Pissarro schuf im Laufe seines Lebens einige Selbstbildnisse, aber nur dieses eine in Form einer Radierung. Pissarro schätzte die Radiertechnik sehr, betrachtete sie als eigenständige künstlerische Ausdrucksform, und er beherrschte diese Technik so meisterhaft wie nur wenige seiner Zeitgenossen, weil er die impressionistische Philosophie, den flüchtigen Eindruck eines Augenblicks einzufangen, auf das Medium der Radierung übertrug. Insbesondere die Radierungen aus den Jahren 1879 und1880 gelten als Höhepunkt des impressionistischen Stils in der Druckgrafik. Pissaro schuf reiche, atmosphärische Grautöne, die die Effekte von Licht und Wetter, wie beispielsweise Regen, meisterhaft wiedergaben.
Mit dem feinen Stichel und den geätzten Linien gelingt es ihm in diesem Selbstbildnis aufs Vortrefflichste, die Textur seines bärtigen, alternden Gesichts einzufangen. Besonders eindringlich wird das Blatt durch den nachdenklichen, fast melancholischen Blick, der nicht direkt auf den Betrachter gerichtet ist, sondern einen verinnerlichten, sich selbst ergründenden Menschen zeigt. Vergleichbar mit den späten Selbstbildnissen von Rembrandt, der ebenso schonungslos in seiner Selbstbetrachtung war, nutzte Pissarro die gleiche Technik, um die Verletzlichkeit und auch die Würde des Alterns zu zeigen.
Um 1890 befand sich Pissarro gerade in einer Phase des Umbruchs, in der er den pointillistischen Stil wieder zugunsten des Impressionismus zurückstellte. Dies mag auch mit der gleichzeitigen chronischen Augeninfektion zusammenhängen, die ein Arbeiten im Freien zunehmend unmöglich machte. Außerdem war kurz zuvor seine Mutter gestorben, mit der er eng verbunden gewesen war. Das Porträt spiegelt in anrührender Weise die Belastungen und Härten wider, die er zu dieser Zeit durchlebte. Es bietet einen intimen Einblick in die Persönlichkeit des älteren Künstlers, der durch die expressiven Möglichkeiten des Mediums besonders ausdrucksstark und nachdenklich wirkt. KvK
Radierung und Kaltnadel auf Bütten. 18,8 × 17,6 cm (35,7 × 26,8 cm)
(7 ⅜ × 6 ⅞ in. (14 × 10 ½ in.)). Signiert und bezeichnet. Werkverzeichnis: Delteil 90. Einer von 28 Abzügen dieses Zustandes. Gebräunt und stockfleckig. [3118]
Provenienz
Privatsammlung, Norddeutschland (1910 während der Großen Kunstausstellung in der Kunsthalle Bremen erworben)
Pissarro schuf im Laufe seines Lebens einige Selbstbildnisse, aber nur dieses eine in Form einer Radierung. Pissarro schätzte die Radiertechnik sehr, betrachtete sie als eigenständige künstlerische Ausdrucksform, und er beherrschte diese Technik so meisterhaft wie nur wenige seiner Zeitgenossen, weil er die impressionistische Philosophie, den flüchtigen Eindruck eines Augenblicks einzufangen, auf das Medium der Radierung übertrug. Insbesondere die Radierungen aus den Jahren 1879 und1880 gelten als Höhepunkt des impressionistischen Stils in der Druckgrafik. Pissaro schuf reiche, atmosphärische Grautöne, die die Effekte von Licht und Wetter, wie beispielsweise Regen, meisterhaft wiedergaben.
Mit dem feinen Stichel und den geätzten Linien gelingt es ihm in diesem Selbstbildnis aufs Vortrefflichste, die Textur seines bärtigen, alternden Gesichts einzufangen. Besonders eindringlich wird das Blatt durch den nachdenklichen, fast melancholischen Blick, der nicht direkt auf den Betrachter gerichtet ist, sondern einen verinnerlichten, sich selbst ergründenden Menschen zeigt. Vergleichbar mit den späten Selbstbildnissen von Rembrandt, der ebenso schonungslos in seiner Selbstbetrachtung war, nutzte Pissarro die gleiche Technik, um die Verletzlichkeit und auch die Würde des Alterns zu zeigen.
Um 1890 befand sich Pissarro gerade in einer Phase des Umbruchs, in der er den pointillistischen Stil wieder zugunsten des Impressionismus zurückstellte. Dies mag auch mit der gleichzeitigen chronischen Augeninfektion zusammenhängen, die ein Arbeiten im Freien zunehmend unmöglich machte. Außerdem war kurz zuvor seine Mutter gestorben, mit der er eng verbunden gewesen war. Das Porträt spiegelt in anrührender Weise die Belastungen und Härten wider, die er zu dieser Zeit durchlebte. Es bietet einen intimen Einblick in die Persönlichkeit des älteren Künstlers, der durch die expressiven Möglichkeiten des Mediums besonders ausdrucksstark und nachdenklich wirkt. KvK