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In den 1960er-Jahren begann Yves Klein mit seinen Anthropometrien, Abdruckbildern bemalter Frauenkörper. Die „Anthropométrie SU 30" in International Klein Blue (IKB), Rosa und Schwarz gehört zu dieser Werkgruppe und nimmt innerhalb der sogenannten „Suaires" eine besondere Stellung ein – denn ihr genauer Entstehungsprozess ist bis heute nicht abschließend geklärt. Unser Essay nähert sich ihrer besonderen Form über die christliche Tradition der Schweißtücher und die Idee des Bildes als Spur einer Berührung.

Am 9. März 1960 lädt Yves Klein rund hundert Sammler, Künstler und Kritiker in die Pariser Galerie Internationale d'Art Contemporain ein. Boden und Wand sind mit weißen Papierbahnen ausgelegt, ringsum stehen goldene Stühle. Nachdem die Gäste Platz genommen haben, treten neun Männer ein: drei Geiger, drei Cellisten und drei Sänger. Sie stimmen einen Ton an, den sie zwanzig Minuten lang halten; darauf folgen zwanzig Minuten Stille – Kleins „Monotone Symphonie". Der Künstler erscheint im Smoking, mit weißer Krawatte und dem Malteserkreuz des Sebastianordens. Schließlich betreten drei nackte Frauen mit Eimern blauer Farbe den Raum. Auf Kleins leise Anweisungen hin tragen sie die Farbe auf ihre Körper auf und drücken einzelne Körperpartien gegen das Papier, sodass blaue Abdrücke entstehen – in jenem leuchtenden Ultramarin, das als International Klein Blue (IKB) bekannt wurde. Kritiker beschrieben das Ereignis später als ruhig, zeremoniell und von beinahe religiösem Charakter.

Klein wollte die Entstehung seiner „Anthropometrien", wie Pierre Restany, Kritiker und Theoretiker des Nouveau Réalisme, diese Körperabdruckbilder nannte, nicht als erotisch-skandalöse Aktion verstanden wissen. Für ihn waren sie vielmehr eine Methode, sich ebenso unmittelbar mit dem „Menschen aus Fleisch und Blut" zu konfrontieren wie die Landschaftsmaler mit der Landschaft. Die beteiligten Frauen bezeichnete er als „lebende Pinsel". Restany wiederum verortete Kleins neu „erfundene" Technik, für die er 1960 ein Patent erhielt, in der Geschichte der Höhlenmalerei, wo Handabdrücke neben Tierzeichnungen als frühe Zeugnisse menschlichen Kunstschaffens erscheinen. Klein selbst brachte seine Anthropometrien nach der öffentlichen Vorführung mit dem Glauben an die „Wiederauferstehung des Fleisches" in Verbindung.

Die „Anthropométrie SU 30" von 1960 gehört zu einer kleinen Gruppe, die Restany als „Anthropométries Suaires" betitelte. Die verblasste Widmung an den Filmemacher Yvan Butler, der Kleins Arbeit in Krefeld dokumentierte, stellt zugleich eine Verbindung zur rheinischen Kunstszene und dem Umfeld der jungen ZERO-Bewegung her. Die „Suaires" – Schweißtücher oder Grabtücher – zählen zu den statischen Anthropometrien, die nicht im Rahmen einer performativen Aktion entstanden, sondern als fixierte Kontaktspuren. Einige dieser Arbeiten zeigen anthropomorph anmutende, symmetrisch aufgefächerte Blumen- oder Schmetterlingsformen. Für diese mehrfarbigen „Suaires" beschreibt Restany ein Verfahren, bei dem der gespreizte Innenbereich der Schenkel und des Schritts des Modells auf einen zylindrischen Träger, etwa eine Art Nackenrolle, aufgesetzt wurde.

Die annähernd symmetrische, blau-rosa-schwarze Form von „Anthropométrie SU 30" erinnert zunächst an diese Gruppe, doch die unregelmäßige, stellenweise dünne Pigmentverteilung verweist auf einen anderen Entstehungsprozess. Vermutlich wurde der Stoff um bestimmte, mit Farbe versehene Körperpartien des Modells gelegt, an den Körper angeschmiegt und anschließend wieder geöffnet. Der Bildträger erscheint hier nicht als passive Fläche, auf die der Körper sich einschreibt, sondern als Tuch, das den Körper umhüllt, berührt und dessen Spuren aufnimmt. Damit verschiebt sich auch das Verhältnis von aktivem Körper und passivem Bildträger: Der Stoff empfängt die Farbspur nicht nur, sondern formt sie durch Faltung, Druck und Berührung aktiv mit.

Gerade diese unmittelbare Berührung verbindet die „Suaires" mit Kleins Verständnis der Anthropometrien insgesamt. Die zuweilen figürlich erscheinenden Körperabdrücke wirken zunächst wie eine Abkehr von Kleins monochromer Malerei. Er begreift die Anthropometrien jedoch ebenso wenig als figürlich, wie er die Monochrome als konventionell abstrakt versteht. Mit beiden zielte er darauf ab, das Leben als solches zu zeigen. In diesem Sinn versteht Klein die Anthropometrien als Rückkehr zu einem Realismus, der sich durch das Immaterielle verwirklicht. Real ist nicht das mimetische Abbild des Menschen, sondern der Kontakt des Körpers mit dem Bildträger, in dem sich Präsenz und Abwesenheit zugleich bewahren. „Die Form des Körpers, seine Umrisse, seine zwischen Leben und Tod schwankenden sonderbaren Farben", so Klein, interessierten ihn nicht. „Wichtig ist nur die beseelte, reine und wesentliche Stimmung des Fleisches."

Vor diesem Hintergrund erhält auch der Titel „Suaire" seine besondere Bedeutung. Er verweist auf die christliche Tradition des textilen Kontaktbildes, insbesondere auf das Schweißtuch der Veronika. Der Legende nach soll das Tuch den Abdruck des Antlitzes Jesu Christi zeigen, nachdem die heilige Veronika ihm auf dem Weg zum Kalvarienberg Blut und Schweiß vom Gesicht gewischt hatte. Das Tuch gehört zur Tradition der Acheiropoieta, also jener „nicht von Hand gemachten" Bilder, die nicht auf künstlerischer Darstellung, sondern auf unmittelbarem Kontakt mit dem Körper Christi beruhen.

Der Kunsthistoriker Georges Didi-Huberman beschreibt die Logik dieser Kontaktbilder in seiner Analyse solcher Bildwerdung durch reinen Körperkontakt ohne Darstellung. Auch der indexikalische Wert der „Anthropométrie SU 30" ergibt sich nicht aus ihrer Ähnlichkeit mit einem Körper, sondern aus dem Kontakt mit ihm. In diesem Sinn bildet sich die Figur hier gerade dort, wo sie verschwindet: Jede Figur hat demnach ihren Ursprung an jenem Ort, an dem sie ausgelöscht wird, sofern es sich um einen Ort der Berührung handelt. Die Spur des Unmittelbaren wird erst mit der Ablösung vom Körper sichtbar: Das „Fleisch" ist nicht mehr anwesend, doch im Stoff bleibt seine Berührung als vergangene Gegenwart bewahrt.

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