Wir danken Dr. Reimar F. Lacher, Halberstadt, für freundliche Hinweise.
Ausstellung
Bildnis und Komposition 1750–1850. Zeichnungen und Aquarelle aus der Sammlung Heumann, Chemnitz. Leipzig, Museum der bildenden Künste, 1934, Kat.-Nr. 215
Das Porträt stieg in der Epoche der Aufklärung mit ihrem regen Interesse am Menschen zur bedeutenden Bildgattung auf. Anton Graff in Dresden war das Muster eines Porträtisten. Seine Bildnisse schienen nicht nur zu leben, sondern sogar zu denken, wurde er gerühmt – kein geringes Lob im Zeitalter der Vernunft.
Graff hat zahlreiche Selbstporträts geschaffen. Doch von anderen Meistern, die sich sämtlich an seinen Werken schulten, wurde er selten gemalt. Friedrich Georg Weitsch aus Braunschweig stellte sich dieser Herausforderung gleich zweimal. Seine besondere Begabung lag in der Impulsivität seiner Pinselschrift. Gern überraschte er mit genialischer Skizzenhaftigkeit. Ein erstes Porträt Graffs schuf er in den 1790er-Jahren binnen einer Dreiviertelstunde, worauf der Dargestellte „ganz voller Bewunderung stand und sagte, das könne er nicht“.
1798 wurde Weitsch als Hofmaler und einer der Rektoren der Kunstakademie nach Berlin berufen und gab hier im Porträt den Ton an. 1805 machte er sich nach Querelen im Amt auf nach Dresden, um in der Gemäldegalerie Erbauung zu suchen. Diese fand er nicht nur bei den alten Meistern, sondern auch in den dortigen Künstlerkreisen. Er schuf Bildnisse von Graffs Tochter und Schwiegersohn und porträtierte in der Kreidezeichnung auch den Meister selbst. Ob Graff abermals gestaunt hat?
Weitsch wählte braunes Papier als Bildträger, dazu schwarze und weiße Kreide – einfache Mittel, denen er reiche Tonalität abgewann. Das Porträt ist zugleich impulsiv und sorgfältig. Temperamentvolle Züge der Kreide bestimmen den Eindruck, so etwa die Kühnheit der weißen Kontur der Halsschleife. Dabei ist die Wiedergabe des Gesichts überaus nuanciert und sind die Schattierungen fein abgestuft, von schwarzen Krakeln tiefer Faltensohlen bis zu sanften Verreibungen. Wirkungsvoll die Aufmerksamkeit auf das Gesicht sammelnd, läuft die Komposition im Non-finito aus. Mit der spannungsvollen Unterteilung des Hintergrundes hinter dem linken Ohr erfährt das Bildgerüst eine Dynamisierung.
In der beseelten Miene ist das Vorbild von Graffs eigenem Schaffen wirksam. Doch ein derart unverwandter Blick findet sich dort nicht. Weitsch zeigt das Gesicht nicht wie üblich im Dreiviertelprofil, sondern annähernd en face. Das Bildnis führt nicht bloß die Züge des Dargestellten vor Augen, es ist als Begegnung gestaltet.
Ob Graff abermals gestaunt hat? Jedenfalls erwies sich Weitsch ihm gegenüber erneut als Meister eigener Art.
Die Zeichnung ist nun seit Jahrzehnten wieder aufgetaucht. Weiterhin verschollen ist eine Replik, die irrtümlich als Porträt des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi bestimmt war. Reimar Lacher
Kohle, weiß gehöht, auf bräunlichem Papier. 45,5 × 34,4 cm
(17 ⅞ × 13 ½ in.). Unten links monogrammiert, betitelt und datiert: F.G.W.f. Dresden im Julius A 1805. Unten mittig betitelt: Anton Graff. Rückseitig mit dem Sammlerstempel Lugt 2841a. Werkverzeichnis: Lacher W241. [3100]
Provenienz
Carl Heumann, Chemnitz / Walter Bauer, Fulda (1957 im Stuttgarter Kunstkabinett erworben, seitdem in Familienbesitz)
Wir danken Dr. Reimar F. Lacher, Halberstadt, für freundliche Hinweise.
Ausstellung
Bildnis und Komposition 1750–1850. Zeichnungen und Aquarelle aus der Sammlung Heumann, Chemnitz. Leipzig, Museum der bildenden Künste, 1934, Kat.-Nr. 215
Das Porträt stieg in der Epoche der Aufklärung mit ihrem regen Interesse am Menschen zur bedeutenden Bildgattung auf. Anton Graff in Dresden war das Muster eines Porträtisten. Seine Bildnisse schienen nicht nur zu leben, sondern sogar zu denken, wurde er gerühmt – kein geringes Lob im Zeitalter der Vernunft.
Graff hat zahlreiche Selbstporträts geschaffen. Doch von anderen Meistern, die sich sämtlich an seinen Werken schulten, wurde er selten gemalt. Friedrich Georg Weitsch aus Braunschweig stellte sich dieser Herausforderung gleich zweimal. Seine besondere Begabung lag in der Impulsivität seiner Pinselschrift. Gern überraschte er mit genialischer Skizzenhaftigkeit. Ein erstes Porträt Graffs schuf er in den 1790er-Jahren binnen einer Dreiviertelstunde, worauf der Dargestellte „ganz voller Bewunderung stand und sagte, das könne er nicht“.
1798 wurde Weitsch als Hofmaler und einer der Rektoren der Kunstakademie nach Berlin berufen und gab hier im Porträt den Ton an. 1805 machte er sich nach Querelen im Amt auf nach Dresden, um in der Gemäldegalerie Erbauung zu suchen. Diese fand er nicht nur bei den alten Meistern, sondern auch in den dortigen Künstlerkreisen. Er schuf Bildnisse von Graffs Tochter und Schwiegersohn und porträtierte in der Kreidezeichnung auch den Meister selbst. Ob Graff abermals gestaunt hat?
Weitsch wählte braunes Papier als Bildträger, dazu schwarze und weiße Kreide – einfache Mittel, denen er reiche Tonalität abgewann. Das Porträt ist zugleich impulsiv und sorgfältig. Temperamentvolle Züge der Kreide bestimmen den Eindruck, so etwa die Kühnheit der weißen Kontur der Halsschleife. Dabei ist die Wiedergabe des Gesichts überaus nuanciert und sind die Schattierungen fein abgestuft, von schwarzen Krakeln tiefer Faltensohlen bis zu sanften Verreibungen. Wirkungsvoll die Aufmerksamkeit auf das Gesicht sammelnd, läuft die Komposition im Non-finito aus. Mit der spannungsvollen Unterteilung des Hintergrundes hinter dem linken Ohr erfährt das Bildgerüst eine Dynamisierung.
In der beseelten Miene ist das Vorbild von Graffs eigenem Schaffen wirksam. Doch ein derart unverwandter Blick findet sich dort nicht. Weitsch zeigt das Gesicht nicht wie üblich im Dreiviertelprofil, sondern annähernd en face. Das Bildnis führt nicht bloß die Züge des Dargestellten vor Augen, es ist als Begegnung gestaltet.
Ob Graff abermals gestaunt hat? Jedenfalls erwies sich Weitsch ihm gegenüber erneut als Meister eigener Art.
Die Zeichnung ist nun seit Jahrzehnten wieder aufgetaucht. Weiterhin verschollen ist eine Replik, die irrtümlich als Porträt des Philosophen Friedrich Heinrich Jacobi bestimmt war. Reimar Lacher