Gero von Boehm: Herr Schultz, lassen Sie mich eine These aufstellen. Wenn es die Institution des Auktionshauses nicht gäbe, müsste man sie für Bernd Schultz, glaube ich, erfinden. Einerseits die Möglichkeit, sich mit Kunst aus allernächster Nähe zu beschäftigen, und andererseits, als geborener Bremer Kaufmann reichen Leuten das Geld aus der Tasche zu ziehen. Das ist Ihnen doch auf den Leib geschneidert, oder? Konnten Sie sich jemals etwas anderes vorstellen?
Bernd Schultz: Ja, ich habe mir anfänglich etwas anderes vorgestellt. Ich wäre gern Privatbankier geworden. Ich habe noch die wunderbaren jüdischen Privatbankiers erlebt, die eben auch gleichzeitig eine umfassende Bildung besaßen. Sie interessierten sich für Kunst, ob das Musik, Literatur oder ob es Bilder waren. Es gibt eine nicht untypische Geschichte, die mir Heinrich Grünewald aus Poole bei Bornemouth erzählt hat: Kommt ein Kunsthändler Hilfe suchend zu ihm: „Ich möchte gerne ein Bild kaufen, einen bedeutenden Leistikow. Leider habe ich nur die Hälfte des Geldes. Können Sie mir helfen?“ Die Antwort: „Was sollen Sie denn bezahlen?“ – „40.000.“ – „Sie wollen von mir, dass ich Ihnen 20.000 leihe?“ – „Ja.“ – „Jetzt werde ich Ihnen was sagen. Erstens sind die 40.000 zu viel. Sie können höchstens 30.000 dafür bezahlen, weil Sie maximal 45.000 bis 50.000 bekommen, wenn Sie das Bild verkaufen. Wenn Ihnen das gelingt, würde ich mich gern hälftig an dem Geschäft beteiligen.“ Risikofreudig und stets gut informiert. So waren die damaligen Bankiers. Herzerfrischend! Wo finden Sie das heute?