Deutsche Zeichenkunst aus zwei Jahrhunderten. 1760 bis 1960. Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik aus der Sammlung W.B. Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle, 1967, Kat.-Nr. 123
Literatur und Abbildung
Auktion 92: Kunst 19./20. Jahrhundert. Graphik, Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde. Karl & Faber, München, 1964, Kat.-Nr. 887, m. Abb.
Es handelt sich um eine der frühesten Zeichnungen Moritz von Schwinds, entstanden 1822 während des Studiums an der Wiener Akademie. In dieser Zeit befreundete sich der hochbegabte Zeichner mit Franz Schubert, Franz Grillparzer, den Brüdern Olivier und anderen Romantikern. Das Blatt ist durch und durch romantisch und fügt sich in eine Gruppe früher Zeichnungen Schwinds, die Szenen aus dem Mittelalter, dem Ritterleben und der Legende zum Thema haben. In seinem durchweg poetischen Charakter möchte man es den bedeutenden Frühwerken „Liebespaar im Nachen“ (1823, Hamburger Kunsthalle) und der noch berühmteren „Erscheinung im Walde“ (1823, Washington, National Gallery) an die Seite stellen. Diese Blätter sind lyrisch, auch wenn die Identifikation eines zugrunde liegenden Gedichts schwierig bleibt. So auch im Fall unseres Blattes, das wohl besser den Titel „Der Türmer“ tragen sollte. Denn ein solcher ist hier dargestellt: Ein junger Mann im Renaissancekostüm und mit einem Signalhorn in der Hand hat seinen Posten auf dem höchsten Turm der Stadt bezogen, um deren Bevölkerung vor einem Brand oder der Bedrohung durch ein fremdes Heer zu bewahren. Der Beruf des Türmers war ein wichtiges Amt, auch wenn dessen sozialer Stand nicht sonderlich hoch war. Schwind gibt dieser mittelalterlichen Figur eine poetische Wendung: Sein Türmer blickt verträumt und von Poesie erfüllt über die mittelalterliche Stadt, bei der es sich um Wien mit dem Stephansdom handeln könnte. Der Blick des Türmers reicht in die weiteste Ferne, über die Ebene bis an den Beginn der Berge. Das macht wahrscheinlich, das Schwinds Erfindung ein Gedicht Goethes zugrunde lag, nämlich das „Lied des Türmers“ aus dem zweiten Teil des „Faust“: „Zum Sehen geboren, / Zum Schauen bestellt, / Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt. // Ich blick in die Ferne, Ich seh in der Näh /Den Mond und die Sterne, Den Wald und das Reh. (…)“. Schwinds Zeichnung ist in ihrer feinen Ausführung mit hauchzarter Lavierung ein vollendetes Kunstwerk und geht zeitlich dem Gemälde „Der Türmer“ von Eduard von Steinle von 1859 in der Sammlung Schack voran, das gemeinhin als bedeutendste romantische Gestaltung dieses Bildthemas gilt. Schwind ist ihm, was kunsthistorisch bisher völlig unbekannt war, in vollendeter Weise zuvorgekommen. Michael Thimann
Deutsche Zeichenkunst aus zwei Jahrhunderten. 1760 bis 1960. Aquarelle, Zeichnungen und Druckgraphik aus der Sammlung W.B. Karlsruhe, Staatliche Kunsthalle, 1967, Kat.-Nr. 123
Literatur und Abbildung
Auktion 92: Kunst 19./20. Jahrhundert. Graphik, Zeichnungen, Aquarelle und Ölgemälde. Karl & Faber, München, 1964, Kat.-Nr. 887, m. Abb.
Es handelt sich um eine der frühesten Zeichnungen Moritz von Schwinds, entstanden 1822 während des Studiums an der Wiener Akademie. In dieser Zeit befreundete sich der hochbegabte Zeichner mit Franz Schubert, Franz Grillparzer, den Brüdern Olivier und anderen Romantikern. Das Blatt ist durch und durch romantisch und fügt sich in eine Gruppe früher Zeichnungen Schwinds, die Szenen aus dem Mittelalter, dem Ritterleben und der Legende zum Thema haben. In seinem durchweg poetischen Charakter möchte man es den bedeutenden Frühwerken „Liebespaar im Nachen“ (1823, Hamburger Kunsthalle) und der noch berühmteren „Erscheinung im Walde“ (1823, Washington, National Gallery) an die Seite stellen. Diese Blätter sind lyrisch, auch wenn die Identifikation eines zugrunde liegenden Gedichts schwierig bleibt. So auch im Fall unseres Blattes, das wohl besser den Titel „Der Türmer“ tragen sollte. Denn ein solcher ist hier dargestellt: Ein junger Mann im Renaissancekostüm und mit einem Signalhorn in der Hand hat seinen Posten auf dem höchsten Turm der Stadt bezogen, um deren Bevölkerung vor einem Brand oder der Bedrohung durch ein fremdes Heer zu bewahren. Der Beruf des Türmers war ein wichtiges Amt, auch wenn dessen sozialer Stand nicht sonderlich hoch war. Schwind gibt dieser mittelalterlichen Figur eine poetische Wendung: Sein Türmer blickt verträumt und von Poesie erfüllt über die mittelalterliche Stadt, bei der es sich um Wien mit dem Stephansdom handeln könnte. Der Blick des Türmers reicht in die weiteste Ferne, über die Ebene bis an den Beginn der Berge. Das macht wahrscheinlich, das Schwinds Erfindung ein Gedicht Goethes zugrunde lag, nämlich das „Lied des Türmers“ aus dem zweiten Teil des „Faust“: „Zum Sehen geboren, / Zum Schauen bestellt, / Dem Turme geschworen, Gefällt mir die Welt. // Ich blick in die Ferne, Ich seh in der Näh /Den Mond und die Sterne, Den Wald und das Reh. (…)“. Schwinds Zeichnung ist in ihrer feinen Ausführung mit hauchzarter Lavierung ein vollendetes Kunstwerk und geht zeitlich dem Gemälde „Der Türmer“ von Eduard von Steinle von 1859 in der Sammlung Schack voran, das gemeinhin als bedeutendste romantische Gestaltung dieses Bildthemas gilt. Schwind ist ihm, was kunsthistorisch bisher völlig unbekannt war, in vollendeter Weise zuvorgekommen. Michael Thimann