, wie sie Overbecks Freund Franz Pforr 1811 auf dem Diptychon „Sulamith und Maria“ gestaltet hat? Michael Thimann